Late Night Switzerland

Büssi ist zurück – und plötzlich macht er etwas anders

Stefan Büsser startet mit den Schmirinskis, Stress und 50 Minuten Primetime in die fünfte Staffel. Nicht alles zündet – doch ausgerechnet Büssi selbst überrascht.

Ausnahmsweise zur Primetime (20.05 Uhr) und in Primetime-Länge (50 Minuten) ging Stefan Büsser gestern in die fünfte Staffel. Büsser profitierte davon, dass das unter Sparzwang unlustige Entscheidungen treffende SRF nicht mehr Produzentin der «Swiss Comedy Awards» ist und den Job einem kleinen Privatsender überlassen hat. Und auch sonst hat der Mann bald ein Humor-Monopol beim Schweizer Fernsehen. Die Sendung seiner härtesten Konkurrenten Gabriel Vetter und Fabienne Hadorn (»Die Sendung des Monats») wird vom SRF nach dieser Saison gestrichen.

Humor tat trotzdem not am Sonntagabend. Eine rechtsextreme Partei bedrohte eine weitere liberale Demokratie. Und weil man zum Ausgang der Wahl im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt zu diesem Zeitpunkt noch kein abschliessendes Wort zum Sonntag halten konnte, liessen die Macher von «Late Night Switzerland» spontan den Aargauer Kult-Sünneler und «Blick»-Legende Peter Nyffeler mit Tanktop und Cocktail über die Bühne schlurfen.

Irgendwie war das stimmig. Es gab Büssi die Gelegenheit, das Vakuum in seiner der Newslage hinterherlaufenden Sendung zu überbrücken: «Kult-Sünneler Peter Nyffeler sei braun, unsere Wiesen hätten sich braun gefärbt, und das deutsche Bundesland Sachsen-Anhalt habe sich heute auch noch richtig braun gemacht.»

Und dann schwenkte Büssi auch schon ins Inland.

Der Eindruck danach

Werden jetzt nur noch die 1990er-Jahre abgefeiert? Erst die Diddl-Maus, dann Marco Rima (und sein Musical «Keep Cool»), und jetzt bewegt die Schweiz auch noch das Comeback der Schmirinskis. René Rindlisbacher und Stephan Schmidlin waren in den Neunzigern mit ihrer Mainstream-Comedy aus Slapstick, Verkleidung und Männergezank eine Samstagabend-Institution  («Top of Switzerland»). Jetzt wagen sie ein Comeback. Im Jahr ihrer Ernennung zum Nachwuchstalent (1991) war «affengeil» das Jugendwort des Jahres. Damit, liebe Gen Z, solltet ihr gegen jede Autorenerwartung mitlesen, ihr die Sache ein wenig einordnen könnt.

Was macht der Nachwuchs?

Die junge Comedienne Julia Steiner hat schon ein paar Einspieler zu «Late Night Switzerland» beigesteuert. Als Inhaberin einer «Generalagentur für glaubwürdige Alternativen» (Gaga) erklärt sie Büssi, wie sie Grossmächten und Kleinkunden (Schweiz) dabei hilft, in Kulturkämpfen rhetorisch die Oberhand zu gewinnen. «Lake America» für «Lake Ontario», «militärische Spezialoperation» für «Krieg». Wer hats erfunden? Eine Schweizer Agentur. Ausgangpunkt für den Gag war die Meldung, dass Albert Röstis Generalsekretär Yves Bichsel den Departementsmitarbeitenden zeitweise das Wort Klimawandel untersagt hatte.

Leider geht der Gag keinen Zentimeter darüber hinaus. Da war meine Kollegin Daniele Muscionico, die kürzlich darauf aufmerksam machte, dass die Deutschen unseren Bodensee in englischer Sprache längst annektiert haben («Lake Constance») origineller.

Mimisch und rhetorisch überzeugend war hingegen Milan Milanski in seiner Rolle als E-Trotti-Gegner. In einem Gag, der die Wolfsregulierung in der Schweiz und die Debatte um die in Bahnhofsnähe in Rudeln herumstehenden E-Trottis miteinander verschränkte, warnte Milanski, ganz das Jugo-Klischee, vom «soziomobilen Kollaps» und outete sich als Befürworter einer Abschusserlaubnis – zur Demonstration beförderte er ein E-Trottinett in die Limmat.

Der grösste Fail

Man sollte das Schweizer Fernsehen nie, aber wirklich nie dafür kritisieren, wenn es mal aus seiner Komfortzone rausgeht und innerhalb seiner strengen Regularien und Abläufe etwas vermeintlich Neues ausprobiert. Da handhabe ich es wie bei meiner fünfjährigen Tochter, die mir erklärt, sie baue eine Rakete für die Mondlandung, die auch garantiert funktioniere – ich bremse so einen Enthusiasmus nicht aus.

Die Wahrheit ist aber auch: Der Rollentausch mit Andres Andrekson aka Stress auf dem Moderatorensessel hat nur so halb funktioniert. Der Rapper verwies Büssi auf die Therapiecouch und übernahm für ein paar Minuten die Sendung. Stress sprach über die chronische Unterversorgung der Schweiz mit Psychotherapeuten und kritisierte die Pläne der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats. Die will den Zugang zu kassenpflichtiger Psychotherapie verschärfen. Stress meint es ernst, er hat ein Album und ein Buch über seine Depressionen veröffentlicht, war aber dazu verdammt, lustig zu sein. Das Tempo der Sendung verlangsamte sich merklich.

Büssis Weiterentwicklung

Die Abu-Dhabi-Ferien im Bombenhagel diesen Sommer haben Büssi offenbar ein kleines Character Development beschert. Es ist nur eine Nuance in seiner Auftrittskompetenz, aber sie steht ihm gut zu Gesicht. Wir nennen es, um die Sache bedeutsamer klingen zu lassen, mal präemptive (zuvorkommende) Selbstironie. Büsser lässt schlechte Gags und Parolen einspielen und übernimmt für uns dann die Rolle des Fremdschämens. Etwa, wenn linke Klimaaktivisten vor Bundesrat Albert Rösti «Rösti, Rösti, mer lönd eus ned röschte» skandieren. Büssi schaut dann wie ein Comedian, dessen Berufsstolz verletzt wurde.

Früher haben wir das vor den Bildschirmen getan, als wir ihm zuschauten. Jetzt macht er es selbst. Das ist höhere Dialektik.

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