Gastkolumne

Was das Leben von Krokodil Muja über Zoos und Krieg erzählt

Krokodil Muja lebt seit 90 Jahren im Belgrader Zoo. Seine Geschichte zeigt, wie Tiere in Krisen zu Projektionsflächen für menschliches Leid werden.
Krokodil Muja im Belgrader Zoo.
Bild: Vux33/wikpedia.de

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Gäste unbeeindruckt. Vor der Glasscheibe tummeln sich die Zoobesucher. Er liegt im Becken, regungslos. Die senkrechte Pupille schlitzt durch die bernsteinfarbene Iris. Ein Auge wie ein Dolchschnitt.

Muja ist das älteste Krokodil der Welt. Seit fast 90 Jahren lebt er im Belgrader Zoo. 1937 kam er in Belgrad an, da war er bereits zehnjährig. Vermutlich ist er mehr als hundert Jahre alt. Ganz genau lässt sich sein Alter nicht mehr feststellen.

Muja soll nicht nur das älteste Krokodil der Welt sein. Sondern auch dasjenige, das am meisten Bombardierungen überlebte. So zumindest wird es den Touristen erzählt. Es ist eine weit verbreitete Behauptung, dass Belgrad die am meisten bombardierte Stadt der Welt sei.

Es ist richtig, dass die Stadt in der Neuzeit viermal angegriffen wurde. Im Ersten Weltkrieg von Österreich-Ungarn, im Zweiten von den Nationalsozialisten und den Alliierten, und 1999 von den Streitkräften der Nato. Es ist auch richtig, dass Muja während dreier der Angriffe in Belgrad war und sie überlebte.

Dennoch ist die Bezeichnung «meist bombardierte Stadt» befremdlich. Was sind die Kriterien für diesen morbiden Superlativ? Ist es die Anzahl der Bombardierungen? Das Ausmass der Zerstörung? Die Dauer der Angriffe?

Schliesslich gibt es Städte, die über mehrere Jahre bombardiert, beschossen und belagert wurden. Sarajevo zum Beispiel. Die Belagerung der bosnischen Hauptstadt dauerte fast vier Jahre.

Zurück zu den Tieren. Die Verbindung von Zootieren und Krieg ist häufig in den Medien. Erst kürzlich schrieb der Spiegel über einen ukrainischen Zoo. In Mykolajiw versucht ein Zoodirektor, seine Tiere am Leben zu halten. Die meisten Mitarbeitenden sind entweder geflohen, verletzt oder im Kriegsdienst. Zudem fehlt das Publikum und damit die Einnahmen für Futter und Heizung.

Auch aus Gaza gibt es immer wieder Berichte über das Schicksal der Tiere. Eingeschlossen, bedroht und abgeschnitten von Versorgung. Genau wie die Menschen.

Einerseits verstehe ich den Ansatz solcher Reportagen. Sie verdeutlichen die Auswirkungen von Krieg. Konflikte finden nicht nur an den Fronten statt, sondern dringen vor in alle Aspekte des Alltags. In das Leben der Zivilisten genauso wie in das der Tiere.

Dennoch: Ist es richtig, Tiere als Projektionsfläche zu benutzen? Relativiert es das Leid der Menschen? Ist es vielleicht nicht grundsätzlich falsch, ein Tier seiner Freiheit zu berauben, damit wir es anschauen können?

Tiere, insbesondere grosse Reptilien, sind in Europa schon lange eine Attraktion. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts waren Wanderzirkusse mit Riesenschlangen, Echsen und Krokodilen unterwegs. Vermutlich 1819 wurde das erste lebende Krokodil in der Schweiz zur Schau gestellt. In Bern zeigte eine Ménagerie zwei Nilkrokodile und einen Mississippi Alligator, die gleiche Gattung wie Muja.

Reise und Transport waren mühselig. Die Strassen waren schlecht, man war mit Pferden und Fuhrwerken unterwegs. 1830 brauchte eine niederländische Ménagerie 70 Tage, um von Zürich nach München zu gelangen. Doch der Aufwand lohnte sich: Mit der Schaulust der Menschen liess sich gutes Geld verdienen.

Das beschrieb auch Dostojewski in seiner Kurzgeschichte «Das Krokodil». Ein Beamter wird in St. Petersburg von einem Schaukrokodil verschluckt. Der Besitzer des Krokodils weigerte sich, das Tier aufzuschneiden, schliesslich sei es seine wichtigste Einnahmequelle. Der unglückliche Verschluckte führt also seine Beamtentätigkeit fortan aus dem Inneren des Krokodils heraus.

Auch Medienberichte über Zootiere im Krieg gibt es schon lange. Im Zweiten Weltkrieg kamen solche Reportagen beispielsweise aus dem Berliner Zoo. Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurde der Zoo für Propaganda missbraucht. Löwen, Giraffen und andere Tiere aus dem südwestlichen Afrika wurden als «deutsche Kolonialtiere» präsentiert.

Nach Kriegsende veränderten sich die Berichte. Bei der Schlacht um Berlin wurde der Zoo beinahe vollständig zerstört, viele Tiere getötet. Ab da ging es nicht mehr um die stolzen «deutschen» Tiere, sondern um hungernde, frierende, verletzte und getötete Tiere. Politische Umstände spiegeln sich in der Zeitung wider.

Auch Muja lebte vor seiner Zeit in Belgrad in einem deutschen Zoo. Manche Quellen behaupten, er sei aus Berlin gekommen. Belegen lässt sich das allerdings nicht.

Ob sich Muja an seine vorherige Heimat erinnert? Wie lange er wohl noch in Belgrad leben wird? Noch immer treibt er regungslos im Wasser. Der Vorhang der Pupille schiebt sich lautlos zu.

Unsere Gastkolumnistin Samantha Zaugg ist freischaffende Autorin und Künstlerin. Sie lebt derzeit in Serbien.

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