
Das Staatsdinner in der armenischen Hauptstadt Erewan neigte sich dem Ende zu, als Emmanuel Macron das Mikrophon ergriff. Aber nicht etwa für einen Trinkspruch nach abgeschlossenen Rüstungsverträgen. Auch nicht, um die engen Bande zwischen den beiden Ländern zu loben – Frankreich hatte nach dem Völkermord in Armenien 1915 und dem Erdbeben von 1988 Tausende von Opfern aufgenommen. 400'000 Armenierinnen und Armenier leben heute in Frankreich.
Ein Chanson als diplomatische Geste
Nein, Macron stimmte vielmehr «La Bohème» an, das berühmte Chanson des 2018 verstorbenen franko-armenischen Chanson-Sängers Charles Aznavour. Mit geübtem Tremolo sang der französische Präsident Zeilen wie: «In den Cafés warteten wir auf den Ruhm, und so arm und hungrig wir waren, hörten wir nicht auf, daran zu glauben.» Zum Schluss begleitete der armenische Präsident Vahagn Kachaturyan den Amtskollegen aus Paris, während sich Premier Nikol Pachinjan sogar für eine Jam Session ans Schlagzeug setzte.
Die Presse und offiziellen Staatsgäste des gleichzeitig anberaumten Europatreffens waren nicht mehr präsent, als Macron das Aznavour-Chanson sang; nur eine franko-armenische Journalistin filmte den Auftritt, von dem nicht bekannt ist, wie improvisiert er war. Auf jeden Fall erreichte er im Netz eine ähnlich massive Verbreitung wie Anfang Jahr, als Macron am Weltwirtschaftsforum in Davos mit Sonnenbrille aufgetreten war. Oder als er 2023 mindestens so spontan mit jungen Studenten in den nächtlichen Strassen von Paris im Chor das Berglied Le Refuge gesungen hatte.
Soft Power per Karaoké
Dass Armenien von Frankreich bei dem Staatsbesuch 36 Caesar-Kanon kaufte, und dass Macron am Dienstag den Iran vor Raketenattacken der Vereinigten Arabischen Emirate als «inakzeptabel» anprangerte, ging dabei fast unter. Soft Power per Karaoké zieht mehr, und die Pariser Presse fragt schon, ob ihr in einem Jahr abtretender Präsident noch eine weitere Variété-Darbietung inszenieren werde: In Kanada etwa auf den Spuren von Edith Piaf oder bei seinem letzten EU-Gipfel in Brüssel mit einem Lied von Jacques Brel? Zum Beispiel sein «Ne me quitte pas», zu Deutsch «Verlass mich nicht.»



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