Dieser Mann lässt schnell spielen. So schnell, dass man denkt: «Fast wie damals in den goldenen Zeiten.» Und plötzlich ziehen sich seine Leute zurück, als wären sie gar nicht mehr da. Im Handumdrehen motiviert der Chef zu Attacken, die jeden überrumpeln. Bald vollführt er sanfte Tanzschritte, um seine Leute zu noch schöneren Tänzen zu verführen. Bald springt er auf und reisst die Arme hoch, um das Unmögliche zu erzwingen und schliesslich den finalen Triumph zu geniessen.
Wer in diesen fussballverrückten Tagen bei dieser Schilderung an einen Fussballtrainer gedacht hat, etwa an Diego Simeone oder Julian Nagelsmann, liegt falsch. Die Beschreibung beschreibt den leidenschaftichen Dirigenten Riccardo Muti, lange Jahre Herrscher der Mailänder Scala.
Auf dem Podium glich er bisweilen eher einem Panther. Er tat alles, um seine Musikerinnen und Musiker anzutreiben. Psychologie? Temperament? Naturell? Heute, bald 85 Jahre alt, blitzt das alte Feuer seltener auf, meistens lenkt nun die alterweise Autorität.
Das wilde Gebaren ist bei Fussballtrainern genauso wie bei Dirigenten zu beobachten. Viele tanzen 90 Minuten lang der Linie entlang, wollen so das Spiel lenken. Wenn man sie im Falle eines Erfolgs ehrt, sagt man über sie kennerisch: «Er dirigierte das Spiel.» Champions-League-Sieg-Rekordhalter Carlo Ancelotti – er sitzt in diesen Wochen als Nationaltrainer von Brasilien auf der Bank - bekommt dies öfters zu hören.
Beide übersetzen eine strategische Vision
Paavo Järvi, Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, sagt, dass sowohl der Dirigent als auch der Fussballtrainer im Wesentlichen dieselbe Aufgabe erfüllen: «Sie übersetzen eine strategische Vision in eine koordinierte Gruppenleistung. Beide studieren das Material, entwickeln einen Plan, identifizieren die entscheidenden Details und proben beziehungsweise trainieren ihr Team so lange, bis die Ausführung zur zweiten Natur wird. Die Autorität und die Art der Kommunikation mögen unterschiedlich sein, doch die Kernfunktion ist die gleiche.»
Der einzige bedeutende Unterschied zeige sich beim eigentlichen Auftritt beziehungsweise beim Spiel. «Der Fussballtrainer tritt einen Schritt zurück und beobachtet das Geschehen von der Seitenlinie aus. Er gibt Anweisungen, hat aber den Ausgang nicht mehr direkt in der Hand. Der Dirigent hingegen tritt nach vorne und wird selbst zum Ausführenden – er gestaltet die Aufführung in Echtzeit aktiv mit, vor Publikum und während sie stattfindet.» Im Proberaum sei die Aufgabe dieselbe. Am Abend der Aufführung jedoch würden sich die Rollen umkehren, so Järvi.
Leonard Bernstein sagte mal sinngemäss: «In jedem anderen Beruf käme ich ins Irrenhaus, würde ich mich so aufführen.» Über die wilden Bewegungen mag das Publikum staunen; die Musiker hingegen dürften eher darüber lachen.
Dass auch mit grosser äusserer Ruhe und Klarheit Weltkarrieren gemacht werden, zeigen zurzeit Franz Welser-Möst, Paavo Järvi oder Kirill Petrenko. Dass es die Podiumstänzer weiterhin gibt, ist an den Jungstars Klaus Mäkelä oder Lorenzo Viotti zu sehen.
Was hilft das Training, die Proben?
Diese Jungstarts inszenieren sich auch von ihrer Kleidung her extrovertiert. Auch in diesem Belang gibt es Parallelen zum Fussball: Die Anzugträger, die Coolen, die Sportlichen, die mit Unterstatement – alles ist da zu sehen. Doch nützt es überhaupt etwas, dieses Herumhampeln, Schreien und «Dirigieren»?
Wer ein und dasselbe Konzert innerhalb einer Woche zwei oder drei Mal hintereinander hört, wird zwar Unterschiede im Detail erkennen. Die grundlegende Interpretation aber bleibt dieselbe.
Wie viel einer Interpretation tatsächlich in den Proben entsteht, ist hingegen auch nicht immer klar. Lucerne-Festival-Legende Claudio Abbado war kein Probefanatiker, liess die Grossartigkeiten erst am Abend entstehen. Der Dirigent Hans Knappertsbusch soll den Wiener Philharmonikern einst am Morgen bei der Probe gesagt haben: «Ich kenne das Stück, Sie kennen das Stück – wir sehen uns am Abend im Konzert.»
