Beim «Lucerne Festival Spring», das am Sonntag mit dem zweiten Konzert des Lucerne Festival Orchestra zu Ende ging, blieb auf den ersten Blick alles beim Alten. Neue Wege geht der neue Intendant Sebastian Nordmann erstmals am Klavierfest im Mai, wo der Pianist Víkingur Ólafsson Bach mit einer Lichtinszenierung und neuer Musik verbindet. Im Gegensatz dazu führte das Lucerne Festival Orchestra am Wochenende seine Tradition am Frühlingsfestival weiter mit Werken von Mendelssohn und Beethoven, die schon in den Vorjahren Programmschwerpunkte bildeten. Gleich blieb sich auch die Zahl der (wie im Vorjahr) 3800 Besucher in zwei Orchesterkonzerten und einer Kammermusik.

Ozeanische Gefühle in neuer Balance
Dieser Erfolg ist insofern erstaunlich, als Chailly am Frühlingsfestival nicht einfach die ozeanischen Gefühle weckt, die die meisten von diesem Orchester noch immer erwarten dürften. Abbados Idee einer ins Grosssinfonische geweiteten Kammermusik hatte Chailly zuerst weiter entwickelt in Richtung Moderne, also hin zu Strawinsky, Ravel oder Rachmaninow. Am Frühlingsfestival dagegen geht die Repertoireerweiterung in die andere Richtung, hin zur frühen Romantik und zur Klassik. Das erfordert – nach den Vorgaben der historischen Aufführungspraxis – eine Verschiebung der Balance vom Ozeanischen hin zur Kammermusik. Und diese gelang auch am Wochenende nicht bei allen Werken gleichermassen.

Wie bei Mozart (am Freitag unter Franz Welser-Möst) lastete auch am Sonntag der Orchesterklang wuchtig und schwer auf Mendelssohns Violinkonzert. Das fiel hier umso mehr ins Gewicht, als der Solist Emmanuel Tjeknavorian nicht mit demonstrativer Virtuosität auftrumpfte. Er erhob sich mit singendem Ton über die Masse des Orchesters, verschlankte ihn zum dünnen Faden, der sich wunderbar mit den Holzbläsern verwob, und befreite sich zu zauberisch leicht gespickter Virtuosität. Aber wo er den Ton mit feinnervigem Vibrato zu dramatischer Erregung steigerte, hielt das Orchester mit viel Pathos dagegen.
Davon befreit war der Geiger, der inzwischen vornehmlich als Dirigent Karriere macht, in der Zugabe. Begleitet nur von einem Streichquintett dieser «weltbesten Musikerinnen und Musiker» spielte Tjeknavorian herzerwärmend Fritz Kreislers «Liebesleid» als musikalischen Gruss aus seiner Heimatstadt Wien. Auch die sympathische Ansage zeigte ihn als Vertreter einer jungen Musikergeneration, die nicht nur musikalisch, sondern auch im Plauderton mit dem Publikum kommuniziert.
Ein Beethoven-Orchester
So erfrischend wie dieses neue Element am Spring-Festival war, zum Schluss die Aufführung Beethovens vierter Sinfonie. Chailly bewies hier, dass er – auch mit der geschickten Auswahl von Gastdirigenten von Herbert Blomstedt über Pablo Heras-Casado bis zu Franz Welser-Möst – das Orchester inzwischen zu einem veritablen Beethoven-Klangkörper gemacht hat.
Aus dem im Dunkeln tappenden Beginn steigerte sich der erste Satz zu explosiver, aber nie massiger Klangkraft. Chailly nahm diese im zweiten in einen innigen, ausgesponnen Gesang zurück, schuf messerscharfe Klarheit in den rhythmischen Labyrinthen des Scherzo und schraubte die dramatischen Entwicklungen im Finale zum kämpferischen Triumph hoch. Zügige Tempi und ein unermüdliches Hochdruckmusizieren tendierten zwar etwas einseitig hin zu temperamentvollem Drive, schufen aber doch auch Raum für Wunder der Poesie von Klarinette und Fagott. Begeistert und überaus herzlich war danach der Schlussapplaus. Mit ihm schien das Publikum nicht nur dieses moderne Beethoven-Orchester zu feiern, sondern demonstrativ Riccardo Chailly als Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra.


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