
Prominent die Gäste, prominenter die Schauspieler, rauschend war’s auf der Bühne und in den Foyers – und dieses Mal sogar noch rauschender als an den meisten Premieren. Am Wochenende eröffnete das grösste Theater des Kantons seine Spielzeit und markierte gleichzeitig ein historisches Datum: Das Kurtheater Baden wird 75 Jahre alt.
Ein Dreivierteljahrhundert Kunst und Kultur in einem Gebäude, das als Schweizer Kulturgut von nationaler Bedeutung gilt. Das Haus, das von einer Frau entworfen wurde, der Ennetbadener Architektin Lisbeth Sachs, gilt als erster Theaterneubau im Nachkriegseuropa: Gründe zu feiern, muss man in Baden im kommenden Jubiläumsjahr nicht suchen.

Familiendrama, Generationenkonflikt
Das Gastspiel «Blind» aus dem Münchner Residenztheater im ausverkauften Saal war der programmatische Auftakt und machte klar: An diesem Haus wird mit niederschwelligem Zugang künstlerisch Lokales, Nationales – und wie hier – Europäisches verhandelt.
Die Bühnenstars Juliane Köhler und Manfred Zapatka (Jahrgang 1942) zeigten, was es bedeutet, wenn Kritikerinnen und Kritiker von einem «Fest der Schauspielkunst» schwärmen. Der Abend gehört Persönlichkeiten mit brillanter Diktion, dem Timing von Klappmessern und dem Gefühl für Pointen, die sie sich gegenseitig vor die Füsse spucken.
Das Stück «Blind» bringt Juliane Köhler (Polizeipsychologin Lydia Rosenberg im Kölner «Tatort») und Manfred Zapatka (Heinrich Himmler in «Das Himmler-Projekt») als Tochter und Vater auf die Bühne. Ihren Figuren fliegen die Zuschauersympathien allerdings nicht unmittelbar zu.
Er, Richard, entpuppt sich als libertärer, rassistischer Dickkopf und Unternehmer. Aus Sorge vor Überfällen bunkert er sich und seinen Reichtum in einer Gated Community ein. Sie, Helen, ist die mindestens so dickköpfige, selbstgerechte, sozial engagierte Anwältin und Ehefrau eines schwarzen Intellektuellen. Seit Jahren haben die beiden kaum Kontakt zueiander. Jetzt, da der Ältere behauptet, «blind» zu werden, nimmt er seine einzige Tochter in die Pflicht, ihn zu pflegen. Doch die unterschiedlichen Weltbilder sind unvereinbar.
Das Stück ist aus, das Ende bleibt offen
Wie sollen wir miteinander leben, wenn man sich fremd ist, fragt die niederländische Erfolgsautorin Lot Vekemans in ihrem neuen Stück. Soll man sich annähern, muss man sich vielleicht sogar annähern, oder darf man sich aus dem Weg gehen? Ist Familie ein Konzept oder möglicherweise doch mehr und verbindlicher in Bezug auf die Verantwortung, die man hat?
«Blind» spielt in Südafrika, in Baden war der konkrete Ort bedeutungslos, und das begeisterte Publikum verstand: Ob Familiendrama oder Generationenkonflikt, eine Geschichte über Rassismus oder die Metapher für die Abschottung Europas – «Blind» funktioniert auf allen Ebenen. Die zurückhaltende Inszenierung unterstützt die Darsteller aufdringlich. Und das Beste ist: Am Ende ist zwischen Vater und Tochter nichts gelöst.
Peter Handke aus dem Burgtheater
Die Einladung aus München war der Auftakt zu einer Reihe erstklassiger Abende. Acht Koproduktionen stehen in dieser Spielzeit an, zwei Premieren, sowie weitere Höhepunkte an Gastspielen. Vom Wiener Burgtheater eingeladen ist die gefeierte Stefanie Reinsperger mit dem Solo «Selbstbezichtigung» von Peter Handke. Das französische Kollektiv (La)Horde an der Schnittstelle zwischen Tanz, Film und bildender Kunst kommt ans Haus. Harald Schmidt wird in Baden Station machen, Ulrich Tukur und die Sängerin Katja Epstein.

75 Jahre Kurtheater bedeuten nationale und internationale Gastspiele aus den ersten Adressen von Wien, München, Wien oder Berlin. Der künstlerische Leiter Uwe Heinrich öffnet das Haus für Produktionen aus dem Tanz, Schauspiel und Musiktheater, für die man andernorts den Weg in eine Metropole auf sich nehmen muss.
Nicht zu vergessen sind die regelmässigen Koproduktionen mit dem Aargauer Theater Marie. Und nicht zu übersehen sind die Eigenproduktionen, die sich zumeist zu Publikumslieblingen mausern. So steht seit fünf Jahren unerschütterlich «Der Kurgast» – ein Solo von Andreas Storm – nach Hermann Hesse im Spielplan. Und noch immer hat sich das Publikum daran nicht sattgesehen und wartet im November wieder auf Karten.
Seit dem architektonisch preisgekrönten Umbau 2020 scheint das Haus über dem Kurpark zu schweben. Doch das ist ein Trugbild: Der Bau mag von aussen leicht wirken, innen ist er geerdet und gibt er kulturell Schwerwiegendem Raum. Glückliches Baden, das diese Perle sein Eigen nennt.
Nächste Aufführungen des «Kurgast» am 15., 17. und 18. November.
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