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Missbrauchsskandal

Der Abgrund Epstein: «Die Monster sind noch immer da draussen»

Eine Netflix-Doku von 2020 über den Sexskandal um Jeffrey Epstein bekommt neue Brisanz. Was «Jeffrey Epstein: Stinkreich» himmelschreiend macht.
Szene aus «Jeffrey Epstein: Stinkreich»: Die Schauspielerin  Chauntae Davies, ein Opfer von Epstein, und der Täter.
Bild: Netflix

Seit der jüngsten Veröffentlichung der Dokumente erfahren wir täglich neue Widerwärtigkeiten. Und selbst Europas Adelshäuser stehen unter Verdacht, beteiligt zu sein: Die Epstein-Files spülen alte Wahrheiten von Abhängigkeiten und Machtmissbrauch ans Licht. Ein Multimillionär und seine prominenten Freunde zwangen junge, oft minderjährige Mädchen zur Prostitution. Systematisch und während Jahren.

Nun stösst die Netflix-Doku-Serie von 2020 mit dem reisserischen Titel «Jeffrey Epstein: Stinkreich» (im Original:» Jeffrey Epstein: Filthy Rich») vor den Hintergründen neuer Fakten auf neues Interesse.  Im Lichte des Wissens, dass Epsteins Netzwerk bis nach Norwegen, Frankreich, Belgien, England reicht, wächst auch für uns die Bedeutung. In der Schweiz steht sie aktuell auf Platz drei der meistgesehenn Netflix-Serien.

Die «Überlebenden» stehen vor der Kamera

Wer sie sich ansieht, wird zuerst von einer Warnung auf dem Bildschirm davon abgehalten: Das, was folgt, könnte das Publikum verstören. Die vierteilige Mini-Serie beginnt mit einzelnen Vorfällen Mitte der 90er-Jahre, bis schliesslich 2005 die Polizei in Florida misstrauisch wird. Die Dokumentation folgt ihren Ermittlungen rund um Epsteins Villa in Palm Beach, akribisch und Schritt für Schritt.

Das Entscheidende daran ist offensichtlich: Epsteins «Überlebende», so werden sie im Film genannt, erheben ihre Stimme. Sie erörtern vor der Kamera, wie der Mann im Zentrum eines Netzwerks seine Privilegien einsetzte, um Verbrechen zu begehen. Es sind nur wenige Frauen, die sich zu äussern wagen, doch sie sprechen für die Aberhundert, die Epstein missbraucht hat.

Im Rahmen der Recherchen wird auch eine Sexualpsychologin zitiert, die sich mit dem Missbrauch von Minderjährigen beschäftigt. Ihr fiel als erstes auf, dass Epstein mit grosser Perfidie ausschliesslich Mädchen rekrutierte, die «besonders verletzlich» waren. Gleichzeitig macht Regisseurin Lisa Bryant deutlich, wie es nahezu unmöglich gewesen sei, diese Frauen zu Aussagen vor der Kamera zu bewegen: Viele hatten zuvor nie darüber gesprochen, teils nicht einmal mit der eigenen Familie. Die Serie erzählt ihre Geschichten konsequent aus ihrer Perspektive. Jede Erfahrung ist einzigartig, auch wenn sich wiederkehrende Muster zeigen.

Dieses Muster ist bei allen Frauen ähnlich: Alle waren damals minderjährig, viele von ihnen sind bis heute traumatisiert. Im Kern sind die Anschuldigungen nicht neu, doch vor dem Hintergrund, dass sich der Kreis der Täter zusehends erhellt und auszuweitet, ist die Einordnung der Opfer fundamental wichtig

Auch die Justiz ist mitschuldig

Skandalös wirkt allerdings über den sexuellen Missbrauch hinaus: Schon früh erstatteten Frauen Anzeige, doch lange geschah nichts. Selbst als sich die Beweise gegen Epstein häuften, blieb er über Jahre von der Justiz unbehelligt.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie konnte dieser Mann so lange geschützt werden? Welche Rolle spielten dabei sein Reichtum, seine Hautfarbe und seine Kontakte zu einflussreichen Politikern und Unternehmern wie Donald Trump?

In neusten Analysen wird erwähnt, dass auch Geschäftsleute und Kontakte aus der Schweiz in den Epstein-Files auftauchen, die meisten Namen indessen wurden nicht veröffentlicht, sondern vom US-Justizministerium geschwärzt.  Eine «Überlebende» von Epstein zieht in der Doku die Bilanz: «Die Monster sind noch immer da draussen.»

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