Comic

Lucky Luke wird 80 und reitet gegen die Spinner Amerikas

Im neuen Band «Heiliger Lucky!» gerät der Cowboy an Flat Earther und wird wider Willen zum Messias - eine Satire, die auch Erwachsenen Spass macht.

Die spinnen, die Amis! Den Lieblingsspruch der Gallier hätte man leicht angepasst sehr gut in die neue Geschichte um den lakonischen lonesome Cowboy einbauen können. Asterix und Lucky Luke wurden ja auch lange von René Goscinny getextet. Im neuen Band kriegt es Lucky mit Flat Earthern, mit Tölpeln, Quaksalbern, geldgierigen Predigern, mit dem Unsinn aus dem Telegrafennetz, einem Heuschreckenschwarm, Klimawandel zu tun – und einem Haufen Wundergläubigen. Die sehen in ihm eine Art neuen Messias. Lucky kann da nur die Augen verdrehen.

Weniger Revolver, mehr deftige Satire

In «Heiliger Lucky» wird der Cowboy zu einer modernen, ja melancholischen Figur. In früheren Bänden war Lucky Luke noch vor allem ein sehr cooler Problemlöser mit flinkem Revolver. Einer, der sämtliche Ganoven hinter Gitter bringt, und den sein trockener Humor mit seinem treuen Gaul, mit Jolly Jumper, verbindet. Erfreulicherweise ist er in den letzten Jahren zu einer immer interessanteren Comicfigur geworden - eine immer noch sehr lustige Figur, die aber auch Erwachsenen Spass macht.

Was muss er sich in «Heiliger Lucky!» alles anhören! Ein bärtiger Wutbürger warnt ihn: Dass die Erde rund sein soll, sei «Humbug der Regierung in Washington» - damit wolle man den Leuten nur noch mehr Steuergelder aus der Tasche ziehen. Und als Lucky im Dorf ankommt, das bereits ans Telegrafennetz angeschlossen ist, wundert er sich darüber, «wie viel Unsinn durchs Netz ins Haus kommt.» Das tönt sehr aktuell.

Von Abraham Lincoln bis zu Levi Strauss

Dieser Gegenwartsbezug ist durchaus neu in der Entwicklung dieses Kult-Comics. Präzise historische Bezüge aber waren seit seinem Start 1946 Teil des Konzepts. Über Jahrzehnte hinweg konnte man Lucky Lukes Abenteuer nämlich auch als Sachcomic zur Geschichte der USA im 19. Jahrhundert lesen. Morris, der Erfinder der Figur, durchstreifte während sechs Jahren immer wieder die USA und studierte deren Geschichte und Schauplätze. Die Comics um den Cowboy sind deshalb eine wahre Fundgrube.

US-Präsident Abraham Lincoln taucht in sechs Bänden auf. Der jugendliche Killer Billy the Kid durfte natürlich auch nicht fehlen. Ebenso Levi Strauss, der Erfinder der Jeans, der Sioux-Häuptling Sitting Bull oder die Schriftsteller Mark Twain und Jack London. Aber auch unbekanntere historische Figuren gaben Anlass für ganze Bände. So waren die Erfinder des Spielautomaten, die Brüder Adolphe und Arthur Caille, Inspiration für den Band «Der einarmige Bandit», die Bordellbesitzerin Mattie Silks war Vorbild für das Salongirl in «Am Klondike». Über den Eisenbahnbau bis zum Gold- und Ölrausch erfuhr man so beiläufig jede Menge Geschichtliches.

Lucky Luke wird wie ein Popstar verehrt

In «Heiliger Lucky!» himmeln die Frauen den Cowboy an: «Das ist der Mann der Wunder wirkt», und küssen ihm die Hand mit einem geschmachteten «Gott segne Sie!». Die Männer laufen plötzlich wie ihr Idol herum - in blauen Hosen, gelbem Hemd und schwarzem Gilet. Der Priester will mit Lucky als Messias die neue Religion des Lukismus ausrufen. Und das ganze Westerndorf versammelt sich andächtig um einen Tisch mit Lucky-Reliquien: seinem roten Halstuch und seinen alten Stiefeln.

Mit solchen treffsicheren Szenen glänzt dieser wunderbare Band. Und platziert auch noch eine süffige Portion Selbstironie. Dass er schneller als sein Schatten schiesse, kommentiert er abwehrend, das sei «nur eine Redensart». Mit 80 Jahren ist Lucky Luke längst selbst Kult, eine Art Popstar wider Willen. Man liest diese grotesken Szenen in «Heiliger Lucky!» als spassige Gesellschaftssatire auf unsere in Teilen irre Gegenwart und auf all die auch zeitgenössischen Spielarten von Verehrung: politisch, kulturell, religiös.

Die Macher des neuen Abenteuers zünden also eine deftige Satire auf naive Verschwörungsgläubige und auf solche, die einen neuen Messias herbeisehnen. Allzu gut versteht man Lucky, der sagt: «Ich bin heilfroh, von diesen Fanatikern wegzukommen.»

Lucky Luke als Beschützer der Ureinwohner

Interessant ist auch Lucky Lukes Einstellung zum Thema Kolonialisierung des US-Westens mit der Vertreibung der Ureinwohner. Luke begegnet den Häuptlingen und Stammesmitgliedern grundsätzlich auf Augenhöhe, lehnt Willkür sowie Rassismus ab und versucht, unnötiges Blutbad oder Betrug zu verhindern. Der neue Band greift das Thema auf bissige Art auf. Der Apotheker im Westerndorf will sich seit langem das Land der Ureinwohner aneignen. Nun schenkt er ihnen mit für sie tödlichen Pockenviren getränkte Decken - Lucky Luke vereitelt zuletzt natürlich diesen perfiden Mordanschlag.

Dass eine solche Comic-Serie über den Tod der Gründergeneration hinweg vital bleibt, ist höchst erfreulich. Seit Mitte der 1950er stand René Goscinny dem Gründer als Texter zur Seite. Nach dessen frühem Tod 1977 wechselten die Texter. Seit dem Tod von Morris 2001 zeichnet der Franzose Achdé. Der französische Autor Julien Lucien Berjeaut alias Jul schrieb die Texte zu «Heiliger Lucky!».

Achdé hält jedoch nichts von Monopolen. In bereits sieben Hommage-Bänden liess er in den vergangenen Jahren andere Comicautoren eigene Lucky-Luke-Bände zeichnen. Herausragend war etwa Ralf Königs «Zarter Schmelz» 2021, in welchem Lucky mit einem schwulen Cowboy-Pärchen Kühe hütet, die Milch für Schweizer Schokolade im Wilden Westen geben sollen. Die Zukunft von Lucky Luke scheint gesichert. Und der Cowboy geht ohnehin mit der Zeit, gab 1983 das Rauchen auf, und kaut seither auf einem Grashalm.

Lucky Luke «Heiliger Lucky!», Egmont Verlag, 53 S., ab Dienstag, 3. November im Handel.

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