
«Willkommen auf der Baustelle», knurrt der Platzanweiser in Morgarten. Tatsächlich, vier Baucontainer türmen sich vor den Hügeln am See. Hier hat die beste Aussicht aufs Wasser – das Morgarten-Denkmal. Unbehauene graue Steine, eher dröger Obelisk, denn eleganter Triumphbogen.
Das Ding ist hässlich, keine Frage. Doch es erinnert an einen Schweizer Freiheitskampf im Jahr 1315. Nach neusten historischen Fakten war es zwar bloss ein mickriger Hinterhalt gegen Habsburger. Doch Kritik ficht den Mythos nicht an, er hält sich für unsterblich.
Reale Bauprofile, realen Ärger
Den Steinhaufen von 1908 überstrahlt die wahre Schönheit, das Ägerital. Es ist so schön, dass sich selbst der See die Zunge zu lecken scheint. Besonders einladend präsentiert es sich an lauen Abenden wie an der Uraufführung des zweiten «Morgarten-Spektakels». Rein gar nichts fehlt dieser Landschaft, augenscheinlich nicht einmal der Regen. Alles grünt und blüht mit sich selbst um die Wette.
In Morgarten hat die Schwyzer Regisseurin Annette Windlin 2015, zum 700-Jahre-Jubiläum der Schlacht, das erste «Spektakel» aus der Taufe gehoben. Auftraggeber waren die Kantone Zug und Schwyz, der Publikumszuspruch war enorm.
Elf Jahre später ist ihr Team wieder zur Stelle, im Gepäck die Inszenierung mit dem Titel «Spatenstich». Das verheisst Veränderung und lässt nichts Gutes ahnen: In der Tat steht das Schlachten-Denkmal bereits in einem Wald von Bauprofilen! Die Stangen sind echt und sorgten bei der Bauverwaltung der Gemeinde Oberägeri für Beschwerden besorgter Bürgerinnen und Bürgern, Radio SRF hat darüber berichtet.

Doch Bauprofile hin, Bauprofile her: Wer als städtisches Baustellen-Opfer in diese offene Landschaft fährt – tiefblaues Wasser, grüne Ufer, sanfte Hügel, göttliche Ruhe on top –, fragt sich zunächst: Himmel, wieso wohne ich eigentlich nicht hier?
Ein Burj Al Arab am Ägerisee
90 Minuten, Bekanntschaft mit über 40 Laienspielern und einen Kostümrausch später stellt man sich die naive Frage nicht mehr. Man fühlt sich ertappt in seinem Wunsch, Landschaft als persönliche Komfortzone zu missbrauchen. Annette Windlin und Autor Paul Steinmann verpassen uns mit ihrer musikalisch-poetischen Fiktion «Spatenstich» eine eiskalte Dusche: Auf den Hängen unterm Denkmal soll ein Luxus-Resort gebaut werden. Sieben Sterne, gerne mehr. Das Burj Al Arab in Dubai ist die Masseinheit.

Die geplante Anlage in Morgarten verfügt über Seeanstoss, die Strasse am See schluckt der Berg. An der Gemeindeversammlung haben 78 Prozent der Anwesenden dem Bebauungsplan zugestimmt – und damit auch beschlossen: Das Denkmal muss weg.
Die Begeisterung ist verständlich und eine Leistung der Investorengruppe «Team Vision». Fünf Menschen mit Dollarzeichen in den Augen rund um einen unangenehm auftretenden Financier. Sie haben den Anwohnern mit Versprechen und Zugeständnissen den Mund wässrig gemacht.
Für das Morgarten-Schiessen wird in der Anlage eine unterirdische Schiessanlage gebaut, eine neue öffentliche Badi soll entstehen, öffentlich sind auch die Gourmet-Restaurants. Und Samih Sawiris Marina wird nun eben nicht am Vierwaldstättersee, sondern am Ägerisee errichtet: Der Steuerfuss sinkt, Bodenpreise jagt’s in die Höhe.
Wie zum Beweis all dieser Versprechungen steht die teuerste Wohnung der Schweiz tatsächlich bereits am Ägerisee. Für 7 Zimmer in der Residenz Bellagio werden auf Homegate 14,5 Millionen Franken aufgerufen. Der künftige Eigentümer darf aufatmen: Der Seeanstoss ist im Preis inbegriffen.
Spatenstich auch für die Frauenfrage
Paul Steinmann hat sein Stück unmittelbar aus der Problematik der Gegenwart gehoben. Die Zentralschweiz ist ein Investitionsgebiet, der Baudruck besonders an Seen ist hoch, das Ägerital ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. «Spatenstich» ist Realsatire, wie man sie nicht besser kann. Aus Andermatt und von der Urner Halbinsel Isleten winken die Sawiris, vom Bürgenstock die Katarer.

Doch Steinmann orientiert sich auch an der Vergangenheit. Ohne zu viel zu verraten: Die Inszenierung ist auch eine kleine Schule in Innerschweizer Feminismus vor Erfindung des Begriffs. Fast scheint es sogar, als wäre die Frauenbefreiung im 19. Jahrhundert am Ägerisee erfunden worden.
Das historische Personal, das sich aus dem Jenseits ins Geschehen rund um das Denkmal einmischt, ist verbürgt. Besonders kämpferisch sind zwei Schweizer Suffragetten: Die Glarnerin Frieda Gallati (1876-1955), die erste Historikerin der Schweiz, und Katharina Weiss (1834-1911), die erste Frau, die in Zug ein eigenes Fotoatelier unterhielt.
90 Minuten «Spatenstich» heisst aber auch: 90 Minuten allerbeste Zentralschweizer Theaterkultur, wie man sie jedem Ort der Schweiz ans Herz wünscht. Nicht umsonst wird Laientheater der Zentralschweiz vom Bund als eigene lebendige Tradition des immateriellen Kulturerbes geführt.
Der zweite Streich von Morgarten liefert das beste Beispiel. Standing Ovation für eine Uraufführung, bei der es die Wucht des Gemeinsinns mit der Schönheit des Tals aufnehmen kann. Chapeau!
Morgarten, bis 19.9. Tickets unter www.morgartenspektakel.ch


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