
Der Mann ist ein Triebtäter, sein ganzer Zauber nichts als Beschaffungskriminalität. Paul Baumann ist ein schlechter Schüler, aber ein gewiefter Bastler, Blender und Performer. Er baut seltsame Maschinen, eine Bombe – und einen eigenen Kult: eine krude Mischung aus fundamentalistischem Christentum und ägyptisch-indisch inspiriertem Spiritismus. Es wimmelt darin von Engeln. Und Engel sind bei Baumann weiblich.
1956 gründet der 39-Jährige in Linden die Glaubensgemeinschaft Methernitha. Man lebt und arbeitet gemeinsam, Baumann kauft Häuser, eröffnet Betriebe, eine Blumenzucht, eine Elektronikfabrik. Die Arbeiter verdienen nichts: Ihr Lohn fliesst in die Gemeinschaft, ihr Vermögen haben sie beim Eintritt abgegeben. Nur Frauen, behauptet Baumann, seien zum höheren geistigen Leben geschaffen. Die höchste Stufe: Engel.
Drei Frauen erzählen im erschütternden Doku-Vierteiler «Der Engelmacher» von Marina Klauser, wie sie Methernitha und Baumann überlebt haben. Käthi, die Tante der Regisseurin, war ein Engel. Die anderen heissen Ruth und Bea. Heute sind sie alt und erzählen mit einer Klarheit und Entschlossenheit, als hätten sie sich dafür von ihren früheren Ichs abspalten müssen.
Schweigen und denunzieren
Käthi ist 15, als sie sich Methernitha anschliesst und Kindermädchen bei Baumann wird. Bald missbraucht Baumann sie. Sie erhält den Engelnamen Kometria. Im Winter muss sie mit einem anderen Mädchen in weissen Kleidern barfuss durch den Schnee gehen und Engel spielen. Die anderen sinken vor ihnen auf die Knie.
Baumann, bald «Vatti» genannt, zieht ganze Familien an, die Sinn im Diesseits und Jenseits suchen. Dass ihre Töchter von ihnen getrennt werden, nehmen die Eltern hin. Bea darf täglich nur 35 Worte sprechen – ausser beim abendlichen Gruppenbashing. Freundschaften unter den Mädchen sind verboten, Denunziationen werden belohnt. Sie sollen Konkurrentinnen um Vattis Gunst bleiben.

Ruth erzählt von Verhören, bei denen sie gefesselt vor den anderen Engeln sitzt und mit angeblichen Vergehen konfrontiert wird. Über Lautsprecher werden die Verhöre in die Einzelzimmer übertragen. Szenen wie aus Orwells «1984» oder Margaret Atwoods «The Handmaid’s Tale»: Dystopie im Mittelland.
Linden ist die Hölle
Ruth kommt als Fünfjährige nach Linden. «Annäherungen seitens Baumanns gab es seit jeher», sagt sie. Ruth und Bea werden kurz vor ihrem zwölften Geburtstag von Baumann vergewaltigt. Er verhütet nie. Wird ein Mädchen schwanger, nimmt er die Abtreibung selbst vor. Beas Schilderung ist schaurig. Erst räumt Vatti den Mädchen das Hirn aus, dann den Unterleib. Er nimmt seinen Job als Engelmacher wörtlich. Die Mädchen hassen den Sex mit Vatti. Doch Gehirnwäsche, Abhängigkeit und Vereinsamung sind total. Sie glauben, ihre Qualen würden irgendwann Sinn ergeben und auch sie Engel werden. Linden ist die Hölle.
In den 70er-Jahren bekommt Vattis Terrorregime Risse. Ein Engel flieht. Seine Chauffeurin Sonja verbündet sich mit Bea. Nach einem Autounfall, bei dem die beiden schwer verletzt werden, gibt Baumann Bea den Auftrag, Sonja zu ermorden. Sie weigert sich.
Dann taucht die Deutsche Gaby auf. Sie erkennt hinter der Guru-Fassade den Verbrecher, packt Käthi und ein anderes Mädchen ins Auto und versucht zu fliehen. Käthis Eltern schicken ihre Tochter zurück. Doch Baumann will sie nun nicht mehr. Das ist ihr Glück. Käthi geht nach Italien, verliebt sich und findet schliesslich die Kraft, nach Thun zu reisen und Baumann anzuzeigen.
Unfassbares Behördenversagen
1974 wird Baumann verhaftet, 1976 verurteilt. Am Tag der Urteilsverkündung lässt er fünf Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren zu sich bringen und missbraucht sie. 1979 kommt er wegen guter Führung frei. Obwohl keine Mädchen mehr in Methernitha leben dürften, wird die Auflage von der Gemeinde ignoriert.
Nach seiner Rückkehr heisst Baumann nicht mehr «Vatti», sondern «der König». Und der König missbraucht weiter. Die Justiz vergisst ihn. Es ist ein unfassbares Behördenversagen. Baumann stirbt 2011 mit 94 Jahren in Linden. Methernitha existiert bis heute. Noch bis Mitte der 90er-Jahre diffamiert die Gemeinschaft seine Opfer als Huren.
Die Kraft der Frauen
Käthi, Bea und Ruth erzählen all dies und noch viel mehr. Es ist kaum zu begreifen, wie sie nach einer derart zerstörten Kindheit und Jugend ein langes, erfülltes Leben führen konnten. Ihre Leistung in «Der Engelmacher» ist unschätzbar, das Vertrauen zur Regisseurin spürbar. 190 Minuten umfasst Klausers fesselnde und niederschmetternde Dokumentation. Das Unzeigbare illustriert sie mit fiktionalisierten Szenen. Baumann erscheint darin als schillernder Skarabäus aus der ägyptischen Mythologie. Es ist kaum auszuhalten, wenn der Käfer über Mädchenhaut krabbelt oder in einem Puppenhaus ein Bett besteigt.
Der Rest ist zum Glück nicht Schweigen. Der Rest sind Archivbilder und die Stimmen der Frauen, die wohl noch bis ans Ende ihres Lebens weitererzählen könnten. Der Rest ist die Wahrheit.
«Der Engelmacher» gibt es integral auf PlaySuisse zu sehen und ab dem 27. August, 20.10 Uhr, auf SRF 1.
Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.