Psychologie im Film

Gibt es Typen wie «Rain Man» im echten Leben?

Psychische Krankheiten sind ein beliebtes Thema in Kinofilmen. Doch nicht immer stimmt auch tatsächlich, wie ein Krankheitsbild dort gezeigt wird. So ist es untypisch, dass Hanibal Lecter sehr intelligent ist. Oder Raymond eine Inselbegabung hat.

Derzeit stellt der Psychothriller «Obsession – Du sollt mich lieben», in dem es um eine toxische Beziehung geht, im Kino Besucherrekorde auf. Manche Rezensenten schreiben, dass Nikki, die weibliche Hauptprotagonistin des Films, unter einer Borderline-Störung leide und die männliche Hauptfigur, Bear, unter krankhaftem Narzissmus. Wie authentisch werden psychische Krankheiten eigentlich auf der Leinwand dargestellt? Und was macht das mit dem Publikum? Ein Reality-Check bei sechs Kultfilmen.

«A Beautiful Mind»: Schizophrenie

Russel Crowe als schizophrenes Genie in «A Beautiful Mind».
Bild: Imago

Der Film aus dem Jahr 2001 basiert auf der realen Lebensgeschichte des amerikanischen Nobelpreisträgers John Forbes Nash, jun. (1928 – 2015), der menschliches Verhalten mit mathematischen Formel beschreiben wollte. Bald drohte er, gespielt von Russell Crowe, alles zu verlieren: Frau, Beruf - und Verstand.

Wie realistisch dargestellt: Sehr gut getroffen erscheint Fachleuten bis heute die zunehmende Verzweiflung des Protagonisten, der immer stärker in einer eigenen Welt voller Panik versinkt. Um den Verlauf der Erkrankung idealtypisch zu schildern, weicht der Film aber von der Biografie des realen John Nash ab: In «A Beautiful Mind» entwickelt er mit Anfang 20 erste Symptome, dem klassischen Alter, in dem sich Schizophrenie oft manifestiert. In Wirklichkeit erkrankte Nash erst mit 30. Und der Film übertreibt: Viele Betroffene hören zwar Stimmen, die nur in ihrem Kopf existieren. Optische Halluzinationen sind dagegen selten.

Auswirkungen: Viele Leute glauben, dass Schizophrenie einer Persönlichkeitsspaltung entspreche. Dabei sind – wie im Film gezeigt - eher Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen der Umwelt charakteristisch. «A Beautiful Mind» weckt Empathie und hilft, Vorurteile abzubauen. Der Film leistet etwas, das Fachbücher nicht bieten: den Perspektivenwechsel. Als Zuschauer erlebt man Personen, die nur in der Vorstellung von Nash existieren, in vielen Szenen als real. Erst später wird deutlich, dass es sich um Halluzinationen handelt.

«Der Stadtneurotiker»: Neurosen

Diane Keaton and Woody Allen in «Annie Hall» (Der Stadtneurotiker) 1977.
Bild: Imago

Die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens stürzen Alvy (Woody Allen) von einer Sinnkrise in die nächste. Freundin Annie (Diane Keaton) dagegen, ein unsicheres Mädchen aus der Provinz, findet durch eine Therapie zu innerer Stärke. «Ich bezahle ihren Psychiater, sie macht Fortschritte - und ich hab‘ immer mehr Schwierigkeiten», klagt der Stadtneurotiker.

Wie realistische dargestellt? Woody Allen schöpft die Inspiration für seine Arbeit oft aus dem eigenen Leben. In seiner Wahlheimat Manhattan sollen in den 1970er-Jahren gefühlt alle Akademiker mit dem nötigen Kleingeld eine Psychoanalyse gemacht haben. Unter einer Neurose verstand man damals, in Anlehnung an Sigmund Freud, eine Störung, die durch einen Konflikt aus der Kindheit verursacht wird. Inzwischen wird der Begriff «Neurose» nur mehr als Sammelbezeichnung für eher leichte, weit verbreitete psychische Störungen benutzt.

