Meinung

Mein Bauch gehört mir – weshalb die Schweiz Leihmutterschaft neu denken muss

Die Freiheit, Eltern zu werden scheitert, wenn eine Frau für jemand anderen ein Kind austragen will. Das Verbot der Leihmutterschaft ist ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Trotz Verbot eine Leihmutter gekauft: Jens Spahn (r), ehemals Vorsitzender der Fraktion der CDU/CSU im Deutschen Bundestag und sein Ehemann Daniel Funke
Bild: Annette Riedl/Keystone

Die deutsche Affäre Spahn ist keine deutsche Affäre. Sie ist genauso eine schweizerische. Sie ist überall dort eine Affäre, ein Skandal, wo Leihmutterschaft offiziell verboten ist. Und damit auch in der Schweiz.

Der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn und sein Mann entschieden sich für eine Leihmutterschaft in den USA. Die Reaktion ist Empörung und das Ende einer politischen Karriere. Spahn stolperte über seine Doppelmoral.

Doch es ist nicht die Doppelmoral oder wohl eher die persönliche Schwäche eines Einzelnen, die zu diskutieren ist. Zur Debatte steht der doppelte Moral-Kompass, der in Ländern mit einem Verbot von Leihmüttern gilt.

Es braucht mehr Wissen und Information

Der tiefe Fall von Spahn bringt Licht ins Dunkle. In ethisch heikle Themen wie Reproduktion, Elternschaft und Kindeswohl. Er beleuchtet den damit verbundenen Wust an Vorurteilen, Falschinformationen, Ignoranz – und die Verkennung von Rechtslage sowie Realität. Wer weiss beispielsweise, dass eine amerikanische Leihmutter ein Kind zwar austrägt, die Eizelle aber von einer anderen Frau stammt?

In der Schweiz lautet die Wirklichkeit spätestens seit der «Ehe für alle»: Es gibt ein Recht auf Familie. Weibliche Ehepaare haben Zugang zur Samenspende. Doch männlichen Paaren wird die Leihmutterschaft verwehrt. Ist das gerecht?

Der liberale Staat lässt uns entscheiden, wo wir wohnen, was wir arbeiten, zu wem wir beten und wen wir lieben. Er geht mit gutem Grund davon aus, dass wir mündig sind. Weshalb aber sollte ausgerechnet eine Frau, die aus altruistischen Motiven das Kind ihres schwulen Freundes, einer Freundin, eines unfruchtbaren Paares austrägt, unmündig sein?

Ausgerechnet dort, wo der Wunsch nach so etwas Intimem wie Familie beginnt, entzieht der Staat uns das Vertrauen.

Verbot fördert frauenverachtende Praktiken

Für Wunscheltern ist Leihmutterschaft oft die letzte Möglichkeit, ein Kind zu bekommen. Auch deshalb reisen jährlich über 2000 Menschen, Paare und Einzelpersonen, in Ländern wie die USA, die Leihmutterschaft unter strengen Bedingungen erlauben.

Doch Leihmutterschaft ist in unseren Köpfen verknüpft mit Horrorstorys. Mütter, welchen die eigenen Kinder sozusagen aus dem Leib gerissen werden. Sozial schlechtgestellte Frauen als Gebärmaschinen, Erwerbsquellen für dubiose Kinderwunschagenturen oder für das organisierte Verbrechen.

Es gibt solche Fälle, und jeder Fall ist einer zu viel. Internationale Menschenrechtsorganisationen berichten von ähnlich ausgebeuteten Frauen in Osteuropa und Südostasien. Vor dem russischen Angriffskrieg galt die Ukraine als weltweit grösstes Zentrum für die kommerzialisierte Leihmutterschaft. Zu welchem Anteil man dabei von Menschenhandel sprechen musste, ist ungewiss. Die Illegalität existiert im Verborgenen, daran gibt es nichts zu deuteln.

Das muss sich ändern. Durch Verfolgung und Bestrafung ausbeuterischer Machenschaften und durch mehr Information. Das Verbot der Leihmutterschaft schafft die Leihmutterschaft aber nicht aus der Welt. Es fördert lediglich eine Zweiklassen-Gesellschaft: Da sind die einen, die es sich leisten können, ihren Kinderwunsch in den USA zu verwirklichen - vertraglich abgesichert, mit strengen Vorschriften, der medizinischen und psychologischen Abklärung der Leihmutter und verbunden mit der Auflage, dass das Kind seine Herkunft kennen wird.

Das Recht auf Familie ist universal

Wer sich den Kinderwunsch in Amerika erfüllt, gehört zu den Privilegierten wie der neue Buhmann Jens Spahn in Deutschland. Wie der Schweizer SRF-Sportmoderator Olivier Borer und sein Partner, der publik machte, dass er für sein amerikanisches Baby 150 000 Franken ausgab. Die Hasskommentare gabs in den Sozialen Medien kostenlos dazu.

Wer das Geld nicht aufbringt, wird einen anderen Weg finden. Grauzonen, Menschenhandel und mögliche Ausbeutung inklusive.

Was Not tut, liegt auf der Hand: Das Verbot der Leihmutterschaft muss in der Schweiz neu gedacht werden. Das Thema ist moralisch zu sensibel, als dass ein kompromissloses Njet genügt. Ein kategorisches Nein ist ausserdem nicht kompatibel mit der modernen Idee von Familie und den Fortschritten in der Reproduktionsmedizin.

Jens Spahn brachte den Widerspruch zwischen rechtlichem Verbot und persönlichem Kinderwunsch auf den Punkt: «Das eine ist die reine Lehre, das andere das echte Leben.» Gesetze aber sollten dem Leben dienen und nicht sich selbst.

Wieso will die Schweiz als Land, das die Selbstbestimmung hochhält, nicht einmal Vorreiterin sein? Eine kontrollierte Legalisierung wäre kein Bruch mit unseren Werte, es wäre eine vorbildliche Stärkung.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)