Interview

«Dieser Sommer könnte der kühlste der nächsten Jahrzehnte sein»

In «Das Ministerium für die Zukunft» entwirft Kim Stanley Robinson eine Welt im Klimanotstand – und zeigt Wege auf, wie sich die Erwärmung bremsen lässt. Ein Gespräch über das, was auf uns zukommt.

Wo befinden Sie sich im Moment?

Kim Stanley Robinson: Meine Frau und ich wohnen im Sommerhaus ihrer Familie an der Küste von Maine, wie wir es jeden Sommer für ein paar Monate tun. Es ist ein kleines Ferienhaus an einem See, das der Grossvater meiner Frau vor 100 Jahren gebaut hat.

Klingt idyllisch. Spüren Sie dort die Hitze und Dürre?

Da wir mitten im Atlantik sind, ändert sich das Wetter stündlich. Es war trocken, aber heute regnet es. Ganz allgemein erwärmt sich der Golf von Maine sehr schnell, manchmal zieht Rauch von den Waldbränden in Kanada herüber, und die Gefahren für die Hummerfischerei und die Nordatlantischen Glattwale nehmen zu. Überall auf der Erde sind die Auswirkungen des Klimawandels bereits sichtbar, und sie werden sich weiter verschlimmern.

In der Schweiz jagt ein Hitzerekord den nächsten, in Europa brennen Wälder. Was löst ein solcher Sommer bei Ihnen aus?

Ich mache mir Sorgen, dass die Menschheit weiterhin fossile Brennstoffe verbrennen wird, bis wir bestimmte «Kipppunkte» oder «planetare Grenzen» überschreiten, die Veränderungen in Gang setzen werden, die so gravierend sind, dass jede Notfallreaktion der Menschheit völlig wirkungslos bleibt. Wenn das geschieht, wird sich die Biosphäre der Erde rasch zu einem «Hothouse-Earth»-Klima, einer Heisszeit-Erde, aufheizen, das die Zivilisation schwer treffen oder sogar zerschlagen wird.

Sie malen schwarz.

Das bedeutet nicht das Aussterben der Menschheit, aber darum geht es auch nicht; massenhaftes Sterben und allgemeines Elend sind schlimm genug. Einer solchen ausser Kontrolle geratenen Entwicklung so nahe zu sein, ist beängstigend. Meine Hoffnung ist, dass eine handlungsfähige politische Mehrheit die Gefahr erkennt und entsprechend handelt.

Die sogenannte Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad hat Sie zum Schreiben von «Das Ministerium für die Zukunft» inspiriert. Warum ist diese Schwelle so gefährlich?

Es handelt sich um einen Hitzeindex, also um die Kombination von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Das ist deshalb wichtig, weil der menschliche Körper bei trockener Hitze schwitzen und sich dadurch abkühlen kann; bei feuchter Hitze funktioniert das nicht, weshalb Menschen überhitzen und rasch an Organversagen sterben. Normalerweise wird die Luft trockener, wenn die Temperaturen steigen, aber eben nicht immer, und feuchte Hitze kann tödlich sein.

Ihr Roman beginnt mit einer verheerenden Hitzewelle in Indien. Hat die Realität Ihre Fiktion inzwischen eingeholt?

Noch nicht. Erstens ist die Kombination aus Hitze und Luftfeuchtigkeit bei einer Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad noch nicht über eine Woche oder länger hinweg aufgetreten, auch wenn dies zunehmend wahrscheinlicher wird. Zweitens hat sich seit dem Schreiben des Buches Solarenergie auf Hausdächern in Pakistan und Indien stark verbreitet. Das bedeutet, dass selbst dann noch eine gewisse dezentrale Stromversorgung vorhanden wäre, wenn eine riesige Hitzeglocke diese tödliche Kombination aus Hitze und Feuchtigkeit hervorrufen würde. Selbst wenn das Stromnetz zusammenbräche, wäre das also nicht zwangsläufig für alle Menschen tödlich. In diesem sehr begrenzten, aber dennoch realen Sinne ist die Situation besser als zu der Zeit, als ich mein Buch schrieb.

