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Der neue Martin Suter: Krimi mit einem Schuss Quantenphysik

In «Ein und Alles» wird viel geglaubt und gefühlt. Der Bestsellerautor flirtet wie noch nie mit Rätselhaftem und dem kollektiven Bewusstsein. Ob das gut geht?

Beim Lesen von Martin Suters Roman «Ein und Alles» fällt mir eine Tischlampe ein, die mir ein Freund vererbt hat. Sie lässt sich tadellos anknipsen und spendet ein schönes Licht. Sobald ich sie aber ausmachen möchte, reagiert sie launisch. Mal betätige ich den Schalter, aber sie brennt einfach weiter, mal erlischt das Licht, und nach kurzer Zeit kommt es zurück. Mal flackert es seltsam, und manchmal geht die Lampe ohne Zicken aus. Ich muss dann immer daran denken, dass der Freund zu Lebzeiten genauso kapriziös war.

Wie aber lässt sich dieses ähnliche Verhalten der Lampe und ihres früheren Besitzers erklären? Dank Martin Suter habe ich nun eine Antwort gefunden. In «Ein und Alles» verschwindet ein Mann, seine Frau bleibt zurück. Bald läuten Polizisten bei ihr. Sie verdächtigen ihren Mann, an seinem Arbeitsplatz einen siebenstelligen Betrag gestohlen zu haben und abgetaucht zu sein.

Dann geschieht Merkwürdiges: So wie mein verstorbener Freund in der Lampe noch präsent zu sein scheint, glaubt auch Suters Heldin, dass ihr verschwundener Mann irgendwie immer in der Nähe ist: Einmal hört sie seine Schritte im Treppenhaus, doch als sie nachschaut, ist niemand da. Mal träumt sie so real von ihm, als sei er wieder nach Hause gekommen.

Das Bewusstsein entsteht nicht im Hirn

Ihr scheint, als gebe ihr Mann ihr in ihren Träumen Zeichen. Martin Suter gibt auch uns Zeichen. Sein Buch widmet er dem italienischen Physiker und Erfinder Federico Faggin, der bei Intel die Entwicklung des ersten Mikroprozessors leitete und später Touchpad und Touchscreen mit erfand. Suter lernte ihn persönlich kennen. Ihn interessiert aber weniger der Tech-Pionier des Silicon Valley als vielmehr Faggins Forschung zum Bewusstsein.

Diesem sei klar geworden, dass «das Bewusstsein nicht im Gehirn entstehen kann, sondern überhaupt erst das Gehirn hervorbringt», wie Suter schreibt. Und in Anlehnung an Faggin stellt der Schriftsteller seinen Roman unter das Motto: «Wir haben kein Bewusstsein. Das Bewusstsein hat uns.»

Faggins These von einem kollektiven Bewusstsein mag in der Forschung umstritten sein, aber literarisch ist sie ergiebig. Ein perfekter Schuhlöffel, um Eingang in die oft von Esoterikern getragenen Schuhe der Bewusstseinsforschung zu finden. Darin lässt sich alles Irrationale plötzlich wunderbar erklären. Es wird viel geglaubt und noch mehr gefühlt.

Die schwere Kunst der leichten Unterhaltung

Ein Bewusstseinsforscher und Quantenphysiker doziert im Roman: Die klassische Physik glaube, dass die Welt aus fester Materie besteht. Doch eigentlich sei nichts fest. Es gebe nur Zustände, die sich im Moment der Messung erst festlegen. Aha, denkt man, und kommt trotzdem nicht draus.

Kein Problem, denn Martin Suter erzählt uns literarisch, worum es genau geht, ohne allzu lange Ausflüge ins Reich der Quantenphysik. Seine wichtigsten Elementarteilchen sind nicht Quarks, sondern Thrillerplot, Liebesstorys, starke Figurenzeichnungen, viel Atmosphärisches sowie die schwere Kunst der leichten, klugen und amüsanten Unterhaltung.

Das alles vereint er in «Ein und Alles». Dennoch ist dieser Roman zwar routiniert geschrieben, aber gewiss nicht Suters bestes Werk. Vieles wird vielversprechend angeschnitten, aber der Autor lässt es bei wenigen Denkimpulsen bewenden, wohl um die Krimidramaturgie nicht zu gefährden. Immerhin: Ein Lämpchen hat er angezündet, um unser Bewusstsein etwas auszuleuchten.

Martin Suter: Ein und Alles. Roman, Diogenes, 300 Seiten.

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