Ich fahre fast täglich an der Langstrasse in Zürich vorbei. Die schwarzen Flecken der Krawallnacht sind noch immer auf dem Asphalt zu sehen. Sie erinnern an eine Nacht der Eskalation – und an den jahrelang angestauten Unmut junger Menschen über das Gefühl, nicht gehört zu werden. Zugleich zeugen sie von einer Zerstörungswut, die als politischer Ausdruck verklärt wird.
Ich bin selbst Mitte zwanzig. Ich kenne das Gefühl, dass die Anliegen meiner Generation in politischen Debatten nicht ernst genug genommen werden. Ich kenne die Vorurteile gegenüber der «Gen Z»: zu empfindlich, zu bequem, zu anspruchsvoll. Ich kenne auch die Unsicherheit vieler Gleichaltriger, die kaum wissen, worauf sie ihre Zukunft bauen sollen. Dass daraus Wut entsteht, kann ich verstehen. Was ich aber nicht verstehe: Warum manche glauben, brennende Barrikaden könnten etwas daran ändern.
Der Unmut ist berechtigt: Der Einstieg ins Berufsleben ist für viele anspruchsvoll, auch weil KI den Jobmarkt verändert. Eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist schwierig geworden. Für viele meiner Generation ist es unvorstellbar, je ein Eigenheim zu besitzen oder eine gesicherte Rente zu erhalten. Das bedeutet viel Unsicherheit und wenig Perspektive. Gleichzeitig sollen wir trotz allem Karriere machen, Verantwortung übernehmen, uns zusammenreissen: Auf den Schultern der «Gen Z» liegt enorm viel Druck.
Die Welt ausserhalb unserer vier Wände macht genauso wenig Mut: Die Klimaerwärmung, die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen sowie die unberechenbare Politik des US-Präsidenten lassen die Gegenwart wie eine Abfolge von Krisen erscheinen. Für viele schwindet damit die Zuversicht auf eine «bessere» Zukunft. Dass man deswegen auf die Strasse geht, laut wird und Veränderung einfordert, ist wichtig. Demokratie lebt von Menschen, die sich nicht mit dem Bestehenden abfinden. Aber sie lebt ebenso davon, dass wir einander nicht aus den Augen verlieren.
In meinem Umfeld beobachte ich einen «Gewaltfetischismus», der mich zunehmend beunruhigt. Ich sehe Gleichaltrige, die Gewalt blind verharmlosen, sobald sie aus der für sie politisch «richtigen» Ecke kommt. Die Flammen auf der Langstrasse werden in ihrer Rhetorik zum «revolutionären Symbol», der Angriff auf die Polizei zur «selbstverständlichen Gegenwehr». Die Argumentation dahinter: Der Staat übe schliesslich selbst Gewalt aus, durch Ungleichheit, Ausbeutung oder Umweltzerstörung. Wer sich dagegen wehre, müsse sich nicht an die Regeln des Systems halten.
Natürlich gibt es auch hierzulande Diskriminierung und soziale Ungleichheit. Aber gerade deshalb irritiert dieser Widerspruch: Eine Generation, die zu Recht sensibel auf Ungerechtigkeit reagiert, verherrlicht mitunter Gewalt, sobald sie ihren Anliegen dient. Dann wird die beschädigte Ladenfront zum Symbol des Kapitalismus, der verletzte Polizist zum Vertreter der Repression. Die Menschen dahinter verschwinden. Wer Gewalt als legitimes politisches Mittel betrachtet, stumpft das eigene Gewissen ab und untergräbt die Regeln, die ein friedliches Zusammenleben erst ermöglichen.
Die aktuellen Schülerproteste in Frankreich zeigen, wie rasch berechtigte Anliegen von Gewalt überlagert werden können. Schülerinnen und Schüler protestierten gegen fehlende Lehrpersonen und überlastete Stundenpläne. Diese Forderungen verdienen Gehör. Ihre Berechtigung machen Ausschreitungen aber nicht legitim; und umgekehrt machen die Ausschreitungen die Forderungen nicht falsch.
Wie friedlicher Protest politische Wirkung entfalten kann, zeigt Serbien: Nach dem tödlichen Einsturz eines Bahnhofsvordachs gingen Studierende gegen Korruption und politische Verantwortungslosigkeit auf die Strasse. Die studentisch getragene Liste gewann zwei Jahre später, Ende Oktober, die Parlamentswahl. Der Protest garantiert noch keinen Wandel. Er zeigt aber, was möglich wird, wenn Menschen ihre Wut konstruktiv organisieren und Mehrheiten gewinnen.
Wir sind die Generation, deren Sorgen zu wenig Gehör finden. Doch wir werden nicht ernster genommen, wenn wir Gewalt anwenden. Wir brauchen eine starke Stimme – in der Politik und auf der Strasse. Dafür müssen wir die Demokratie nicht beschädigen. Wir müssen sie nutzen.

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