Die ehemalige Luzerner Intendantin Ina Karr hat wahrlich kein Händchen für Immobilien. 2025 hatte das Luzerner Stimmvolk ihren Traum von einem 130 Millionen teuren Theaterneubau an der Reuss versenkt. Während Stiftungsratspräsidentin Anja Meyer noch vor der Abstimmung sagte, sie würde einen (kleinen) Besen fressen, wenn die Luzerner das Haus nicht schön fänden, war das Prestigeobjekt aus Sicht der ihre Altstadt abgöttisch liebenden Luzerner eben genau das gewesen: nicht schön.
Nun steht die kurz nach der Luzerner Volksabstimmung an die Oper am Rhein in Düsseldorf berufene künftige Generalintendantin vor dem nächsten baulichen Trümmerhaufen.
Denn nicht schön ist auch die 1943 teilweise kriegszerstörte, provisorisch geflickte und in der typischen Nachkriegs-Ästhetik umgebaute Oper in Düsseldorf. Ina Karr war kurz nach der verlorenen Volksabstimmung mit dem Versprechen dorthin berufen worden, dass man sich hier an einem neuen Standort ein neues Opernhaus leisten wolle. Kostenpunkt: eine schlappe Milliarde Euro. Da kann nicht mal der repräsentationswütigste Baulöwe der Welt, US-Präsident Donald Trump mithalten, der sich seinen vergoldeten Ballsaal im Ostflügel des Weissen Hauses bescheidene 400 Millionen Franken kosten lässt.
Es war ein Angebot, das schwer auszuschlagen war. Schliesslich hatte die Intendantin seit ihrem Antritt 2021 mit einem Haus mit bröckelnden Zuschauerdecken und veralteter Technik zu tun, das sich laut Karr platztechnisch wie ein «tiny house» anfühlte – das Schuhinventar der Kostümabteilung lagert auf dem Dachboden.
Das Düsseldorfer Projekt des norwegischen Architekturbüros Snøhetta, das Opernhäuser in Riad, Südkorea und Schanghai baut, wäre also ein würdiges Update gewesen. Der Entwurf der Norweger war kühner als das nach ersten Protesten redimensionierte Projekt der Zürcher Architekten Andreas Ilg und Marcel Santer in Luzern es je sein konnte.
Doch nun hat Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller an einer Pressekonferenz den Opernneubau gestoppt. Die aktuelle finanzielle Situation der Stadt lasse so ein grosses Projekt nicht zu, sagte er. Man wolle das alte Haus lieber sanieren. Der Stadtverwaltung war plötzlich aufgefallen, dass Schulen und Strassen bei knappem Budget vielleicht doch wichtiger sind als ein neuer Kulturtempel. Ina Karrs Luzern-Trauma, es wiederholt sich.
Und so passiert das gerade an vielen Orten, wo Theater saniert oder ersetzt werden müssten – und das sind viele. Die Politik hat die Lust am Klotzen verloren, stattdessen sind Widerstand und Einfallslosigkeit die neuen Tugenden. Auch der Zürcher Pfauen soll keinem kühnen Neuentwurf weichen. Und man muss schon dort hinschauen, wo der neue Feudalismus seine Blüten treibt, um die neuen Kunsttempel in den Himmel wachsen zu sehen, etwa nach Katar oder nach Dubai - oder eben nach Washington D. C.
Im Theater jedenfalls, so hat man den Eindruck, sind mittlerweile weniger künstlerische Visionäre gefragt als Intendanten, die als Bauleiter und Troubleshooter sich mit maroder Infrastruktur auskennen. Zürichs Co-Intendant Rafael Sanchez wurde von der Findungskommission auch deshalb nach Zürich berufen, weil er am Schauspiel Köln sich mit der Bespielung von Provisorien auskennt. Wer heute ein Theater leiten will, braucht offenbar weniger ein Händchen für die Kunst als einen guten Kontakt zu Gipsern, Statikern und Brandschutzbehörden.





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