Es gibt also durchaus positive Entwicklungen.

Ja. Hinzu kommt das Bewusstsein: Heute sind sich sehr viel mehr Menschen der Gefahr bewusst als noch 2019. Das ist zum Teil eine Nebenwirkung der Covid-Pandemie; die Menschen wissen inzwischen, dass die Biosphäre einen sehr schnell töten und die Zivilisation sehr schnell verändern kann. Dieses Wissen beruht auf eigener Erfahrung und ist nicht nur Theorie. Das Bewusstsein und auch die Angst haben also erheblich zugenommen. Hinzu kommt, dass neue Solarenergie heute bereits günstiger ist als neue Energie aus fossilen Brennstoffen. Die gewöhnliche ökonomische Logik spricht also heute stärker für eine rasche Dekarbonisierung als je zuvor.

In Ihrem Roman setzt Indien solares Geoengineering ein. Könnte das in der Realität helfen?

Bei der sogenannten stratosphärischen Aerosolinjektion, von der Sie sprechen, werden kleine Partikel in die obere Atmosphäre eingebracht, wo sie Sonnenlicht reflektieren, bevor es die Erdoberfläche erreicht. Darüber wird diskutiert, weil dieses Verfahren einen natürlichen Prozess nachahmt – Vulkanausbrüche –, den wir untersucht haben und dessen Auswirkungen wir kennen. Es könnte funktionieren, und möglicherweise werden wir es brauchen. Es ist aber nur eine von verschiedenen Methoden.

Welche anderen gibt es?

Viele. Auch die Entnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre und seine Speicherung stellen eine Form von Geoengineering dar, ebenso wie die Erhaltung von Eis, die man inzwischen versuchsweise in den Schweizer Alpen beobachten kann. Über alle Methoden sollte diskutiert werden, denn möglicherweise müssen wir die Erde für einige Jahrzehnte abkühlen, während wir die Schäden reparieren, die wir mit den Nebenprodukten unserer Industrie verursacht haben. Und wenn erst einmal eine sich selbst verstärkende Erwärmung hin zu einer Heisszeit-Erde beginnt, werden all diese Methoden weniger wirksam sein. Deshalb müssen wir jetzt darüber sprechen, denn das Zeitfenster, in dem ihr Einsatz tatsächlich noch helfen könnte, ist ziemlich klein – einige Jahrzehnte, falls sich die Erwärmung beschleunigt.

Kriege dominieren derzeit Politik und Medien, die Klimakrise rückt in den Hintergrund. Lässt sich das überhaupt ändern?

Ich hoffe es. Man kann von der «Polykrise» sprechen, bei der all diese Probleme Ausdruck der Tatsache sind, dass unsere industrielle Zivilisation die Biosphäre bereits derart stark schädigt, dass deswegen tatsächlich Kriege beginnen – Russland will beispielsweise die Ukraine unter anderem wegen ihrer Rolle als Kornkammer. Oder man kann einfach sagen: Ganz gleich, was sonst geschieht, ob gut oder schlecht – die Tatsache, dass sich das Erdklima so rasch erwärmt, ist ein alles bestimmendes Problem, das angegangen werden muss. In mancher Hinsicht ist es immer die grösste Gefahr und sollte deshalb auch die wichtigste Geschichte sein.

In Ihrem Roman verüben Klimaaktivisten tödliche Anschläge auf besonders klimaschädliche Multimillionäre. Könnte es auch in der Realität so weit kommen?

