
So einen unglaublichen Gedankenreichtum findet man selten in Romanen. Tine Melzer ist eine literarische Einsamkeitsvirtuosin. In ihren nun drei Romanen serviert sie ein immer neues Überlebensrezept in der Gestalt von vordergründig skurrilen Rückzugsobsessionen. Sie verwebt dabei die Verweigerung von Leistungs- und Spassgesellschaft und existenzielle Krisen zu Sprachkunstwerken.
Im Debüt «Alpha Bravo Charlie» baute sich ein melancholischer pensionierter Pilot eine Modelllandschaft, um darin - vom Leben und Beruf getrennt - wieder den Überblick zu bekommen; in «Do Re Mi Fa So» stieg ein Opernsänger 14 Tage lang rührend und komisch nicht mehr aus der Badewanne - seine Identität war ihm zur Zwangsjacke geworden.
Wie ein Spiegel unserer Facebook- und Tiktok-Generation
Im neuen Roman «Lotto» geht eine verunfallte und im Gesicht leicht entstellte Call-Center-Telefonistin ein Jahr lang nicht mehr aus ihrer Wohnung. Sie wird dort zum anonymen telefonierenden Beichtstuhl, zur Mutmacherin für Verzweifelte, aber auch zur einsamen Vampirin, die sich an den Lebensgeschichten der anderen nährt. Sie fantasiert sich deren Aussehen und Wohnung.
Das tönt verrückt und ist formal auch wahnwitzig, weil überbordend. Aber hier schaut unsere Facebook- und Tiktok-Generation in einen unbarmherzigen Spiegel. Mit den Anrufen löst sie einen Dammbruch aus: Der Redeschwall der Angerufenen hat ein Ziel: Sie wollen verstanden werden. Und was hier an Lebensgeschichten und Fragekreativität zusammenkommt, ist überragend! Die Frage, was man mit einer Lotto-Million machen würde, wird so zum imposanten Gesellschaftspanorama. Bitte mehr von solchen abenteuerlichen Seelenerkundungen voller literarischer Konsequenz.
Tine Melzer: Lotto. Roman. Jung und Jung, 207 S.
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