Auswirkungen: Unzählige Menschen erkennen sich, seit der Film 1977 ins Kino kam, in Alvy oder Annie wieder. Der Begriff «Stadtneurotiker» hat es sogar in den Duden geschafft. Woody Allen gelang es, einen offenen, humorvollen Umgang mit seelischen Problemen gesellschaftsfähig zu machen. Er trug wesentlich dazu bei, dass Minderwertigkeitsgefühle nicht mehr krampfhaft versteckt werden müssen und auch Menschen zur Therapie gehen, die an keiner klassischen psychischen Krankheit leiden.

«Rain Man»: Autismus

Dustin Hoffman und Tom Cruise 1988 in «Rain Man»: Der Bruder des Autisten versucht mit dessen Fähigkeiten Geld zu machen.
Bild: Imago

Nach dem Tod des Vaters erfährt der Yuppie Charlie (Tom Cruise), dass er einen autistischen Bruder hat. Dieser Raymond (Dustin Hoffman) erhält drei Millionen Dollar aus dem Erbe, während Charlie mit einem Auto abgespeist wird. Er entführt den Bruder aus seinem Heim, um an das Geld heranzukommen.

Wie realistisch dargestellt? Naja, das Vorbild für Dustin Hoffmans Rolle war kein Autist sondern ein Inselbegabter. Zwar sind manche mit diesem sogenannten Savant-Syndrom auch autistisch, aber das Rollenvorbild Kim Peek war es nicht. Der Autist Raymond zeigt im Film eine starre Mimik, mangelndes Einfühlungsvermögen und weicht Blicken aus. Doch gerade autistische Frauen lernen oft, Emotionen zu maskieren und dem Blick standzuhalten. Andere autistische Menschen sind wie ohne Filter und empfinden sogar zu viele Emotionen. Das Wahrnehmen von vielen Details ist schon eher typisch und Abweichungen vom gewohnten Tagesablauf sind für viele tatsächlich ein Problem. Ansonsten weiss man heute viel mehr über Autismus, als es damals dargestellt wurde.

Auswirkungen: «Rain Man» war 1988 der wohl erste Spielfilm, der das Thema Autismus beleuchtete. Er leistete einen gewissen Beitrag zur Aufklärung. In Kalifornien – wo viele Szenen spielen - verdreifachte sich die Zahl der Autismus-Diagnosen innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig zementierte der Film ein Bild, das dem grossen Spektrum der Betroffenen nicht gerecht wird und zu einem einseitigen Bild führte. Neun von zehn Betroffenen haben keine Inselbegabung. Und gerade weniger schwer Betroffene werden oft übersehen und leiden im Alltag unverstanden.

«Reine Nervensache»: Panikstörung

Billy Crystal als Psychotherapeut und Robert de Niro als Mafiaboss in «Reine Nervensache»  2002.
Bild: Imago

Paul Vitti (Robert De Niro) gehört zu den führenden Unterwelt-Bossen von New York. Als er nur knapp einem Attentat entgeht, erleidet er einen psychischen Knacks: Er kann nicht mehr schlafen, wird von Atemnot geplagt, vernachlässigt Frau, Kinder und Mätresse. Vor allem aber hat er plötzlich Hemmungen, Gewalt auszuüben.

Wie realistisch dargestellt? Die Tragikomödie aus dem Jahr 1999 zeigt eine klassische Angststörung mit Symptomen wie Herzrasen und Atemnot. Der Auslöser, ein traumatisierendes Schockerlebnis, ist aus fachlicher Sicht ebenso plausibel wie der Umstand, dass ihn ein bevorstehendes Treffen der Mafia-Bosse Vitti zusätzlich unter Stress setzt. In der Folge suchen ihn auch in harmlosen Situationen Panikattacken heim, zum Beispiel wenn er seine Mutter anrufen soll. Dem Film gelingt die Gratwanderung, die Probleme des Hauptprotagonisten trotz aller Gags ernst zu nehmen.

