Tierisches Leben

Ich wär' so gern ein Regenpfeifer!

Fehlt der Regen, fehlt der Regenpfeifer. Oder fehlt der Regenpfeifer, weil der Regen fehlt? Ein radikales  Pärchen macht von sich reden. Es  besetzt, als tierische Klimakleber quasi, eine Zürcher Grossbaustelle
Aus der weitverzweigten Familie der Regenpfeifer: Ein ausgewachsener Flussregenpfeifer, in der Schweiz stark gefährdet. 
Bild: Blickwinkel/Imago

Kein Regen in Sicht. Oder doch, wer weiss es, wer glaubt es noch, am Dienstag soll es wieder einmal tröpfeln. Notdürftig. Vielleicht. Auf jeden Fall ist es zu trocken. Zu wenig Regen schon wieder, zu wenig Wasser für diese Jahreszeit. Wer hilft?Der Regenpfeifer.

Er ist ein Auenbewohner. Marschland, Grasland tun es auch. Offene Landschaften mit Gewässern, wenn man ihn fragt. Der Regenpfeifer ist ein kleiner Vogel mit grossen Augen, die Beine mittellang. Braun getönt und weiss. Mittelkurz der Schnabel. Besondere Kennzeichen keine.

Bis auf die eine Auffälligkeit: Es gibt ihn kaum mehr. Die Vogelwarte Sempach zählt in der Schweiz noch rund hundert Paare. Der Regenpfeifer steht auf der Roten Liste. Und bald steht dort wohl auch der Regen. Als vom Aussterben bedrohtes Phänomen wie das Tier. Wahr ist bereits jetzt, es fehlen beide folgenschwer: Der Regen und der Vogel, der nach ihm benannt ist. Wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, heiss’ ich Regenpfeifer.

Regenpfeifer singen den Regen herbei

Wär’ ich ein Regenpfeifer, ich täte aus voller Kehle, was der Name besagt: Tags und nachts und auch dazwischen pfiff ich den Regen herbei! Ein Pfiff, Wasser! Ist’s stimmig in der Natur, haben es die Vögel ursprünglich so gemacht: Sie versammeln sich und pfeifen, kurz bevor Regen fällt. Oder wartet der Regen mit seinem Kommen, bis die Vögel zu singen beginnen? Wer ist zuerst, der Pfiff oder der Regen? Das ist in der Natur so eine Sache. Fehlt ein Glied in der Kette, funktioniert die Kette nicht.

Im Kanton Zürich macht der Vogel von sich reden. Nicht, weil man ihn kaum mehr beobachten kann. Im Gegenteil. Ein sehr besonderes, mutiges Paar stellt sich quer und sorgt für Öffentlichkeit und Unruhe. Es brütet auf einer der grössten Baustellen in der Schweiz, dem Glattpark, was einmal ein Stadtteil von Opfikon sein soll. Neue Wohnungen und Arbeitsplätze zu Tausenden, seit über 20 Jahren eine euphorische Grabe und Baggern und Bauen. Bevor der Fortschritt hier Heimat fand, war das Gelände Riedland. Mit der entsprechenden Flora und Fauna entlang der Glatt, damals einem lustigen Gewässer.

Zwei Vögel aus der Besetzerszene

Lustig ist inzwischen wenig in ­Opfikon. Doch als hätte sich nichts geändert, haben auf einem der Kieswege der Baustelle zwei Fluss­regenpfeifer beschlossen, ihre Jungen aufzuziehen. Klimakleber der gefiederten Art. Oder Regengötter im Körper eines Tiers wie bei den Azteken. Und so ist es – Gott pfeift, der Mensch handelt: Der Weg, den die Vögel blockieren, wurde gesperrt, das Nest mit bereits vier Eiern wird vorsichtig umgangen und vor Räubern geschützt.

Die Jungvögel sind voraussichtlich Mitte Juli flügge. Dann ziehen die Regenpfeifer weiter, finden nächstes Jahr ihren Brutplatz überbaut – und die Bewohner des Glattparks fragen sich, weshalb die Steppe immer näher rückt.

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