Pop

Die Generationenflüsterin: Olivia Rodrigo  macht Pop für die Gen Z – und begeistert auch Boomer

Die 23-jährige US-Sängerin stürmt mit ihrem neuen Album die Spitze der Charts. Sie ist gekommen, um zu bleiben.
Die amerikanische Sängerin Olivia Rodrigo
Bild: ENRIC FONTCUBERTA

«Küss mich, und ich falle tot um», singt Olivia Rodrigo im Refrain des Openers «drop dead» ihres neuen Albums «you seem pretty sad for a girl so in love». Thematisch bewegt sich der Song auf vertrautem Terrain jugendlicher Liebes- und Selbstfindungsgeschichten und richtet sich klar an ein junges Publikum. Auch im darauffolgenden «stupid song» geht es eigentlich um nichts anderes als ums Verliebtsein. Die neuen Songs knüpfen an den Erfolg von «drivers licence» an – jener Liebeskummer-Nummer, mit der der damals 18-jährigen Amerikanerin der internationale Durchbruch gelang – und zu einer Stimme der Generation Z wurde. Hat Olivia Rodrigo nichts Neues zu bieten?

Doch die Glückseligkeit der sommerlichen Popnummer hält nicht lange an. Die Schmetterlinge im Bauch verschwinden schon bald, auf die Sehnsucht folgen die Bedenken.  Mit jedem Song wachsen die Zweifel am Partner und an sich selbst. «Die moderne Liebe ist ein grausames Unterfangen» singt sie bilanzierend. Lyrisch gekonnt, durchlebt Olivia Rodrigo in den dreizehn Songs von «you seem pretty sad for a girl so in love» ein ganzes Liebesabenteuer und findet im finalen «cigarette smoke» doch wieder zum ihrem inneren Frieden.

Duett mit Robert Smith von The Cure

Statt Teenager-Herzschmerz geht es hier um die Widersprüche erwachsener Beziehungen: Liebe, Verlust, Selbstzweifel und die Erkenntnis, dass man jemanden lieben und trotzdem verlieren kann. Olivia Rodrigo ist immer noch in erster Linie eine Übersetzerin der Gefühlswelt der Gen Z. «you seem pretty sad for a girl so in love» ist gleichzeitig aber ein Schritt der Künstlerin in die Erwachsenenwelt. Der Schritt vom Ausnahmetalent zur festen Grösse im Popgeschäft.

Das Duett mit dem Cure-Sänger Robert Smith auf «What's Wrong With Me» wird dabei als symbolischer Moment gewertet: Rodrigo verbindet damit ihre Gen-Z-Popwelt mit der Rock-Tradition der Boomer-Generation. Tatsächlich greift sie als Komponistin auf Genres zurück, die auch Boomer vertraut sind. Mit Billie Eilish prägt sie zwar den Sound der Gen Z. Mit Eilish ist sie auch die einzige Künstlerin dieser Generation, die generationsübergreifend funktioniert und für die sich auch Boomer begeistern können.

Platz 1 in dreizehn Ländern

Wie Britney Spears, Miley Cyrus oder Sabrina Carpenter hat Olivia Rodrigo die Disney-Kinderstarschmiede durchlaufen. Aus diesem Kosmos hat sie sich schnell frei gestrampelt und als Interpretin wie Komponistin eine eigene Ausdrucksweise und erkennbare künstlerische Identität gefunden. Sie verbindet die lyrische Kraft des Singer-Songwriter-Pop mit der Dringlichkeit des Rock. Ihr musikalischer Ausdruck lebt weniger von Perfektion als von emotionaler Intensität. Rodrigo gelingt das Kunststück, dass ihre Songs gleichzeitig eingängig und raffiniert, unterhaltsam und unverwechselbar klingen.

«you seem pretty sad for a girl so in love» steht aktuell in mehr als einem Dutzend Ländern auf Platz 1 der Album-Charts – auch in der Schweiz. Doch Rodrigo will nicht nur Hits liefern, sondern auch als Künstlerin ernst genommen werden. Vieles spricht dafür, dass Olivia Rodrigo auch in zehn Jahren zu den prägenden Stimmen des Pop zählen wird.

Olivia Rodrigo: you seem pretty sad for a girl so in love

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