Mut hatte er, und nicht zu wenig: Der belgische Grafiker Félicien Rops (1833-1898) lüftete schamlos das Laken der Pariser Gesellschaft und enthüllte das menschliche Paarungsverhalten wie überhaupt alles Fleischliche. An der Seine-Metropole des 19. Jahrhundert war Prostitution ein Massenphänomen, und der allergrösste Zuhälter war die Stadt.
Obwohl die Bordelle offiziell waren, ein notwendiges Übel, 50 000 Prostituierte bei einer Million Einwohnern, mussten die Frauen hohe Abgaben bezahlen. Die Doppelmoral war Alltag, Paris galt als modernes Babylon, Rops war dessen Chronist. Und obwohl sein Ruf ruiniert war, galt er dennoch als teuerster Illustrator der Stadt und arbeitete für literarische Grenzgänger wie Baudelaire und Mallarmé.
Man lernt viel in der schweizweit ersten Ausstellung seiner Blätter, die im Kunsthaus absolut nackt von Moral ausgestellt sind: Von den «Maisons d’abattage», den «Schlachthäusern» des Verkehrs, wo der Fleischpreis niedrig war, bis zu den «Maisons de tolérance», den Lustgärten der besseren Kreise.
Die kleinsten, aber aussagekräftigen Gesten und Geheimbotschaften der käuflichen Damen auf den Boulevards, die äusserlich von Pariser Bürgerinnen nicht zu unterscheiden waren. Ihr würdevoller und selbstbewusster Auftritt in der Öffentlichkeit. Die sogenannte Halbwelt von Pigalle und Montmartre, die auch Picasso, Manet und Toulouse-Lautrec inspiriert hat, ist bei Félicien Rops ein Schaulaufen der Heuchelei. (Daniele Muscionico)
Laboratorium der Lüste, Kunsthaus Zürich, bis 31. Mai.


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