Ihr neues Buch «Das können nur Sie beantworten» besteht nur aus Fragen. Keine einzige beantworten Sie. Warum sollte man es kaufen?
Rolf Dobelli: Ich schreibe nicht für das Publikum. Ich schreibe für mich – über das, was mir Spass macht. Meistens ist das dann nicht so abwegig, dass ich der Einzige bin, den es interessiert. Es hat sich vielmehr herausgestellt, dass vieles, was ich gerne mache, auch anderen gefällt. Ich habe einfach grosse Freude daran, gute Fragen zu finden. Ich finde Fragen interessanter als Antworten.
Wir leben in verrückten Zeiten. Die Menschen dürsten nach Antworten.
Ich finde, Antworten haben wir heute genug. Im Internet ist das ganze Weltwissen vorhanden. ChatGPT beantwortet fast jede Frage. Originelle Fragen zu formulieren, ist viel spannender, denn die gibt es noch nicht.
Ist es nicht einfach ein gutes Geschäftsmodell, Fragen zu verkaufen, ohne Antworten?
Ich halte es für viel schwieriger, gute Fragen zu finden, als die Fragen anderer zu beantworten. Ich entwickle vielleicht hundert Fragen, bis eine wirklich funktioniert. Es ist ein langer Auswahlprozess: Ich formuliere immer neue Fragen, nur die besten kommen ins Manuskript, danach werden im Lektorat weitere aussortiert. Gute Fragen wirft man nicht einfach hin. Die Kunst besteht darin, Fragen zu finden, die man noch nie gehört hat und die etwas Subversives haben – Fragen, die tiefer gehen als: «Was ist Ihre Lieblingsfarbe?»
Gelingt ja nicht schlecht. Ich musste beim Lesen an Max Frisch und seine berühmten Fragebögen denken.
Das freut mich. Max Frisch war für mich eine wichtige Inspiration. Die Fragebögen von Marcel Proust finde ich übrigens eher banal. Frisch war meines Wissens der Erste, der wirklich originelle Fragebögen geschaffen hat: intelligent, witzig und tiefgründig.
Gab es eine Frage, die Ihr eigenes Denken verändert hat?
Ja, einzelne Fragen bringen mich tatsächlich weiter. Natürlich nicht jede. Manche sind einfach lustig. Etwa: «Wer war der bedeutendste Sportler des Mittelalters?» Das ist eine absurde Frage, weil Sport und Mittelalter nicht wirklich zusammenpassen. Andere Fragen gehen dagegen sehr tief. Zum Beispiel: «Gesetzt den Fall, Sie hätten Ihren Mann / Ihre Frau durch einen Vermittler kennengelernt. Rückwirkend betrachtet: Welches wäre eine angemessene Provision gewesen?»
Wie antworten Sie darauf?
Mein ganzes Vermögen.
Das hätten Sie tatsächlich bezahlt?
Klar. Ein grossartiger Lebenspartner ist der wichtigste Faktor für Lebensqualität überhaupt. Ich musste dieses Geld zum Glück nie bezahlen und habe mein Vermögen noch. Und die Frau dazu. Aber ich hätte es bezahlt.
Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Geld ist etwas Gutes. Mehr Geld ist besser als weniger Geld. Nicht, weil man mehr konsumieren kann, sondern hauptsächlich weil Geld Ruhe gibt. Es schafft Unabhängigkeit. Ich habe das einmal «Fuck-you-Money» genannt. Wenn Sie irgendwo angestellt sind und genug Vermögen haben, könnten Sie im Prinzip jederzeit kündigen. Das gibt Freiheit. Sie sind nicht auf einen Job angewiesen, der Ihnen nicht gefällt. Das ist für mich der grösste Vorteil von Geld. Es gibt allerdings auch einen Punkt, an dem mehr Vermögen nicht mehr glücklicher macht. Irgendwann müssen Sie das Geld verwalten, Sie beschäftigen Vermögensverwalter, täglich rufen Banker an, ständig kommen Menschen mit neuen Anliegen oder Spendenanfragen auf Sie zu. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Geld ab fünfzehn Millionen Dollar wieder unglücklicher macht.
Sie haben Philosophie und Wirtschaft studiert. Was war wichtiger für Sie?
Ganz klar die Philosophie. Das Wirtschaftsstudium hat mir nichts gebracht. Ich hoffe, in St.Gallen ist es heute besser als damals. Das Wirtschaftsstudium könnte man gut auf einen Buchhaltungskurs reduzieren. Die wirklich wichtigen Dinge wie Führen und Verkaufen lernt man ohnehin erst in der Praxis – als Unternehmer oder von guten und schlechten Chefs.
Was würden Sie heute machen, wenn Sie noch einmal 20 wären?
