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Gastkolumne zur Frage: Wer kann es sich leisten, Kunst zu machen?

«Ich bekomme 4000 Franken» – «Einfach so?»

Unsere Kolumnistin versucht, als Künstlerin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und stellt sich die Frage: Wer kann es sich leisten, Kunst zu machen?

Ich bin in meinem Erwachsenenleben schon einige Male umgezogen. Vom Wohnblock, in dem ich aufwuchs, eingebettet zwischen Zuckerfabrik und Autobahn, in die nächstgrössere Stadt. Das Haus, in dem ich lebte, wurde abgerissen. Zurück also in die Kleinstadt meiner Kindheit, wo ich in verschiedenen Wohnungen lebte. Schliesslich zog ich von da aus in die am wenigsten kleinste Stadt der Schweiz.

Auch da wird viel abgerissen und saniert, deshalb waren meine Mietverträge stets befristet. Ich zügelte also in der Stadt umher und habe sie so in kurzer Zeit recht gut kennengelernt. Nun steht wieder ein Umzug bevor. Für ein halbes Jahr ziehe ich in die grösste Stadt, in der ich bis dahin gelebt haben werde. Belgrad, Serbien, 1,3 Millionen Einwohnende. Anlass ist ein Stipendium der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.

Nach Belgrad zieht es die Kolumnistin als Nächstes hin – im Bild die dortige St.Sava-Kirche.
Bild: Christina Brunner

Teil des Stipendiums sind eine Wohnung und jeden Monat 4000 Franken. Dazu entrichtet die Stiftung einen Beitrag in eine gebundene Altersvorsorge.

Im Kulturbereich sind solche Stipendien verbreitet, es gibt sie in allen Disziplinen. Man nennt sie auch Residenzen oder Residencies. Gemeinden, Kantone oder der Bund bieten sie an. Genauso wie öffentliche oder private Stiftungen, vereinzelt auch Privatpersonen.

Für professionelle Künstlerinnen sind solche Stipendien wertvoll. Für mich ist es ein wichtiger Professionalisierungsschritt. Wie viele Künstlerinnen habe ich viele Nebenjobs. Mit Textbeiträgen, wie in dieser Zeitung, mit Moderationen, Foto- oder Videoaufträgen verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Es läuft, ich kann davon leben. Aber so richtig nachhaltig, auf lange Dauer, ist es nicht.

Wer professionell Kunst macht, muss viel Zeit und auch finanzielle Mittel investieren. Der Hauptteil künstlerischer Arbeit ist es, neue Arbeiten zu entwickeln. Gleichzeitig ist es wichtig, sich um Fördergelder, Preise, für Ausstellungen oder Stipendien zu bewerben. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und oft zahlt es sich nicht aus.

Einer meiner Dozenten, ein erfolgreicher Künstler, schätzte seine Erfolgsquote auf etwa zehn Prozent. Vor allem zu Beginn einer Karriere bringen Preise und Fördergelder Sichtbarkeit und Zugang zu Ausstellungen oder Aufträgen. Parallel dazu ist es wichtig, an vielen Ausstellungen teilzunehmen, mit guten Arbeiten.

Wenn ich erzähle, dass ich 4000 Franken pro Monat bekomme, sind Leute oft sehr verdutzt. Einfach so? Und du musst nichts dafür machen? Ich muss keinen konkreten Auftrag erfüllen, aber ich habe mich beworben und eine Jury von meiner Arbeit überzeugt. Zudem habe ich jahrelang Ausbildung und Erfahrung gesammelt, unter anderem fünf Jahre Kunststudium.

In meinem aktuellen Alltag verdiene ich längst nicht 4000 Franken. Vor allem auch nicht mit dieser Regelmässigkeit. Für viele Freischaffende, das ist auch in anderen Berufen so, schwanken die Einkünfte oft massiv. Wenn ich zum Beispiel Ferien mache, verdiene ich gar nichts. Das ist auch der Grund, warum ich nicht besonders viele Ferien mache.

Lohn, Arbeitszeit, Ferien, Sozialleistungen, Altersvorsorge, Elternschaft: Kulturschaffende, Kollektive oder Verbände treten selbstbewusst mit ihren Forderungen auf. Die Debatten sind bisweilen emotional. Verständlich, schliesslich geht es um die Verteilung von Geld, und damit um Verschiebungen von Machtverhältnissen. Aus meiner Sicht ist es nur richtig, wenn auch Kunstschaffende Löhne und Sozialleistungen erhalten.

In der Schweiz arbeiten 300'000 Menschen im Kultursektor. Es ist im Interesse aller, dass eine wichtige Gruppe in diesem Feld angemessen für ihre Arbeit bezahlt wird. Denn Honorare und Löhne sorgen für mehr Zugänglichkeit. Wenn gewisse Chancen nur durch unbezahlte Arbeit erreicht werden können, schliesst das viele Menschen aus. Man muss es sich leisten können, gratis zu arbeiten.

Es gibt ein geflügeltes Wort, es wird Otto von Bismarck zugeschrieben. «Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.» Das mit dem Verkommen bestreite ich natürlich. Schlussendlich überzeugt mich eine Aussage dieses Zitats. Kunst und Kultur dürfen nicht Menschen mit altem Geld vorenthalten sein. Kunst soll nicht elitär sein, sie soll für alle sein.

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