Die Fans des erfolgreichsten Schweizer Comedy-Duos feiern gerade eine Dauerparty. Und Anhänger haben Divertimento en Masse: 350'000 Menschen folgen ihnen auf einem sozialen Kanal. 300 haben sogar das Glück ihres Lebens: Sie sind Statisten auf dem Set für den Film ihrer Idole.
Die Fans liefern das Gelächter auf Ansage, den Szenenapplaus auch beim fünften Take, euphorisch bis orgiastisch. Der deutsche Regisseur Markus Welter dirigiert die Menge mit klarer Idee. «It Takes 2 to Tango» wird der Film heissen, es braucht zum Streit immer zwei.
Die Verausgabung jenseits der Bühne trifft auf die Verausgabung diesseits der Bühne. Jonny Fischer und Manu Burkart wiederholen ungezählte Male für die Kameras jede Geste, jeden Handshake mit der Hingabe von Präzisionstechnikern. «Sacknervös» am Anfang zwar, sagt Burkart, doch nach 34 Drehtagen davon überzeugt, der Herausforderung gewachsen zu sein.
Jonny Fischers Wunschprojekt
In «The Hall» bei Zürich wird ein Film als Schlussfeuerwerk abgedreht, mit dem sich Divertimento nächsten Spätsommer von ihrem Publikum verabschieden. Das Programm «Bucket List» wird noch bis 2028 gespielt.
Die Location bietet als Drehort ideale Möglichkeiten. Man kann in ihr eine kleine Provinzbühne aufbauen - oder aber einen Gig simulieren, wie ihn Divertimento im Hallenstadion spielte. Und beides ist notwendig, die Kulissen eines überschaubaren (Statisten)-Publikums genauso wie die Simulation eines 10 000-köpfigen Menschenmeers: Das Drehbuch erzählt die Geschichte von Divertimento von den Anfängen bis zum Überflug, ein Phänomen, das punkto Erfolg und Tempo in der Schweizer Kulturszene einmalig ist.
Jonny Fischer hat das Drehbuch geschrieben, der Film entstand auf seinen Wunsch. Typisch für seinen Ehrgeiz biss er sich trotz zweier Absagen seit 2008 daran fest.
Verfilmt wird die 65. Variante der dritten Fassung. Die Ermöglicher sind Schwergewichte. Hans G. Syz von Condor Films produziert, in seinem Film «Handymann» hatten Divertimento bereits einen Gastauftritt; das Schweizer Radio und Fernsehen als Koproduktionspartner finanziert mit. Über das genaue Budget wird geschwiegen, es sollen knapp fünf Millionen Franken sein.
Material aus dem menschlichen Giftschrank
Die Idee, die eigene Geschichte zu verfilmen, ist naheliegend. Doch die Produktion geht ein Wagnis ein. «It Takes 2 to Tango», die Story der Freundschaft zwischen Jonny und Manu, ist sozusagen das Bonusmaterial aus 27 Jahren: Die Divertimento-Papers, das Material aus dem Giftschrank. Hauptinhalte sind - Wutanfälle und Zerwürfnis. Der Film zeigt, so Manu, «mehr Krisen als gute Momente».
Es galt als mehr oder weniger gut gehütetes Geheimnis: Die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten zwischen den beiden waren seit Jahren massiv. 2017 stand die Freundschaft sogar knapp davor, ganz zu zerbrechen.
Die Gründe dafür lassen sich in der Autobiografie von Jonny Fischer lesen. «Ich bin auch Jonathan. Jonny Fischer, die Geschichte einer Versöhnung» ist das Dokument einer traumatisierten Kindheit. Jonathan alias Jonny wuchs unter einem bipolaren, schizophrenen und gewalttätigen Vater in einer religiösen Glaubensgemeinschaft auf.
Zwar brach er als 15-Jähriger mit seiner Familie und versuchte, im katholischen Lehrerseminar St. Michael in Zug ein neues Leben zu beginnen; hier traf er auch auf Manu Burkart. Doch seine Vergangenheit liess ihn nicht los. Es kam zu Alkoholmissbrauch und psychischen Zusammenbrüchen. Der Erfolg mit Divertimento schien das Gefühl von Einsamkeit und Ungenügen sogar noch zu verstärken.
Heute ist Jonny glücklich mit einem Mann verheiratet und lebt in Zug. Doch bis er diesen Punkt erreicht hatte, war die Beziehung für Manu eine Belastungsprobe. Davon erzählt der Film, er bietet schwere Kost. Dennoch ist die Botschaft heilsam: Wahre Freundschaft muss Konflikte aushalten.
Die beiden zeigen zwar ihre Wunden, aber sie halten am Willen zur Verständigung fest. In einer radikalisierten und polarisierten Gegenwart sind Divertimento ein Trostpflaster für die Schweiz.



Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.