Diesen Kalauer muss man einfach bringen: Der neue Roman der deutschen Bestsellerautorin Juli Zeh beginnt zäh. «Pony Show» ist mit einer Länge von knapp über 500 Seiten aber auch ein Langstreckenroman und fordert von uns Marathontauglichkeit. Dann kann man mal einen zähen Start mit einem langweiligen Rechtsanwalt als Erzähler verzeihen - danach muss man sich aber anstecken lassen können, und akzeptieren, dass man von der Autorin mit einem Pageturner lange hingehalten wird. Fazit nach 502 Seiten: Es lohnt sich.
Bis zur Auflösung der vertrackten Geschichte muss man gut 400 Seiten lesen. Das liegt daran, dass die Angeklagte Betty sich aus guten Gründen lange weigert, vor Gericht einen Seelenstriptease hinzulegen. Also schweigt sie und erzählt ihrem Verteidiger nur portionenweise, wie sie allmählich ihrem jungen Verlagspraktikanten verfallen ist. Nun steht sie vor Gericht. Der junge Mann ist verschwunden. Betty ist mit Falschgeld und einer Pistole, an der sein Blut klebt, verhaftet worden. Sie steht unter Mordanklage. Spektakulär der Verdacht: Sie habe ihren Loverboy umgebracht.
Im bürgerlichen Leben finden diese Figuren keine Begeisterung
Die Einwände gegen diesen Roman sind rasch zur Hand: Da ist das geschickte Einfädeln von gegenwärtigen Aufregerthemen wie MeToo unter umgekehrten Vorzeichen, Medienhetze, Manipulation durch Social Media, toxische und frustrierte Männlichkeit und Midlife-Crisis. Dies alles verpackt in einen Gerichtsthriller um Betty, die Mitfünfzigerin und Verlagschefin und Fero, den blutjungen Praktikanten sowie um den blassen, von seinem geordneten Familienleben mehr und mehr gelangweilten Verteidiger Mark. Also alles in allem eine kalkulierte, routinierte Unterhaltung? Wie Juli Zeh diese Geschichte in der Gegenwart verortet, lässt man sich jedoch sehr gerne gefallen. Denn aus der Vertrautheit kippen ihre Figuren in eine tödliche Liebes-Obsession - woraus man auch eine Gesellschaftssatire über ein Intellektuellenmilieu lesen kann.
Um vorwegzunehmen, was den Kern dieses Romans ausmacht: Wer Nietzsche liebt oder wenigstens mal von ihm gehört hat, findet in diesem Roman die passende Liebesdefinition, denn die lautet «Liebe ist Existenzbegeisterung». In Zehs Roman meint das radikale Lust an der Gefahr und extreme Hingabe, verzehrende Euphorie und vor allem symbiotische Vereinigung im Geiste. «Be-geist-erung», sagt Betty einmal dazu. Es geht ihr um Seelenverwandtschaft, um Einigkeit, um super anregende Gespräche. Man nennt dies vielleicht sogar verniedlichend Leidenschaft. Denn im geordneten, klein- wie grossbürgerlichen Leben, finden diese Figuren so gar keine Begeisterung.
Diese Autorin spielt gekonnt mit existenzialistischem Kitsch
Dass der junge Praktikant aus einer migrantischen Unterschicht stammt, hyperklug und umwerfend charmant ist, macht die Geschichte dann fast schon zu märchenhaft. Was es aber offenbar auch sein soll: Ein düsteres Märchen der dunklen Romantik, mit verheerenden Projektionen und eruptiven Sehnsüchten.
Das tönt natürlich mit seinem existenziellen Pathos so abgeschmackt und altmodisch wie ein ranziger Käse - aber es trifft einen eben doch irgendwie ins Herz. Gerade weil diese intelligenten Figuren genau wissen und auch reflektieren, dass ihre verzehrende Euphorie komplett unvernünftig ist, sie sich aber nicht dagegen stemmen können. Denn auch der Verteidiger gerät in einen Sog. Er verfällt der arroganten, eleganten, geheimnisvoll schweigenden Angeklagten. Riskante Existenzbegeisterung scheint ansteckend zu sein, besonders in einem intellektuellen Milieu.