Ich würde heute etwas Richtiges wie Physik oder Engineering studieren. Und Philosophie – auf jeden Fall. Aber Philosophie kann man auch später machen. Sie ist für mich eine Gentlemen-Disziplin. Eigentlich sollte man zuerst etwas Richtiges studieren. Philosophie muss man nicht berufsmässig betreiben. Die Bücher sind ja da, lesen kann man sie ein Leben lang.
Eines Ihrer ersten Unternehmen war GetAbstract. Sie haben für Manager, die keine Zeit zum Lesen haben, Bücher zusammengefasst. Das ist in Zeiten von ChatGPT kein Geschäftsmodell mehr.
Ich habe die Firma vor etwa 15 Jahren verkauft. GetAbstract hat weiterhin einen Wert, etwa durch die professionelle Auswahl: Welche Bücher sind gut, welche nicht? Aber das reine Zusammenfassen kann ChatGPT heute ziemlich gut – und zwar jedes beliebige Buch. Und natürlich kann die KI noch viel mehr: Ich sehe da ein riesiges Problem auf uns zukommen. Wenn man jetzt alles ChatGPT fragen kann, verlieren wir die Fähigkeit, längere Texte zu lesen. Wir verlernen das Lesen. Wir verlernen das Denken. Wir verlernen das Schreiben. Das sind die drei Prozesse, die ein Schüler lernen müsste: Lesen, Denken, Schreiben.
Das klingt dramatisch.
Ich glaube, wir steuern auf eine Scherenentwicklung zu: Oben gibt es eine kleine Elite, die weiterhin lesen, kritisch denken und ohne ChatGPT einen Text schreiben kann. Darunter entsteht eine grosse Mehrheit, die diese Fähigkeiten zunehmend verliert. Zugespitzt gesagt: zehn Prozent Elite und neunzig Prozent verblödete Mehrheit.
Die Frage ist dann: Wie schafft man es, zur Elite zu gehören? Was raten Sie Ihren Kindern?
Einfach nicht das zu machen, was die Mehrheit macht. Dann hat man schon gewonnen. Kein permanenter Handykonsum, kein Social Media, kein endloses Scrollen. Im Grunde muss man zu weiten Teilen so leben, wie es die Generationen davor getan haben. Dann hat man gute Chancen, zur Elite zu gehören. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Die Versuchung durch neue Technologien ist enorm. Viele Menschen bleiben in diesem TikTok- und Instagram-Sumpf stecken. Eltern werden deshalb noch wichtiger als früher.
Ihre beiden Buben sind 12 Jahre alt. Haben sie ein Handy?
Nein. Sie wollen auch keines. Ich habe gesagt: «Kommt, Giele, wir schauen uns ein Video an.» Dann habe ich ihnen einen Vortrag des bekannten Psychologen Jonathan Haidt, mit dem ich befreundet bin, auf Youtube gezeigt. Seine Forschung zeigt sehr klar, dass etwa ab 2012, also seit dem Durchbruch von Social Media, Depressionen, Selbstverletzungen und andere psychische Probleme bei Jugendlichen deutlich zugenommen haben. Bei Mädchen zeigt sich das besonders stark. Bei Jungen beobachtet man eher, dass sie sich zurückziehen und weniger soziale Beziehungen aufbauen.
Und das hat sie beeindruckt?
Ja, sehr. Sie sind völlig damit einverstanden, dass es bis zum 16. Geburtstag kein Handy und keinen Social-Media-Account gibt.
Ist das nicht etwas kulturpessimistisch? Vor 20 Jahren verteufelten Eltern Computerspiele. Heute kenne ich Eltern, die froh sind, wenn ihr Kind Minecraft spielt, statt nur auf TikTok zu scrollen. Könnte es nicht sein, dass wir ihre Gefahren heute überschätzen und ihren Nutzen unterschätzen? Ausserdem kann man vielleicht Social Media ignorieren, KI aber kaum.
Vielleicht ist es zu kulturpessimistisch. Aber im Zweifel lieber vorsichtig sein. Was KI angeht, haben Sie recht. Es geht hier primär darum, nicht das Denken auszulagern, sondern KI als Werkzeug und Sparringpartner zu nutzen. So mache ich das auch. Ich setze ChatGPT etwa auf Konversationsfunktion, wenn ich am Wandern bin oder im Garten. Kürzlich habe ich mich mit einer Frage zur Rolle von Gold in der Geldmenge M2 beschäftigt. Darüber habe ich stundenlang mit der KI diskutiert und mir immer wieder Gegenargumente geben lassen – und dabei habe ich enorm viel gelernt.
Entscheidend ist also, dass man sich von der KI herausfordern lässt und ihr nicht das Denken überlässt. Wie schafft man das?
