«Kind Of Blue» (1959) von Miles Davis und «A Love Supreme» (1964) von John Coltrane gehören zu den bedeutendsten und wegweisendsten Alben der modernen Jazzgeschichte. Zwei zeitlose Meilensteine, die auch mehr als 60 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Strahlkraft eingebüsst haben.
Wer sich an diese beiden Monumente des Jazz wagt, muss schon sehr gute Argumente haben. Erst recht, wenn er, wie der Trompeter Nicholas Payton, den Anspruch erhebt, die damalige Musik zu aktualisieren und in das Hier und Jetzt zu verpflanzen. Auf «A Supreme Blue», einem Wortspiel aus «Kind Of Blue» und «A Love Supreme”, versucht Payton aber genau das.
Die Absturzgefahr ist gross, denn Payton versucht aus den Original-Vorgaben eine zeitgenössische, groove-orientierte Sprache zu entwickeln. Zu diesem Zweck spannte er mit der US-Band Butcher Brown zusammen, die mit ihrer Mischung aus Jazz, Hip-Hop, Funk und Soul vor allem ein junges, stilistisch offenes Publikum anspricht.
Entweihung eines Heiligtums?
Wir hören sie schon, die Jazz-Puristen, die Verrat rufen und von der Entweihung eines Heiligtums sprechen. Doch so einfach ist die Sache nicht, denn der 1973 in New Orleans geborene Trompeter Nicholas Payton zählt nicht nur zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Jazz, er gilt auch als einer der bedeutendsten Erben von Miles Davis.
«A Supreme Blue» soll eben kein nostalgisches Tribute-Album sein, sondern ein Dialog mit der Jazzgeschichte, bei dem im besten Fall etwas Neues entstehen kann. Insofern treffen Payton und Butcher Brown den Geist von Miles Davis sogar viel besser als eine reine Neuauflage des berühmten Stoffes. Neue Wege zu beschreiten, sich stilistisch nicht festzulegen und am Puls der Zeit zu bleiben, entspricht dem künstlerischen Selbstverständnis von Miles Davis weit mehr als eine reine Hommage.
Defizite bei der Intensität
Am überzeugendsten ist «A Supreme Blue» denn auch dort, wo sich die Neuinterpretationen rhythmisch am weitesten von den Originalen entfernen. Etwa in «Freddie Freeloader» oder Pursuance, wo sich der Swing in einen dichten Funk-Groove verwandelt. Oder in «All Blues», wo aus dem Jazz-Walzer ein Latin-Groove entsteht. Andere wie «So What» oder «Psalm» belassen den grossen Raum und die Atmosphäre, wirken aber etwas starr und statisch.
Vor allem an die Intensität von «Kind of Blue» und «A Love Supreme» reicht das neue Album nicht heran. Doch wenn es einer jüngeren Hörerschaft als Einstieg in die Welt von Miles Davis und John Coltrane dient, hat es bereits viel erreicht. Das Experiment ist gelungen.

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