Was für ein Line-up, was für ein Abend! Wäre Politisieren in der Realität so unterhaltsam, Parteien könnten sich vom Zustrom Jugendlicher kaum retten. Wer am Wochenende an der Universität Zürich das Glück hatte, als Mitglied eines Bürgerrats – das heisst als Besitzer einer Eintrittskarte – an der Politshow «Proberaum Zukunft» teilzunehmen, hat etwas zu erzählen.
Dass man dabei tatsächlich etwas vom realen Politbetrieb begriffen hätte, ist schwer zu sagen. Mit Sicherheit aber lässt sich behaupten: «Proberaum Zukunft» zählt zu den ersten Highlights des Zürcher Theaterspektakels. Es hat einen Preis verdient für eine engagierte, clevere und aufwendig produzierte Lektion in direkter Demokratie. Regisseur Eneas Prawdzic in Zusammenarbeit mit Daniel Riniker und der Universität Zürich haben viel gewagt und viel gewonnen.
Wölfin in der Bürgerperücke
Doch zunächst zum Line-up der Expertinnen und Experten, sie sind auschlaggebend: Es spielten mit Ex-Botschafter Thomas Borer (smart), ex-Botschafter Tim Guldimann (smart, gutaussehend) genauso wie die Rechtprofessorin Helen Keller (smart, gutaussehend und eloquent).
Auch Divisionär Ralf Siegenthaler war angetreten, um uns, den Bürgerrat meinungsbildend zu unterstützen. Mit dabei war auch der 2024 auf der Basis von Gerüchten aus dem Politleben verbannte Diplomat Jean-Daniel Ruch. Zur Stelle waren amtierende Nationalrätinnen und Nationalräte sowie der Staatsrechtler Andreas Kley. Als Special Guest und Chef-Unterhändlerin der Schweizer Delegation war MCR präsent, Micheline Calmy- Rey.
Es war der Abend geistvoller Frauen, auch dank ihr: Als Vorsitzende des Experten-Boards und Sitzungsleitung amtete Andrea Sprecher. Die Generalsekretärin der SP – unter der Bieder-Perücke einer Bürgerlichen - – besitzt hörbar Performancetalent. Andrea Sprecher mit ihrer rhetorischen Coolness, Keller mit fundierter Schlagfertigkeit, MCR mit trockenhumoriger Abgebrühtheit haben den Abend zum Ereignis gemacht.
Bund der letzten Demokratien
Nicht um Re-Enactment, also Nacherzählung eines Stück Realität geht es dabei, das ist Milo Raus Spezialität. Eneas Prawdzic und sein Team lassen ein Pre-Enactment steigen, ein Zukunftsszenario.
Das Publikum als Bürgerrat muss an diesem Abend, der im Sommer 2027 stattfindet, darüber entscheiden, ob die Schweiz der «Internationalen Demokratie-Allianz» (IDA) beitreten soll. Dem Bündnis angeschlossen sind bereits 44 Gründungsstaaten mit dem Ziel, der globalen Demokratie-Erosion den Kampf anzusagen.
Wie schlimm genau es im Spätsommer 2027 um die politische und wirtschaftliche Lage bestellt ist, kann der Bürgerrat im «Abstimmungsbüchlein» nachlesen. Dort wird die Vorgeschichte der Abstimmung und die aktuelle Lage der Welt detailliert geschildert.
September 26, die AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit. November 26, knappe Niederlage der Republikaner in den USA, Trump hält die Wahlen für manipuliert und beansprucht den Sieg. Januar 27, die USA treten aus der UNO, NATO und WTO aus.
Mai 27, Le Pen gewinnt die französische Präsidentschaftswahl. Juni 27, Trump erhöht die Zölle für die Schweiz auf 45 Prozent. Und schliesslich, nur zwei Tage vor der heutigen Konferenz, fällt in der EU für 24 Stunden die zentrale Cloud-Infrastruktur aus – ein Warnschuss der USA.
Text mit autobiografischer Schlagseite
Kurze zwei Stunden stehen dem Bürgerrat bis zur Abstimmung zur Verfügung, die Zeit läuft. MCR als Delegierte der Schweiz holt zu ihrem ersten Statement aus – und überrascht: Sie empfiehlt, die Vorlage abzulehnen. Die Neutralität sei in Gefahr. Und, wer will in einer gespaltenen Welt eine weitere Blockbildung?
Auch der Bundesrat zögert, die Charta geht ihm zu weit. Jean-Daniel Ruch als Delegierter des Bundesrats hat die Textzeilen, die für die lautesten Lacher sorgen. Genau dann sogar, wenn das Szenario auf dem Höhepunkt steht.
Pünktlich, wenn auch nicht eingeladen, platzt auf dem Peak die Bombe. Trumps rechte Hand stürmt den Saal. «Nancy Anderson» mit Betonfrisur erklärt jedem einzelnen Befürworter der Vorlage im Namen des Präsidenten den rhetorischen Krieg. Ruch kontert. Er, der von Viola Amherd damals abservierte Staatssekretär, beschwichtigt den Bürgerrat mit dem Satz, den er sich damals wohl für sich selbst gewünscht hätte: «Der Bundesrat verurteilt jede Einschüchterung, der Bundesrat steht hinter ihnen.»
Es ist nicht selbstverständlich, dass an diesem Abend das Publikum die Vorlage mit 121 zu 53 Stimmen annimmt. Einen Abend später fiel das ja hauchdünn aus. Doch man hat die Rechnung ohne Calmy-Rey gemacht. Man will nicht spoilern: Aber sie verpasst der Bürgerversammlung eine kalte Dusche. Dieser politische Doppelaxel ist wahrlich der grösste Lerneffekt der Show. Aber auch der unterhaltsamste.
Weitere Vorstellungen mit anderen Expertinnen und Experten am 21./22. August in der Aula der Universität Zürich. Keine Abendkasse, die letzten Tickets werden am Vortag ab ca. 10 Uhr freigegeben.


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