Wenn sich das Klima weiter erwärmt, wird es Katastrophen geben, so wie in meinem Buch, und eine offensichtliche Gefahr ist eine Panik um die Lebensmittelversorgung. Die meisten von uns beziehen ihre Lebensmittel aus Geschäften, und deren Lieferketten könnten unterbrochen werden. Panik wiederum führt zu Hamsterkäufen, und auch das zerstört die Funktionsfähigkeit der Lieferketten. Das gewöhnliche Leben, wie wir es heute führen, könnte verschwinden. Unsere gegenwärtige Lebensweise ist spröde und verletzlich; sie hängt von einem stabilen Klima ab und ebenso von einem allgemeinen gesellschaftlichen Vertrauen, das bereits heute nicht besonders stark ausgeprägt ist.

In «Das Ministerium für die Zukunft» schlagen Sie den «Carbon Coin» vor, eine Währung, mit der die Entfernung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre und vermiedene Emissionen belohnt werden sollen. Wie würde dieses Konzept funktionieren?

Genauso wie die quantitative Lockerung 2008 funktioniert hat, als die Zentralbanken neues Geld schufen, um die Banken zu stützen, und 2020, als neu geschaffenes Geld die Wirtschaft während der Covid-Lockdowns am Laufen hielt. Es würde voraussetzen, dass sich die grössten Staaten – G7, G20, OECD – darauf einigen, jährlich ein oder zwei Billionen US-Dollar neu zu schaffen und dieses Geld an Menschen auszuzahlen, die alle möglichen Arten von grüner Arbeit leisten, insbesondere aber an einer raschen Dekarbonisierung arbeiten. Dann könnten Menschen ihren Lebensunterhalt mit grüner Arbeit verdienen.

Was kann jungen Menschen angesichts solcher Aussichten noch Hoffnung geben?

Ja, es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Sommer der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen sein wird – und zugleich der kühlste Sommer der kommenden drei Jahrzehnte. Das ist die Realität. Deshalb sage ich jungen Menschen immer: Das ist die Realität – ihr müsst damit umgehen. Ihr werdet für den Rest eures Lebens mit dieser Situation leben. Das gilt für jeden Menschen, der heute lebt.

Das klingt nun wieder sehr düster.

Es ist die Realität. Das Merkwürdige ist: Im Moment können wir immer noch eine gute Zukunft für die kommenden Jahrhunderte schaffen. Aber diese Möglichkeit wird nur noch einige Jahrzehnte bestehen. Wenn wir jetzt nicht handeln, sind alle zukünftigen Generationen am Arsch – und alle Tiere ebenfalls. Historisch betrachtet ist es also eine entscheidende Zeit, in der wir leben. Genau deshalb ist jetzt der Moment, an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung ist für das Leben immer von entscheidender Bedeutung, aber heute mehr denn je. Mitten in einem entscheidenden Rennen ist nicht der Zeitpunkt, sich auf den Boden zu setzen und schon im Voraus die Niederlage auszurufen! Stattdessen ist es Zeit, härter zu rennen als je zuvor.

Welche Rolle kann Science-Fiction dabei spielen, die Klimakrise greifbarer zu machen?

Science-Fiction erschafft ein allgemeines Gefühl dafür, was auf uns zukommen könnte – auch wenn sich das später oft als falsch erweist –, aber ebenso ein Gefühl von Entweder-oder: «Es könnte gut ausgehen oder schlecht.» Menschen, die Science-Fiction lesen und diese Geschichten dadurch in ihrem eigenen Kopf miterschaffen, entwickeln ein starkes Gefühl dafür: «Das könnte wirklich passieren», im Guten wie im Schlechten. Und das beeinflusst ihr Handeln in der Gegenwart.

Viele Science-Fiction-Klassiker sind Dystopien. Sie hingegen setzen auf Hoffnung.

Diese imaginäre Erfahrung einer guten Zukunft – gut im relativen Sinne, weil eine Katastrophe verhindert wurde – ist genau der Grund, weshalb mein Science-Fiction-Roman «Das Ministerium für die Zukunft» weltweit eine derart starke Resonanz erfahren hat. Die Menschen wollen solche Geschichten, sie hungern nach solchen Geschichten: nach der Geschichte einer guten Zukunft, an die wir glauben können.

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