Auswirkungen: Fachleute gehen davon aus, dass «Reine Nervensache» zu mehr Leichtigkeit im Umgang mit Phobien und Panikstörungen beitrug und der Stigmatisierung entgegenwirkte: Manche Psychiater nutzen den Spielfilm sogar zu Unterrichtszwecken in Seminaren für Ärzte und Psychologen zum Thema Angststörungen.

«Das Schweigen der Lämmer»: dissoziale Persönlichkeitsstörung

Anthony Hopkins als Serienmörder im «Das Schweigen der Lämmer» 1991.
Bild: Imago

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen: Er entführt junge Frauen, tötet sie und zieht ihnen die Haut ab. Um dem Killer auf die Spur zu kommen, konsultiert die junge Ermittlerin Clarice Starling (Jodie Foster) den ehemaligen Psychiater Hannibal Lecter (Anthony Hopkins), der in einer forensischen Hochsicherheitsklinik einsitzt.

Wie realistisch dargestellt? Hannibal Lecter zeigt die klassischen Symptome einer dissozialen Persönlichkeitsstörung: gewaltige Aggressivität und Skrupellosigkeit, fehlende Empathie und starken Narzissmus. Er nimmt andere Menschen nicht als eigenständige Wesen war, sondern nur als Figuren, die dazu da sind, seine Wünsche zu befriedigen. Seine extrem hohe Intelligenz und seine raffinierten Täuschungsmethoden gelten Experten jedoch als untypisch für diese Störung. Und längst nicht alle Betroffenen werden in der Realität zu Straftätern.

Auswirkungen: Der Film aus dem Jahr 1991 bedient das verbreitete Klischee vom psychopathischen Genie. Die Pioniere der US-amerikanischen Psychopathie-Forschung hielten aussergewöhnliche Intelligenz tatsächlich für ein typisches Kennzeichen dieser Störung. Eine umfangreiche Studie aus dem Jahr 2019 kam jedoch zum Ergebnis, dass sie eher mit schwachen kognitiven Fähigkeiten einhergeht. Die Darstellung des Hannibal Lecter trug zur Fehlvorstellung bei, dass Psychopathen geborene Verbrecher seien. Richtig ist, dass es sich um impulsive, leicht reizbare Personen handelt, die nicht zu Schuldgefühlen neigen. Im Berufsleben kann eine solche Störung sogar von Vorteil sein: Studien deuten darauf hin, dass viele Führungspersonen von diesem Syndrom betroffen sind.

«Mr. Jones»: manisch-depressive Erkrankung/ bipolare Störung

Richard Gere und Lena Olin Characters in «Mr. Jones» 1993 Director.
Bild: Imago

In seinen glücklichen Momenten ist Mr. Jones (Richard Gere) witzig, kreativ und spontan. Aus einer Laune heraus entführt er dann zum Beispiel eine Bankangestellte zu einem romantischen Ausflug. Oft aber kippt seine Stimmung ins Gegenteil, und er will sich von einem Hochhaus stürzen.

Wie realistisch? Richard Gere traf sich zur Vorbereitung auf diese Rolle mit mehreren Patienten, die an einer bipolaren Störung litten. Fachleute loben seine glaubwürdige Darstellung des Mr. Jones: Der Film trage zur Aufklärung über die Vielschichtigkeit dieser Störung bei, die vielen Menschen Angst macht. «Mr. Jones» zeigt auf authentische Weise, dass die bipolare Störung eine Langzeiterkrankung ist, die oft während des ganzen Lebens behandelt werden muss.

Auswirkungen: Der Film trug zur kontroversen Debatte um Psychopharmaka bei: Mr. Jones verweigert vorübergehend die Einnahme, da er auf die Hochgefühle während der manischen Phasen nicht verzichten will. Prompt werden auch seine Depressionen stärker. Der Film aus dem Jahr 1993 macht aber zurecht deutlich, dass eine Psychotherapie hilfreich sein kann. Während bipolare Störungen lange vor allem mit Psychopharmaka behandelt wurden, gilt inzwischen eine Kombination von Medikamenten und Gesprächstherapie als beste Methode.

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