Und ja doch, gleich noch ein Einwand muss platziert werden: Wenn man in seinem Leseexemplar erst auf Seite 70 die ersten eigenen Lesenotizen hinschreibt, muss beim Romananfang etwas schief gelaufen sein. Juli Zeh aber treibt mit uns Lesenden in allen ihren Romanen ein provokatives Spiel. Auf Seite 71 stehen doch tatsächlich solche Sätze: Die Verlagschefin Betty und der junge Praktikant Fero «werden geeint im Glauben an die Literatur», und: «In Feros Gesellschaft erkennt sie: Es ist das Paradies. Inmitten einer kranken, von Hass erfüllten Welt arbeiten sie auf einer Insel der Seligen. Sie bringen die schönsten Seiten der menschlichen Natur zum Strahlen.» Wow, voll kitschig!
Als geduldiger Leser weiss man aber: Diese Autorin spielt mit unseren Reaktionen. Das veröffentlichte Echo auf ihre bisherigen Romane hat sie dies gelehrt. Denn mit Romanen wie «Über Menschen», «Corpus Delicti» oder «Zwischen Welten» hat sie deutsche Befindlichkeiten und Reizthemen wie Gesundheitszwang, Neonazis, Ost-West und Stadt-Land-Konflikt zum Thema gemacht. Der Vorwurf, sie verstecke in ihren Romanen bloss ihre leicht reaktionäre Gesellschaftskritik, klebt seit langem an ihr. So geht man als Leser gerne auf ihr Spiel mit Genres, ja sogar mit Kitsch, ein.
«Das ist kein Leben. Das ist Malen nach Zahlen»
In einer zentralen Szene benennt Juli Zeh sogar indirekt ihr Verfahren. Als Fero erzählt, er wolle eine junge, kluge, in Gesellschaft gewandte Blondine heiraten, wirft ihm die beleidigte Betty vor, er lebe in gesellschaftlichen Stereotypien. «Was du da anschmachtest, ist kein Leben. Das ist Malen nach Zahlen. Echte Menschen haben echte Gefühle für echte Menschen.» Dass Betty in ihrer Sehnsucht nach einem gefährlichen, verzehrenden Leben genauso einer Klischeevorstellung folgt, ist eine Ironie, die Juli Zeh beiläufig, aber präzise inszeniert.
Und sie treibt ihr Spiel noch weiter – in den Zwiespalt von Fiktionalität und Realität. Dass sie sich dafür einen literarischen Verlag ausgesucht hat, passt. Einmal will Betty nicht mehr Leserin sein, sondern als Teil des Ganovenpaars Bonnie und Clide, «zweite Hälfte des neugeborenen Wir.» Auch dies mag man als satirischen Seitenhieb auf ein frustriertes Intellektuellenmilieu lesen.
Ist dieser junge Mann Hochstapler oder trauriges Unterschichtkind?
Die Dramaturgie dieses Romans ist grosse, strenge Romanarchitektur. Aus der Sicht des Anwalts, den Betty lange unwissend lässt, treibt Juli Zeh in täglichen Etappen und mit Erzählportionen diese Geschichte weiter. Was zwischen Betty und Fero abgelaufen ist, erfahren wir im steten Wechsel. Auf jeden Gerichtstag folgt ein Kapitel, in welchem der Verteidiger Betty ein Stück dieser Geschichte abringt.
Wir folgen den täglichen Ränkespielen des karrieresüchtigen Staatsanwalts, der immer neue Indizien aus dem Hut zaubert und die Verteidigung überrumpelt. Die Nervosität steigt von Tag zu Tag. Und dazwischen tauchen wir immer tiefer in das obsessive Verhältnis von Betty zu ihrem Praktikanten ein.
Juli Zeh verfährt darin ganz nach der Thrillerlogik: Denn was den jungen Mann antreibt, bleibt lange Zeit ein Rätsel. Mal scheint er ein schillernder Hochstapler und Intrigant, mal ein neurotischer Streber, mal ein legerer Bonvivant, mal ein verschüchtertes Unterschichtkind. Dass hinter dieser Fassade ein ganz anderes Schicksal steckt, ist eine erschreckende Pointe, die hier nicht verraten werden soll. Wie Juli Zeh diese Figurenzeichnung gelingt, macht den Roman äusserst spannend.



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