Kunst

Die KI kann jetzt auch Kunst – zum Glück hat sie keinen Geschmack

Wie viel Kontrolle überlassen wir der künstlichen Intelligenz? Eine neue Ausstellung im Aargauer Kunsthaus zeigt, was passiert, wenn Künstler ihr zunehmend freie Hand lassen.

«Wird die künstliche Intelligenz uns auslöschen?» Diese Frage wurde in den letzten Tagen heiss diskutiert. Denn ein führender Mitarbeiter einer KI-Firma meinte: Ja, mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent – und liess uns einigermassen verunsichert zurück. Doch vielleicht ist dieses Szenario einfach eine Nummer zu gross, um es wirklich zu fassen. Und vielleicht ist die KI auch kein Terminator.

Spannender ist deshalb die Frage: «Schränkt KI unsere Denkfähigkeit ein?» Im Aargauer Kunsthaus kann man sie beantworten. Dafür greift man nach einem kleinen Stein und wirft ihn in die Ja-Box oder in die Nein-Box. Wenn die Ausstellung im Januar 2027 endet, sieht man, wie die Menschheit entschieden hat – zumindest, wenn sie bis dahin noch das Sagen hat.

Denn genau darum geht es in der Ausstellung «Künstliche Kreativität» immer wieder: Wie viel Einfluss überlassen wir der KI? Betritt man den ersten Raum, blickt man auf einen grossen Bildschirm, auf dem in einer fantastischen Welt Menschen immer wieder neue Gestalt annehmen. Und plötzlich erblickt man da – sich selbst. Die Gesichtszüge sind klar erkennbar, wir sind Teil des Kunstwerks. Dann verschwimmen sie wieder, gehen in eine andere Person über.

«Neural Fiction» heisst dieses Echtzeitvideo. Erschaffen hat es der Künstler Niculin Barandun mithilfe künstlicher Intelligenz. Wenn man sich darin selbst begegnet, fragt man sich unweigerlich, ob wir die KI kontrollieren – oder vielmehr sie uns, indem sie mit uns macht, was sie will.

Ist KI ein Co-Autor oder bloss ein Werkzeug?

Katharina Ammann, die Direktorin des Aargauer Kunsthauses, hat die Ausstellung selbst kuratiert. Sie sagt: «Künstliche Intelligenz ist kein Hype, sie wird die Kunst ähnlich nachhaltig verändern wie die Fotografie.» Das miterleben zu dürfen, sei enorm spannend. Natürlich würden nicht alle Künstler mit ihr arbeiten, so wie im 19. Jahrhundert nicht alle ihre Pinsel weggeworfen und zum Fotoapparat gegriffen hätten.

Doch jene, die es tun, müssen entscheiden, wie viel Kontrolle sie der Maschine überlassen. Einige nutzen sie vor allem als Werkzeug, eben wie einen Fotoapparat oder einen Pinsel. Andere überlassen ihr mehr Gestaltungsfreiheit. Zu ihnen gehört Robi Voigt, der die künstliche Intelligenz für seine raumfüllende Installation zu einer Art Co-Autor erhebt. Der Künstler hat die KI mit Hunderten Werken des Aargauer Kunsthauses gefüttert und sie gebeten, daraus neue Bilder zu generieren.

Diese werden zu synthetischen Sounds an die Wände projiziert. Manchmal glaubt man, Elemente eines bekannten Werks zu erkennen, dann wieder staunt man über die seltsamen Bildwelten, die die Maschine daraus erschafft. Einige wirken so vollendet, dass man sie sich ausdrucken und an die Wand hängen will.

Auch wenn Voigt über diese Endprodukte keine Kontrolle hat und sie auch nicht vorhersagen kann, so ist er doch an den Werken beteiligt. Er hat das Ausgangsmaterial bestimmt und die Vorgaben geprägt, nach denen die neuen Bilder entstehen.

Am Schluss zählt Geschmack

Noch eigenständiger geht das von Mario Klingemann entwickelte KI-System Botto vor. Seit 2021 produziert es selbstständig Bilder und stellt sie ins Netz. Eine menschliche Community bewertet sie. Jene, die am meisten Stimmen bekommen, werden dann als digitale Unikate, als sogenannte NFTs, verkauft.

Und genau hier wird es spannend: Eine mächtige KI kann in einem maschinellen Wimpernschlag Tausende Bilder generieren. Doch wer entscheidet, welche einen ästhetischen Wert haben und welche belanglos sind? Selbst wenn man das Erschaffen von Bildern an Maschinen auslagert, braucht es wieder einen Menschen, der darin Qualität erkennt und sie zum Kunstwerk erhebt.

Vielleicht liegt darin die beruhigendste Erkenntnis dieser Ausstellung. Je leistungsfähiger die Maschinen werden, desto wichtiger wird nicht nur, was sie können, sondern was wir von ihnen wollen. Die KI kann Bilder, Texte und Musik in schier unbegrenzter Menge produzieren. Sie kann uns überraschen und uns auf Ideen bringen, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Doch auswählen, einordnen und bewerten müssen weiterhin wir.

Es klingt paradox, aber je mehr KI-Schrott produziert wird, desto wichtiger wird das Urteil des Menschen. Diese Erkenntnis ist auch im Silicon Valley angekommen. Greg Brockman, Mitgründer von OpenAI, meinte jüngst: «Geschmack ist eine neue Kernkompetenz.»

Künstliche Kreativität zu sehen im Aargauer Kunsthaus bis 10.1.2027.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)