Kunst

Aarau war einmal hipper als Zürich – wegen Künstlern wie ihm

Heiner Kielholz, 83, ist der grosse Unbekannte der Schweizer Kunst.  Seine Ausstellung zeigt, wie schön die Welt sein könnte, wären wir ein bisschen bescheidener.
Heiner Kielholz: «Tuch und Teekanne», 2018, Öl auf Pavatex, 27.0 x 38.0 cm
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur

Aarau, die Metropole der Schweizer Kunst-Avantgarde! So war das einmal, und dafür besorgt war vor allem Heiner Kielholz. Bis Mitte der 1970er-Jahre experimentierte der hochtalentierte Aargauer Maler mit Künstlern wie Hugo Suter in der legendären Ateliergemeinschaft am Ziegelrain 29 in Aarau.

Nicht Zürich war das heisse Herz der Schweizer Kunst, Aarau bestimmte in den bewegten Jahren des 20. Jahrhunderts wegweisend, was modern war und Grenzen überschritt. Gefördert vom einflussreichen Museumsmann und Leiter der verstörenden Documenta 5, dem Berner Harald Szeeman, stellte Kielholz (* 1942) bald international aus.

Kunst ist eine Lebensform

Dann wurde es ruhig um einen, dessen Werte in allem dem widersprechen, was der marktschreierische, wohlfeile Kunstbetrieb will. Kielholz' Kunst und Kielholz’ Leben schwören Moden ab und Tempo, und beide sind so eng, dass sich das eine vom anderen nicht gesondert betrachten und verstehen lässt.

Heiner Kielholz: «San Rocco», 2019, Öl auf Sperrholz, 38.0 x 48.0 cm
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur

Über 15 Jahre lang reiste er ohne festen Wohnsitz durch Süd- und Osteuropa, Griechenland, Spanien, Frankreich. Auf Reisen entwickelte er sein Werk, ein Versuch auch, biografische und malerische Wurzeln zu finden. Sei es in einem Tal in der Lombardei, in Triest oder in der grösstmöglichen Abgeschiedenheit des Aargau.

Schliesslich schienen das Puschlav und das Veltlin passgenau. Passend zu Kielholz’ Leben und Kunst. Hier, fern von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, entstehen seine kleinen Ölbilder. Ein Rückzug, um frei zu sein: Die grösstmögliche Abkehr ermöglicht grösstmögliche Zuwendung an das, was wichtig und selbstverständlich ist wie Atmen, die Malerei.

Heiner Kielholz: «Lila», 2007 Öl auf Leinwand, 35.0 x 28.0 cm
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur

Kielholz' Kunst ist pure Stille und pastoses Innenhalten. Raffinierte Einfachheit und existentielle Notwendigkeit des Ausdrucks. Sie findet ihr Thema dort, wo das Leben seinen Widerhall hat in seiner malerischen Gestaltung auf einem Stück Karton, auf Pavatex, vielleicht auch einmal Leinwand. Bescheidenheit bei Klarsicht.

Wenn die Sonne mit der Kanne

Kielholz malt, was ihn umgibt, seine kargen Kammern innen oder der Blick aus dem Fenster, Kondensstreifen am Himmel. Im Zimmer lauscht er dem heimlichen Zwiegespräch von Tasse und Tisch, er entdeckt den Sonnenfleck, der eine Kanne kitzelt.

Heiner Kielholz: Alpe Orobie, 2015, Öl auf Sperrholz, 35.0 x 46.0 cm
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur

Die Sonne modelliert den Krug, das Licht spielt mit dem Vorhang, der Maler wohnt dem stillen Wunder bei und hält fest. Ein offener Blick für die kleinstmögliche, nebensächliche Emanation noch mit 83 Jahren. Dass hinter der einfach wirkenden Motivik Jahrhunderte an Kunstgeschichte wirken, dass der Künstler sein Welt- und Kunstwissen darin verpackt, darüber wird geschwiegen.

Heiner Kielholz: San Carlo (Cucina), 2019, Öl auf Sperrholz, 63.0 x 38.5 cm
Bild: Bündner Kunstmuseum Chur

Doch seine Bilder einem Publikum zeigen? Muss er nicht, er macht sie ja, damit ists genug. Zum Glück jedoch gibt es Stephan Kunz. Der Direktor des Bündner Kunstmuseums und vormalige Direktor des Aargauer Kunsthauses ist mit Kielholz seit über 30 Jahren befreundet.

Ihm gelingt es immer wieder, den Künstler dazu zu bewegen, seine Bilder auch der Öffentlichkeit vorzustellen. Kielholz, der von vielen zeitgenössischen Schweizer Künstlern wie Markus Rätz zwar verehrt wird, ist dem breiten Publikum weitgehend unbekannt.

Die Ausstellung in Chur konzentriert sich klug auf die charakteristischen Interieurs und Stillleben, die in den letzten 15 Jahren entstanden sind. In den architektonisch klaren Sälen ergibt das nicht nur ein einzigartiges Bild einer Welt, wie sie sein könnte, wären wir alle ein wenig bescheidener. Zu sehen und zu schätzen ist das Universum eines Künstlers, der Augen für die wahren Wunder hat.

Bis 2.8. Bündner Kunstmuseum Chur. Zur Ausstellung erscheint ein empfehlenswerter Katalog.

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