Sex und Fetische

Nur wer sich entblösst, kommt rein: Einblick in den ominösen Techno-Club Kitkat

Eigentlich sind Kameras im berühmt-berüchtigten «Kitkat» in Berlin streng verboten. Doch nun geben gleich zwei neue Filme Einblick in dessen Mythos. Was ist der Reiz am Club, in den nur reinkommt, wer sich entblösst?

Wer im Berliner «Berghain» feiert, gilt als cool. Wer dagegen erzählt, gerade im «Kitkat» gewesen zu sein, setzt beim Gegenüber unweigerlich das Kopfkino in Gang. Denn der legendäre Nachtklub an der Köpenicker Strasse in Berlin steht seit über drei Jahrzehnten für eine sexuelle Freizügigkeit, die kaum Grenzen kennt. Das beginnt bereits an der Tür: Selbst Kate Moss soll einst der Einlass verweigert worden sein, weil sie zu viel Kleidung trug. Erst als das Supermodel sein Oberteil auszog, durfte es hinein.

Der Club gilt auch als Mysterium, weil Smartphones dort strikt verboten sind und über die Dinge, die dort passieren, für die Öffentlichkeit entsprechend nur Augenzeugenberichte existieren. Bis jetzt. Denn in den vergangenen Wochen sind gleich zwei Dokumentarfilme erschienen, die Licht aufs Clubleben werfen – und wie!

Zwischen Tanzflächen, verwinkelten Räumen und einem Pool küsst ein Mann im Rollstuhl das Hinterteil einer fast nackten Frau. Anderswo steckt sich eine Frau einen Lollipop in die Vagina, bevor sie ihn in den Mund ihres Partners drückt. Auch Sex findet hier regelmässig vor den Augen anderer Gäste statt. So erzählt ein DJ stolz, er habe einmal über eine Stunde lang auf dem Bett neben der Tanzfläche Geschlechtsverkehr gehabt. Dass sich dabei mehrere umstehende Zuschauer dazu selbst befriedigten, empfand er als Auszeichnung «wie einen Orden».

Das Perverse steckt im Menschen

Die Bilder, welche «One Night at KitKat» und «KitKatClub – Kinks of Berlin» dem Publikum präsentieren, sind keine leichte Kost. Und doch lief zumindest der eine Film in der staatlichen ARD im Kulturprogramm. Denn so pervers das alles auf manche Zuschauer wirken mag: Die Filme zeigen eine Seite der menschlichen Sexualität, die sonst im Verborgenen bleibt. Ob man daran Gefallen findet oder nicht, diese Welt existiert.

Interessant an den Filmen sind jedoch nicht primär die expliziten Bilder, sondern das Menschenbild dahinter und die Fragen zum Verständnis von sexueller Freiheit, welche die Filmemacher aufwerfen. Denn in «One Night at KitKat» will das iranische Regiepaar Mohsen Najafimehri und Diba Darbari das «Kitkat» offenkundig von seinem verruchten Ruf befreien. Sie zeichnen ein Bild eines grossen gesellschaftlichen Experiments, in dem Menschen endlich ihren geheimsten Begierden nachgehen können. Mit sanfter, beinahe meditativer Musik unterlegt, wirken selbst die Fetisch-Sex-Szenen fast ästhetisch.

Stellenweise lässt sich «One Night at KitKat» fast als Werbung verstehen. Etwa, wenn «Kitkat»-Gäste erzählen, wie dankbar sie seien, dank des Clubs ihr persönliches Glück gefunden zu haben. Eine Transfrau aus Israel berichtet, ihre Transition habe im «Kitkat» begonnen. An anderer Stelle schwärmt eine Mitarbeiterin von einem wunderbaren Gefühl, das nur verstehen könne, wer es auch schon selbst im «Kitkat» erlebt habe.

Die befreite Lust wird schnell zur Fessel

Das «Kitkat» erscheint so als eine Art Paradies, in dem die Menschen ihre Triebe ausleben können, ohne sich dafür schämen zu müssen. Doch dieses Freiheitsversprechen wirft eine unbequeme Frage auf, der im Film erstaunlich wenig nachgegangen wird: Macht das Ausleben jedweder sexueller Begierde einen Menschen tatsächlich freier und glücklicher?

Die Antwort ist keineswegs ein eindeutiges «Ja». Denn eine überwundene Hemmschwelle bedeutet nicht automatisch mehr Freiheit. Im sexuellen Kontext besteht viel eher die Gefahr, dass Vorlieben immer extremer werden und in einer Spirale enden. Denn wenn das Aussergewöhnliche gewöhnlich wird, lockt bald eine neue Grenzüberschreitung, sodass Befriedigung womöglich irgendwann unmöglich wird.

«Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein», schrieb Friedrich Nietzsche einst. Auf die menschlichen Begierden übertragen, heisst das: Was als Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen beginnt, kann in einer Abhängigkeit von immer weiteren Extremen münden, die schlussendlich das Gegenteil von Freiheit bedeutet.

Ob die Verführung sich lohnt, bleibt unklar

Dass die sexuelle Befreiung à la «Kitkat» zwar kurzzeitig, aber nicht längerfristig glücklich macht, lässt der ARD-Film im Übrigen auch selbst erahnen, als eine Domina von ihrer Arbeit erzählt, als wäre es ein gewöhnlicher Bürojob. Ein Kunde bezahlt sie im Club dafür, dass sie ihm befiehlt, ihren Fuss samt Socken in den Mund zu nehmen. Sein «grösster Wunsch» allerdings ist, sie später auch nach Hause fahren zu dürfen. Hinter der sexuellen Unterwerfung verbirgt sich offenbar irgendwo auch eine Sehnsucht nach Zuneigung. Nur lässt sich diese nicht so einfach kaufen oder nachhaltig im «Kitkat» finden.

Auch an anderer Stelle ist von der Sehnsucht nach Intimität um fünf Uhr morgens die Rede. Und von der Leere auf dem Heimweg, wenn der Zauber des «Kitkat» verflogen ist. Zwischen all den nackten Körpern zeigt sich, dass sexuelle Befriedigung noch lange kein dauerhaftes Glück bedeutet.

«One Night at KitKat», abrufbar in der ARD-Mediathek, mit Altersbeschränkung.
«KitKatClub – Kinks of Berlin», seit dem 10. September in Kinos.

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