Ein Dirigent sollte in den Proben jedenfalls seine Ideen an ein Orchester weitergeben können: Es geht um Tempo, Lautstärke, Transparenz und – wenn genügend Probenzeit vorhanden ist – um tausend Details. Der Dirigent tut aber gut daran, die Musiker auch mal gewähren zu lassen und ihnen Raum für eigene Ideen zu geben. Es kann auch vorkommen, dass da ein Orchester sitzt, das mehr weiss als der Dirigent. Der Fall, dass da gegen den Trainer wie gegen den Dirigenten gespielt wird, kommt vor.
Der Fussballtrainer trägt die Verantwortung, allein aber sitzt er nicht auf der Bank. Der Assistent oder Co-Trainer ist immer dabei – und im Fall Deutschlands führte es dank Joachim Löw und Hansi Flick 2014 zum Weltmeisterschaftstitel. Auch der Dirigent hat seine Assistenten und Assistentinnen bei der Probe mit dabei im Saal – die schreiben laufend mit, was er sagt und tut, oder geben auch mal simpel Antwort, wenn er in den Saal ruft, ob man dort das Pianissimo noch hören kann oder ob das Fortissimo zu laut sei. Die Saalkenntnis kann spielentscheidend sein.
Für den legendären Eishockey-Trainer Arno del Curto war der Dirigent Leonard Bernstein ein Vorbild. Einst gefragt, was denn ein Trainer eigentlich machen kann oder müsse, antwortete er: «Wenn Leonard Bernstein dirigierte, dann wussten die Musiker: Jetzt geht's los. Die liebten es, mit ihm zu arbeiten. Es gibt aber die Möglichkeit, einen Trainer ins Verderben laufen zu lassen. Und darum muss er ein Kommunikator sein und ein Gespür für alle möglichen Szenarien haben, die eintreffen können. Er muss darauf richtig reagieren können.»
Es ging del Curto aber auch um die Perfektion: Das sei das Schönste, was es gebe, sie sei wie eine Droge. Er mache sich kaputt mit dem Perfektionswahn.
Vielleicht liegt da noch ein Unterschied zwischen den beiden Berufen: In der Kunst fasziniert Perfektion, aber man wird damit nicht der «Beste». Im Sport hingegen wäre der Perfekte der Beste, aber der Zufall macht so vieles unberechenbar.
Und so ist denn das Können eines Trainers simpel zu messen: Die Währung heisst Titel. Wer sie gewinnt, macht einen Karriereschritt. Ja, einmal eine Meisterschaft oder den Cup gewonnen zu haben, hilft über so manchen Abstieg hinweg, führt noch über Jahre bei einem anderen verzweifelten Klub zu einer Anstellung. Wer mit Spitzenklubs Erfolge feiert, ist auf Jahre hinaus engagiert, verdient Millionen.
Wer entscheidet, was und wer gut ist?
Was oder wer ist aber in der Musik wirklich gut? Und wer entscheidet das? Die Orchestermusiker? Die Zuhörer und somit die Kasse? Die Intendanten? Die Agenturen? Die Kritiker? Mit dem Gewinn der Champions League wäre eine Festanstellung bei einem der Top-10-Orchester vergleichbar: in Berlin, in Amsterdam oder in Cleveland. Oder aber man darf Abo-Konzerte der Wiener Philharmoniker dirigieren, bei jenem Orchester, das keinen Chefdirigenten hat. Dort gibt es auch das berühmteste Konzert der Welt, das Wiener Neujahrskonzert, zu gewinnen – pardon: zu dirigieren. Nie ist ein Dirigent präsenter in der Weltöffentlichkeit als in diesem Moment: am 1. Januar um 11.15 Uhr.
Unvergessen die sympathische Show von Yannick Nézet-Séguin vor sieben Monaten: Inmitten des Saales dirigierte er mit lackierten Fingernägeln den Radetzky-Marsch und wurde auch sonst umarmend bejubelt. Die Kritik aber rümpfte mit vielen Vorbehalten leicht die Nase.
Tonhalle-Chef Paavo Järvi pflegt auf die Frage, was entscheidend sei für die Qualität eines Dirigenten, selbstironisch zu antworten: «Das Aussehen.»
Der zu Beginn erwähnte Panther Riccardo Muti gehörte zusammen mit Zubin Mehta, Sergiu Celibidache, Herbert von Karajan und Claudio Abbado zu jener Generation schöner Männer, die seit den 1970er-Jahren die Dirigentenpodien prägte. Im Fussball nennt man so etwas Startrainer. In der Klassik hiess das damals schlicht Maestro.







Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.