Entscheidend ist der Charakter. Man muss die Stärke entwickeln, nicht immer die Abkürzung zu nehmen. Wenn ich als Schüler die Aufgabe bekomme, einen Text selbst zu schreiben, schreibe ich ihn selbst – nicht aus Angst, beim Schummeln erwischt zu werden, sondern weil ich nicht der Typ sein will, der immer den einfachsten Weg nimmt. Charakter ist so etwas wie unsere Firewall gegenüber den problematischen Seiten der Technologie. Gerade Kindern sollte man Willenskraft und Durchhaltevermögen mitgeben: die Fähigkeit, schwierige Dinge selbst zu machen und nicht zu cheaten. Als Eltern stärkt man den Charakter seiner Kinder vor allem durch Vorleben.
Nicht alle Kinder haben Eltern als gute Vorbilder.
Was wir als Gesellschaft machen können, ist, ein Schulsystem zu schaffen, das Kinder aus diesem Sumpf herausholt. Wir sollten ihnen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die Grundlagen eines guten Lebens: Lesen, Denken, Schreiben, Mathematik – und Charakter. Ich denke optimistisch und glaube, dass wir ein Revival der Charakterbildung erleben werden.
In der Schule?
Wenn wir über Bildung oder die Frage nach einem guten Leben sprechen, führt letztlich vieles zur Philosophie zurück. Die grosse Frage lautet doch: Was ist ein gutes Leben? Profi-Philosophen können Ihnen heute hervorragend erklären, was ein Denker auf Seite 247 mit einem bestimmten Begriff gemeint hat und wie dieser Begriff in der Forschung diskutiert wird. Das können sie ausgezeichnet. Aber wie man ein gutes Leben führt oder einen guten Charakter entwickelt – darauf geben sie heute kaum Antworten. Dabei war genau das während mehr als zweitausend Jahren die zentrale Frage der Philosophie.
Stellen wir die Frage im Zeitalter der künstlichen Intelligenz: Wäre es ein gutes Leben, wenn die KI uns die Arbeit abnehmen würde und wir uns anders verwirklichen könnten?
Ich hätte nichts dagegen. Das wäre durchaus ein schönes Szenario. Die KI übernimmt den grössten Teil der Produktion unserer Güter und Dienstleistungen. Und wir erhalten ein grosszügiges Grundeinkommen und haben plötzlich sehr viel freie Zeit.
Gäbe es Dinge, die Sie niemals an KI auslagern würden?
Ja. Das Schreiben von Büchern. Nicht, weil KI das grundsätzlich nicht könnte. Irgendwann wird sie vermutlich bessere Bücher schreiben als ich. Sondern weil es mir sehr viel Spass macht. Ich vergleiche das mit dem Schach. Längst hat auch der beste Mensch keine Chance mehr gegen den Computer, und dennoch lebt das Spiel weiter.
Beziehen Sie die KI in wichtige Entscheidungen ein?
Ja. Als Sparringpartner. Wenn ich vor einer schwierigen Entscheidung stehe, schildere ich der KI meine Überlegungen und bitte sie, die Gegenposition einzunehmen. Das finde ich sehr hilfreich.
Würden Sie einer KI die Entscheidung auch überlassen?
Vielleicht macht das die nächste Generation ganz selbstverständlich. Ich noch nicht.
Würden Sie einen KI-Richter akzeptieren?
Heute noch nicht. Ich hänge noch am Menschen.
Und wenn Studien zeigen würden, dass KI-Richter in 90 Prozent der Fälle bessere Urteile fällen?
Dann würde ich meine Meinung vielleicht ändern. Aber im Moment bin ich dafür wohl noch zu sehr Mensch.
Zum Schluss würde ich Ihnen gerne noch drei Fragen aus Ihrem Buch stellen, die Sie hoffentlich beantworten.
Gerne.
Was geht schneller: Menschen ins eigene Leben zu lassen oder sie wieder daraus zu entfernen?
Ich lasse Menschen gern schnell in mein Leben. Aber wenn es nicht funktioniert, kann ich mich auch schnell wieder distanzieren. Damit habe ich kein Problem.
Würden Sie den Sinn des Lebens akzeptieren, wenn er hauptsächlich aus Handlungen bestünde, die Sie unglücklich machen?
Nein. Eindeutig nicht. Wenn mir eine Stimme aus dem Jenseits oder aus dem Universum befehlen würde, etwas zu tun, das mich unglücklich macht – zum Beispiel 24 Stunden lang Toiletten zu putzen –, dann würde ich diesen Sinn des Lebens nicht akzeptieren.
Wie glauben Sie, werden Sie sterben – und würden Sie es wissen wollen?
Ich würde es gerne wissen. Ich habe sogar eine App, die auf Grundlage der neuesten Forschung meinen Todestag bestimmt (kramt sein Handy hervor). Nach dieser Berechnung sterbe ich in 9447 Tagen.
Das steht in Ihrer App?
Ja. Und produktive Tage habe ich noch 1776.
Klingt unheimlich.
Finden Sie? Der Tod gehört doch zum Leben, und je genauer ich weiss, wann er eintritt, desto besser kann ich es planen.






Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.