Nicht, dass wir noch ein Buch über die Beatles gebraucht hätten. Über sie schien längst alles gesagt. Und dann handelt dieses Buch auch noch von gerade einmal der Hälfte der Band: «John & Paul». Gewiss, das alles überragende Songwriter-Duo des Pop. Aber wer das Phänomen «Beatles» auch nur einigermassen zeitnah miterlebt hat, war von etwas anderem mindestens ebenso fasziniert: von diesen vier Freunden, die gemeinsam ihren Spass hatten und nebenbei die Musikwelt auf den Kopf stellten.
Natürlich träumte man davon, selbst einmal Rockstar zu werden. Aber niemals als Solo-Performer. Das waren die «Schlageraffen», wie Udo Lindenberg sie nannte. Wenn schon Rockstar, dann als Mitglied einer Band. Erst im Rückblick fällt auf, wie neu das damals war.
«Weisst du, sie sind eine Gruppe, sie singen alle und spielen alle Instrumente und sie schreiben sogar ihre eigenen Songs». Beatles-Manager Brian Epstein war nicht zu beneiden, wenn er den Impresarios und Plattenmoguln der damaligen Musikindustrie erklären musste, dass seine Jungs eben etwas anders wären als die herkömmlichen Stars.
Das war neu: Sie schrieben die Songs selbst
Autor Ian Leslie trifft den Punkt. Einer der grösseren Unterschiede war sicher ihr Songwriting. John und Paul beharrten bereits bei ihrer ersten Platte, die sie als Gruppe lieferten, darauf, dass nicht ein angesagter Song eines Hitproduzenten performt werden sollte, sondern eigenes Material. Nicht dass das unbedingt besser gewesen wäre. Sie machten ein bisschen Druck und die Umstände waren günstig, dass die erste Beatles-Single zwei Lennon/McCartney-Produktionen enthalten sollte: «Love Me Do» und «P.S. I Love You».
Dies war gleichzeitig auch der erste Schritt in eine Spaltung: Lennon/McCartney erhielten so nicht nur einen Extraanteil des Band-Einkommens, sondern auch einen Extra-Status. Sie waren eine Gruppe innerhalb der Gruppe. Im Anfang war das nicht so ein Problem, George und Ringo hatten auch ihre Frontman-Auftritte, aber es war ein Entschluss, der nicht ohne Folgen blieb. Die Partnerschaft Lennon/McCartney war jetzt verpflichtet, der Gruppe neues Material zu liefern.
Das Arrangement ergänzt den Text
Und – auch dies ist etwas, das man im Rückblick besser sieht, - es war wirklich «neu». «Please Please Me», ihre nächste und die erste Nummer-1-Single, klang schon anders als «Love Me Do». Bereits hier glänzt Ian Leslie mit treffenden Beobachtungen – etwa darüber, wie das Arrangement den Text ergänzt. Der Leadsänger beklagt sich, sein Mädchen kümmere sich nicht genug um ihn. «Come on, come on», fordert er sie auf – und der Chor stimmt in die Aufforderung ein. Singt er «… in my heart», nimmt der Chor die Worte auf und bestätigt damit gleichsam sein Gefühl: Das bildet er sich nicht bloss ein. Ein Trick, den sich die Beatles bei den Girlgroups abgeschaut hatten.
Am besten funktioniert dieser Trick mit den Backing Vocals im Titelsong des Films «Help!». Lennon wollte unbedingt den Titelsong schreiben. Während der Titel im Film eher als Scherz gemeint war, machte Lennon daraus einen Song, der tatsächlich von seiner damaligen mentalen Befindlichkeit erzählte. «Ich meinte es wirklich so», sagte er später. Das lyrische Ich – pardon l’expression – gesteht, es sei nicht mehr so «self-assured». «Hilf mir, wenn du kannst, ich fühle mich so schlecht», singt Lennon im Refrain. In den Strophen aber sind ihm die Backing Vocals stets einen Gedanken voraus: Sie nehmen seine Klagen vorweg, noch bevor er sie selbst ausspricht. Es wirkt, als wüssten die anderen längst, was in ihm vorgeht. Leslie schreibt: «Der emotionale Effekt ist der von einem Mann, der bereit ist, ehrlich über seine Ängste zu sprechen, weil er weiss, dass seine Freunde ihm zuhören.»
John, der Rebell. Paul, der Sentimentale: Ziemlich falsch
Das Buch dreht sich um die Beziehung zwischen John Lennon und Paul McCartney und hangelt sich mehr oder weniger chronologisch den Songs nach. Die History der Beatles ist mittlerweile ziemlich gut bekannt, aber Ian Leslie gelingt es trotzdem, oft mit aus den Songs gewonnenen Einsichten, einige Ecken noch etwas genauer auszuleuchten.
Wer es noch nicht wusste: John Lennon war ein ziemlich schwieriger Zeitgenosse und sein Verhalten führte immer wieder zu Spannungen. Man hat sich dann darauf geeinigt, dass John der revolutionäre Rock’n’Roll-Mann sei und Paul der Typ für sentimentale eingängige Liebeslieder. Das ist – wie Leslie zeigt – ziemlich falsch und nicht hilfreich fürs Verständnis dieser Freundschaft.
John Lennon wurde 1980 ermordet, gerade als er wieder ernsthaft Musik zu machen begann. Paul McCartney setzte seine Karriere als Weltstar fort. Doch was die beiden gemeinsam zum Erbe der Beatles beitrugen, wirkt bis heute tiefer gedacht, getextet und komponiert – und vor allem näher am Leben – als vieles, was sie danach allein machten.
Wenn John «Help!» ruft, sind die anderen schon da
Vielleicht liegt darin aber auch die kleine Ironie eines Buches über John und Paul. Man versteht nach der Lektüre besser, was diese beiden aneinander hatten, wie sie sich antrieben, ergänzten, bewunderten und bekämpften. Aber man versteht zugleich, dass selbst diese Beziehung nicht im luftleeren Raum existierte. Für den Klang, den Charme und wohl auch für die verklärende Erinnerung an die Beatles braucht es George und Ringo. Wenn John «Help!» ruft, sind die anderen eben schon da.
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