«Ich hatte mich schon damit abgefunden, ein Quartierschriftsteller zu sein. Irgendwann macht man Frieden damit», sagt Giuliano Musio und lächelt. Dass er erst jetzt, mit bald 50 Jahren und seinem dritten Roman, weit über Bern hinaus Aufsehen erregt, macht ihn zwar glücklich. Bringt ihn aber auch ein wenig in Bedrängnis. Hatte er doch gerade sein Arbeitspensum als Korrektor bei der NZZ von 40 auf 60 Prozent erhöht, damit er finanziell besser über die Runden kommt. Nun «muss» er auf Lesereise nach Deutschland und während der Zugfahrten Korrektur lesen.
Also jetzt die Nomination für den Deutschen Buchpreis - als einziger Schweizer. Manchmal macht dieser Buchpreis nicht nur Autorinnen und Autoren glücklich, sondern auch die Leserinnen, und auch Literaturkritiker wie mich. Denn ehrlich: Dieser Autor war lange nicht auf dem Radar unserer Kulturredaktion.
Wie ist es, eine ungeschickte Kopie zu sein?
Mit seinem neuen Buch wünscht man ihm sehr viele Leserinnen und Leser. Denn «Aus anderem Holz» ist ein aussergewöhnlicher, toller Roman. Darin nimmt Giuliano Musio die Figuren Pinocchio und seinen «Vater» Geppetto - und erzählt mit ihnen eine so verspielte wie unheimliche, so kluge wie spannende Geschichte weit über die Vorlage hinaus - voller aktueller Themen, bizarr und märchenhaft, politisch und sozialrealistisch. Was wäre nämlich, wenn Geppetto vor Pinocchio, der im Roman Pinò heisst, einen hochbegabten leiblichen Sohn gehabt hätte, der als Kind unter mysteriösen Umständen gestorben ist? Wie ist das für die Mensch gewordene Holzpuppe, die nur eine ungeschickte Kopie, ein blosser Ersatz dieses Sohnes ist?
Giuliano Musio schreibt natürlich kein Kinderbuch, sondern eine hochmoderne Parabel auf Körper, Aussenseitertum und Gesellschaft. Grossartig, wie Musio die Geschichte surreal ausgestaltet. Etwa wenn Pinò sich gegen das Hölzige in seinem Menschenkörper Stromstösse verpasst, oder wenn er mit seiner Stimme kein Echo und mit seinem Atem im Winter keine Nebelwolken erzeugen kann. Und wenn die Heiligenstatue Madonna Turchina plötzlich blutige Tränen vergiesst, erinnert man sich an die Fata Turchina, die blaue Fee in Carlo Collodis Kinderbuchklassiker.
Das Gewicht der Toten als seelischer Ballast
Der Roman «Aus einem anderen Holz» beginnt mit dem Absturz des Friedhofs ins Meer bei Ligurien. Schon mit dem ersten Satz kündigt uns Musio ein archaisches Drama an: «Nach hundertfünf Jahren gab die Klippe unter dem Gewicht der Toten nach.» Geppetto wirft sich in die Wellen, um die Urne seines früh verstorbenen, leiblichen Sohnes zu retten, wird selbst fast leblos wieder an Land gezogen, ist aber fortan beinahe gelähmt und unansprechbar. Selten hat man einen so starken Romananfang gelesen. Das Gewicht der Toten als seelischer Ballast. Das Schweigen, die Schuld und die quälende Identitätsfrage wird die Figuren über 280 Seiten nicht mehr loslassen.
Pinò fährt mit Geppetto in dessen Heimatdorf in den Bergen und wird als Geppettos leiblicher Sohn begrüsst, weil er zumindest äusserlich eine exakte Kopie ist. Deshalb gerät er in die Rolle des Hochstaplers, auch bei einer Jugendliebe, und muss sich zwischen rabiaten Nationalisten und einer alten Geschichte mit Linksterroristen zurechtfinden. Nach und nach löst sich das Geheimnis vom Tod von Geppettos leiblichem Sohn auf. Es ist eine Geschichte um eine erschütternde Schuld und Aussenseiter.
«Mit der Marionette habe ich den Jackpot gefunden»
Sein neuer Roman sei sein bisher persönlichstes Buch geworden, sagt Giuliano Musio. Nicht, weil er das Pinocchio-Kinderbuch so verinnerlicht habe. Dieses ist auch nur noch in Spuren vorhanden. Ihm ist es vielmehr gelungen, auf surreale Weise viele Themen, die ihn beschäftigen, literarisch indirekt in einer spannenden Geschichte zu verarbeiten: das Fremdeln mit dem eigenen Körper, die religiöse Erziehung, komplizierte Familienmuster, die italienische Herkunft, Selbstschutz und Verbergen. «Mit der Mensch gewordenen Marionette habe ich sozusagen den Jackpot gefunden, mit dem ich alles das transportieren konnte», erklärt er.
Geschrieben habe er diesen Roman während eineinhalb Jahren, zwischen Bern und Bergamo pendelnd, in dessen Gegend der Roman spielt. Ein Förderbeitrag hatte es dem Arbeiterkind mit Literaturstudium ermöglicht. Giuliano Musios Vater war Maurer und kam als italienischer Immigrant in die Schweiz, die Mutter war Floristin. «Vielleicht ist es mir auch deshalb wichtig, keine bildungsüberfrachteten Romane zu schreiben, sondern meine Themen in spannenden und unterhaltenden Büchern zugänglich zu machen.» Mit seinem neuen Roman gelingt ihm dieser Spagat hervorragend.
Die kulturgeschichtlichen Bezüge im Roman muss man gar nicht alle kennen, um das Buch zu lieben. Bildungsgesättigte werden sich dennoch einen Spass daraus machen, im Roman Elemente von Mary Shelleys «Frankenstein», von ETA Hoffmanns «Der Sandmann», von Hitchcocks «Vertigo», von Hochtapler- und Doppelgängerromanen, von Oscar Wildes «Dorian Gray» und natürlich von Collodis «Pinoccio» zu diskutieren. Dies ist spätestens ab 9. September möglich. Dann kommt die zweite Auflage des Romans in den Buchhandel. Die erste Auflage ist schon vergriffen. Einen Tag vorher wird klar, ob es Musios wunderbarer Roman von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises mit seinen sechs Titeln schafft.
Giuliano Musio: Aus anderem Holz. Roman. Luftschacht, 277 S. es

Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.