Interview

Sacha Baron Cohen bringt Ali G zurück: «Er ist ein problematischer Dinosaurier»

Wie relevant ist Ali G heute noch? Sacha Baron Cohen will es mit dem Film «Ali G: Who Iz I?» herausfinden.

Ende der neunziger Jahre kreierte Sacha Baron Cohen den Möchtegern-Rapper «Ali G» aus der britischen Vorstadt für eine Sketch-Show. Dessen einfältige Interviews mit ahnungslosen Polit- und Gesellschaftsgrössen, darunter Donald Trump und Buzz Aldrin, machten Cohen berühmt und legten den Grundstein für seine späteren Mockumentary-Figuren Borat und Brüno. Nun bringt der 55jährige Brite Ali G wieder zurück: Er ringt in «Ali G: Who Iz I?» mit einer Identitätskrise und Cancel-Culture. Warum Ali G auch heute noch relevant ist, erklärte Cohen letzte Woche in einer Zoom-Konferenz.

Bei «Borat» und «Brüno» gaben Sie Ihre Interviews als Film-Figur. Heute erscheinen Sie als Sacha Baron Cohen. Weshalb?

Sacha Baron Cohen: Ich bin als mich und als Ali G unterwegs. Ich sag Ihnen, es ist schwierig, mit ihm ein Bett zu teilen und er kommt immer zu spät…aber im Ernst: Es ist das erste Mal, dass ich auch Regie führe. Nuancen zu erklären, wäre als Ali G zu kompliziert gewesen. Aber auf Social Media und in den Strassen von New York und London habe ich einiges als Ali G gemacht.

«Da Ali G Show» endete vor 22 Jahren. Warum bringen Sie ihn jetzt zurück?

Es ist eine lange Geschichte. Angefangen hat es damit, dass ich eine Stand-Up-Tour in Australien während der Covid-Pandemie machte. Borat und Brüno waren okay, aber Ali G wurde fast wie eine reale Person behandelt. Mir gefiel die Idee, ein Relikt aus einer anderen Zeit in die heutige Welt zu setzen. Ich war vor kurzem am Tennis-Turnier in Wimbledon. Als ich als Sacha hin ging, kümmerte sich niemand um mich. Das ist auch gut so. Am Tag darauf ging ich als Ali G und hatte 500 Leuten um mich. Vielleicht erinnert er die Leute an ihre Jugend.

Die Zeiten haben sich geändert. Funktioniert ein kultureller Aneigner wie Ali G heute noch?

Genau: Ali G ist immer noch der dumme Weisse, der sich fremde kulturelle Elemente aneignet, aber er ist für den Frieden und gegen Hass. Er ist ein problematischer Dinosaurier in einer Welt mit gesellschaftlichen und kulturellen Gräben und Identitätspolitik. Deshalb bekommt er mit der weissen Retterfigur Dr. Nira Cain-N.Degeocello einen Gegenspieler, der ihn canceln will.

…auch dies eine problematische Figur, die Sie selber spielen…

Man muss halt das Teleskop umkehren: Die Satire zielt ja auf die Figur. Es war wichtig, dass wir Dr. Nira Cain-N.Degeocello in einem Community Center für Schwarze vorstellen, wo die Leute darüber sprechen, was sie besorgt - Gentrifizierung zum Beispiel und Morde an jungen Schwarzen. Dann kommt dieser weisse Retter und sagt ihnen, worum sie sich wirklich Sorgen machen sollten. Das ist richtig herablassend, aber er weiss es ja besser, denn er hat einen Doktortitel in Ethnomusikologie (schmunzelt).

Kritische Stimmen sagen Ali G sei ein Alibi für Rassismus. Gegen den Film läuft eine Boykott-Kampagne. Was sagen Sie dazu?

Einer unserer Autoren, Colton Dunn, hat es gut ausgedrückt: Ali G ist kein Rassist, er ist ein Werkzeug, Rassismus aufzudecken. In der Kunst oder hier in Comedy gilt: man kann auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zielen, so dass alle alles verstehen, oder man versucht etwas Bahnbrechendes, etwas, das zu einer toleranteren Gesellschaft führt und Vorurteile aufdeckt. Ich wähle das Zweite. Das hat immer zu Kontroversen geführt. Als ich 2008 «Brüno» drehte, waren Schwulenwitze noch okay und Analverkehr war in vielen US-Bundesstaaten gesetzlich verboten. Wir haben im Film gezeigt, wie schnell Homophobie zu extremer Gewalt führt. Ich habe damals mein Leben für einen Film gegen Homophobie riskiert und wurde gleichzeitig der Homophobie beschuldigt.

Was motiviert Sie letztlich, sich so zu exponieren?

Ich will die Leute zum Lachen bringen. Ich mache endlos Test-Screenings, damit pro Minute so viele Lacher wie möglich drin sind. Dazu will ich die extremen Seiten von Komödie und menschlichem Verhalten ausloten und mit Satire Diskussionen anstossen. Ich habe als Borat mal in einer Bar in Arizona einen Song mit der Textzeile «Wirf den Juden in den Brunnen» gesungen. Alle in der Bar sangen begeistert mit. Das zeigt, dass da wohl unterschwellig Antisemitismus herrscht. Mein Ziel ist letztlich, die Gesellschaft ein bisschen toleranter zu machen.

Wie fiel Ali Gs Landung in der Neuzeit aus? Gab es auch Überraschungen?

Es ist schockierend, wozu die Leute bereit sind. Mit den anderen beiden Figuren, die ich im Film spiele und die die extreme Linke beziehungsweise die extreme Rechte vertreten, lege ich bloss, dass wir in einem Zeitalter der moralistischen Gewalt leben. Menschen hassen und führen Gewalt aus, weil sie sich moralisch berechtigt dazu fühlen. Wir sind am gefährlichen Punkt angekommen, wo ein paar Milliardäre kontrollieren, welche Informationen verbreitet werden. Die Gesellschaft - Demokratien im besonderen - bauen auf gemeinsame Fakten. Autokratien bauen auf gemeinsame Lügen. Und jetzt kommt KI. Wer füttert das? Vor kurzem versuchten externe Akteure Wikipedia zu infiltrieren - damit sie beeinflussen können, was Fakten sind.

Stimmt Sie das pessimistisch?

Unter einem grossen Teil der Bevölkerung herrscht eine nihilistisches Gefühl vor. Der Talkradio-Star Howard Stern fragte mich vor zwei Tagen, ob es zu spät ist, etwas zu ändern. Ich denke, es ist nie zu spät. Momentan lassen wir uns von unseren Handys ablenken, suchen Sündenböcke. Aber wir können damit aufhören. Wir können stattdessen Frieden fördern und Respekt praktizieren.

Ende Februar treten Sie als Mantel- und Degenstar in Quentin Tarantinos Theaterstück «The Popinjay Cavalier» in London auf der Bühne auf. Was können Sie bereits dazu sagen?

Ich trainiere momentan etwa zehn Stunden pro Woche Degenkämpfe und komme von einem ins andere Extrem: Für «Ali G: Who Iz I?» improvisierte ich 99,9 Prozent der Zeit, während bei Tarantino jedes Wort genau abgewägt ist. Wir wollten mal «Scarlet Pimpernel» zusammen adaptieren und fast hätte ich in «Django Unchained» mitgespielt, aber dann kam «Les Misérables» terminlich dazwischen. Erstaunlicherweise kam er eines Tages in mein Büro, gab mir das Stück zu lesen und bot mir die Hauptrolle an. Ich konnte es nicht fassen und freue mich nun auf eine aufregende Zusammenarbeit.

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