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Nachruf

Einer der berühmtesten Schweizer Musiker: Querflötist stirbt mit 96 Jahren

Sein Instrument begleitete ihn beinahe ein Jahrhundert lang. Nun ist die Flötenkoryphäe Peter-Lukas Graf im Alter von 96 Jahren verstorben.
Ein Stoiker an der Querflöte: Mit Peter-Lukas Graf verliert die Musikwelt einen Meister seines Faches.
Bild: zvg

Hunderttausend. So viele Stunden verbrachte Peter-Lukas Graf Zeit seines Lebens mit einer silbernen Flöte an den Lippen. Auf diese Zahl kommt, wer beinahe 90 Jahre lang täglich mehrere Stunden übt. Denn, warum auch nicht? Es gebe schliesslich keinen Grund, damit aufzuhören, sagte der Musiker vor zwei Jahren, als wir im Vorfeld einer Konzerttournee am Telefon miteinander sprachen. Damals lag gerade Mozarts Andante in C-Dur, KV 315, auf seinem Notenpult, mit dem er wenig später in der Basler Martinskirche, in Bern und Luzern konzertierte.

Und in seiner Heimatstadt Zürich, wo er einst zum Musizieren fand. Im Jahr 1929 in eine Arztfamilie hineingeboren, spielte er zunächst Blockflöte, um später zur Querflöte zu wechseln. Früh etablierte er dabei diese stoische Selbstdisziplin. Selten war er mit sich zufrieden und später erst recht nicht mehr: Selbst im hohen Alter zweifelte er daran, ob er sein Instrument inzwischen wirklich beherrschte. Umso sicherer waren sich alle anderen: Graf war eine flötistische Ausnahmeerscheinung, bei der eiserne Selbstermahnung und untrügliche Musikalität ideal ineinander spielten. Seine prächtige Laufbahn und Diskografie legen Zeugnis davon ab.

Ein pragmatischer Dozent

Sein Handwerk lernte Graf in Zürich bei André Jaunet und am Pariser Konservatorium bei Marcel Moyse und Roger Cortet. Parallel dazu erwarb er ein Diplom im Dirigieren. 1950 begann er seine musikalische Laufbahn als Soloflötist beim Winterthurer Stadtorchester, von 1960 bis 1970 wirkte er als Opern- und Konzertdirigent am Stadttheater Luzern.

Im Jahr 1973 zog Graf mit seiner Familie nach Binningen bei Basel und trat an der hiesigen Musik-Akademie Basel eine Professur an. Hier galt er gemeinhin als fordernder Dozent, dessen Denken auch von grossem Pragmatismus geprägt war. Er unterstützte, förderte nach bestem Wissen und Gewissen, doch begriff er sich nicht als allwissender Ratgeber für seine Studierenden: «Empfehlen kann ich diesen Beruf nicht. Aber wenn Talent, Wunsch und Wille da sind, würde ich nicht davon abraten», sagte er mir.

Unerschöpfliche Neugier für sein Instrument

Nach zehn Jahren des Unterrichtens widmete er sich wieder vermehrt dem solistischen Musizieren, tourte international, gab Meisterkurse und fand seine Mitmusiker zuweilen auch im nächsten Umfeld. Mit seiner Tochter, der Pianistin Aglaia Graf, trat er zuletzt etwa mit dem Neuen Zürcher Orchester auf. Insgesamt hinterlässt er rund 40 Platten, sie alle zeugen von einer unerschöpflichen Neugier für das von ihm gewählte Instrument - ein Charakterzug, der ihn auch mit seinen langjährigen musikalischen Weggefährten Ursula und Heinz Holliger verband.

Ob er sich rückblickend wieder für das Instrument entscheiden würde? Auch das fragte ich ihn damals im Oktober 2023 am Ende unseres Gesprächs. «Um Himmels willen! Keinesfalls!», sagte er und lachte. Vom Klang her würden ihm Gitarre, Cello oder die Orgel eigentlich besser gefallen.

Peter-Lukas Graf ist an Silvester kurz vor seinem 97. Geburtstag in Binnigen gestorben. Mit seinem Tod verliert die Schweizer Musikszene ihren emotionalsten Stoiker und eine Koryphäe an seinem Instrument. Dass sich Graf damals trotz allem für die Flöte entschieden hat: Was sind wir froh drum!

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