Pop

Kehrtwende von Miley Cyrus - Grosser Beat, kleine Melodien

Nach dem ambitionierten «Something Beautiful» setzt die US-Sängerin auf Dance-Pop. Doch ihre unverwechselbare Stimme findet darauf kaum den passenden Song.

Miley Cyrus hat sich schon oft neu erfunden. Doch selten fiel der Bruch so deutlich aus wie diesmal. Die 33-jährige US-Sängerin hat von Columbia Records zu Atlantic Records gewechselt und nennt sich nur noch bei ihrem Vornamen Miley. Vor allem aber ist ihr neues Album «Bass Persuades» eine radikale musikalische Abkehr vom Vorgängeralbum «Something Beautiful» – und lässt dabei einiges zurück, was ihre Musik zuletzt spannend machte.

Während sich das vielschichtige, progressive Art-Pop-Album des Vorjahres an eine musikaffine Erwachsenenwelt richtete, sucht Miley auf «Bass Persuades» den unmittelbaren Zugang über Rhythmus und Bewegung. Der Titelsong richtet sich an eine Generation, die – so ihre Diagnose – lieber auf Bildschirme schaut, als gemeinsam zu tanzen und Musik körperlich zu erleben.

«The kids don't wanna dance», singt sie im Refrain des Titelstücks «Bass Persuades». Und weiter: «So können wir nicht für immer weitermachen.
Lass uns der Nacht hingeben», lautet ihre Kernbotschaft. «Bass Persuades»: Der Bass soll die Kids wieder in Bewegung bringen und miteinander verbinden.

Miley singt seltsam gedämpft

Das Vorhaben ist löblich. Die Bässe pumpen in den beiden ersten Stücken, dem Titelstück und «Different Religion», auch ganz ordentlich. Reizvoll ist die Zusammenarbeit mit der New Yorker Post-Punk-Band «Model/Actriz». «Different Religion» zeigt in Ansätzen, welches Potenzial in diesem Richtungswechsel steckt. Doch insgesamt bleibt das Ergebnis wenig originell. Die technoiden Stampfer erinnern vielmehr an Dance-Tracks, wie man ihn von Madonna oder Lady Gaga kennt. Miley Cyrus ist also in guter Gesellschaft, aber das macht das Ergebnis nicht besser.

Vor allem schafft es Miley Cyrus nicht, ihre stimmlichen Stärken hervorzuheben. Zu ihrer unverkennbaren Stimme trägt auch ein Reinke-Ödem bei, eine gutartige Veränderung der Stimmlippen, die ihrer Stimme diesen tiefen, rauchigen, dunklen und geheimnisvollen Klang verleiht. Auf den Dance-Tracks singt sie aber seltsam gedämpft. Das Besondere ihrer Stimme kommt gar nicht zur Geltung.

Nur sieben Minuten später ist das Bass-Experiment bereits wieder vorbei und Miley wechselt zu konventionellem, austauschbarem Konfektions-Pop wie «Let's Get Married» oder «Redlights». Das ist makellos produziert, aber wenig aufregend.

Seit drei Jahren kein Hit mehr

Die stilistische Offenheit bleibt eine von Mileys grössten Qualitäten. Kaum eine Popkünstlerin ihrer Generation wechselt so selbstverständlich zwischen Genres und Klangwelten wie sie. Die permanente Neuerfindung ist längst kein Risiko mehr, sondern ihr künstlerisches Prinzip. Doch genau darin liegt auch die Herausforderung. «Something Beautiful» war ein Album von beeindruckendem Ehrgeiz: cineastisch, konzeptionell bisweilen überinszeniert. Es besass den Anspruch auf das grosse Kunstwerk. Die grosse Geste war da, doch es fehlten die grossen Melodien.

«Bass Persuades» wirkt zwar unmittelbarer und weniger verkopft, löst musikalisch jedoch nicht ein, was der Vorgänger verheissen hatte. Und vor allem fehlen erneut jene Songs, die sich unausweichlich ins Gedächtnis brennen und über den Moment hinaus Bestand haben. Seit dem Welterfolg von «Flowers» vor drei Jahren ist Miley Cyrus kein vergleichbarer Hit mehr gelungen. Bemerkenswert für eine Künstlerin mit diesem Potenzial und diesem Format. Ihre Stimme ist nach wie vor unverwechselbar, doch das Gespür für den einen unwiderstehlichen Popsong scheint ihr zuletzt abhandengekommen zu sein.

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