Neue Untersuchung

Fast alles für die Klassik – Schweizer Musikförderung in Schieflage

Die öffentliche Musikförderung sollte die Vielfalt fördern – finanziert aber vor allem die klassische Musik.

Wer in der Schweiz ein Konzert besucht, entscheidet sich meist für Pop, Rock, Hip-Hop oder eine andere Spielart der populären Musik. Klassik und Oper liegen mit knapp 20 Prozent deutlich dahinter. Trotzdem fliesst zwischen 76 und 95 Prozent der öffentlichen Musikförderung in die klassische Musik. Für aktuelle Musik – also Pop, Rock, Jazz, elektronische Musik, World oder Hip-Hop – bleibt meist nur ein kleiner Teil der Mittel. Das zeigt eine neue Untersuchung des Vereins Musikvielfalt-Initiative.

Die Untersuchung vergleicht erstmals die gesamte öffentliche Musikförderung in den Zentrumsstädten Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano und Zürich. Berücksichtigt wurden sämtliche Fördergelder von Städten, Kantonen und Lotteriefonds. Um die Städte vergleichen zu können, wurden alle Ausgaben pro Kopf ausgewiesen. Es ist eine Untersuchung, die es in der Schweiz in dieser Form noch nie gegeben hat.

In Zürich fliessen nur 3 Prozent in die aktuelle Musik

Im Detail unterscheiden sich die Städte erheblich. Während Bern pro Einwohner knapp 178 Franken in die Musik investiert, sind es in Genf mehr als doppelt so viel. Lausanne gibt pro Kopf rund 56 Franken mehr aus als Basel. Insgesamt reichen die Ausgaben von knapp 100 bis 375 Franken pro Einwohner.

Noch auffälliger sind die Unterschiede bei der Verteilung der Gelder. Die Romandie investiert deutlich stärker in die sogenannten «Musiques Actuelles» als die Deutschschweiz. Genf gibt pro Kopf etwa doppelt so viel für aktuelle Musik aus wie Basel oder Bern. Zürich fällt besonders auf: Rund 90 Prozent der Steuergelder fliessen dort in die klassische Musik, lediglich 3 Prozent in aktuelle Musik.

Publikum und Förderung driften auseinander

Diese Schwerpunktsetzung der Schweizer Musikförderung steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum Musikgeschmack der Bevölkerung. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik sind Pop und Rock die mit Abstand beliebtesten Musikrichtungen der Schweiz. Mit anderen Worten: Die meistgehörten und meistbesuchten Musikrichtungen erhalten nur einen vergleichsweise kleinen Teil der öffentlichen Fördermittel.

Die Untersuchung zeigt noch etwas anderes: Die Musikförderung ist weitgehend festgelegt. Mehr als 80 Prozent, teilweise sogar über 90 Prozent der Fördergelder gehen über mehrere Jahre an dieselben Institutionen und Organisationen. Besonders ausgeprägt ist diese Mittelbindung in der klassischen Musik. Dort sind zwischen 70 und 90 Prozent der Gelder langfristig gebunden. Für neue Projekte bleibt entsprechend wenig Spielraum. Nur im Bereich der aktuellen Musik verteilt sich die Förderung ungefähr gleich stark auf mehrjährige Beiträge und flexibel vergebene Projektgelder.

Die Recherche zeigt deutlich, dass ein grosser Teil der öffentlichen Mittel dauerhaft in klassische Strukturen fliesst, während die Musikrichtungen, welche das grösste Publikum erreichen, vergleichsweise wenig öffentliche Unterstützung erhalten. Oder anders ausgedrückt: Vier von fünf Förderfranken gehen an die Klassik – obwohl Herr und Frau Schweizer Pop hören.

Vielfalt als kulturpolitisches Ziel

Bund und Kantone verfolgen mit ihrer Kulturförderung ausdrücklich das Ziel, kulturelle Vielfalt und die Teilhabe der Bevölkerung am kulturellen Leben zu stärken. Die Untersuchung wirft deshalb Fragen auf. Wo steht die öffentliche Hand mit der Erreichung dieser Ziele im Bereich Musik? Wie vielfältig ist die Musikförderung der jeweiligen Stadt? Entspricht die heutige Verteilung der Fördergelder noch den musikalischen Interessen der Bevölkerung? Bevorzugt das Fördersystem historisch gewachsene Institutionen zulasten neuer Musikformen? Erfüllt die heutige Musikförderung überhaupt den gesetzlichen Auftrag? Und wenn nein, wie kann diese Schieflage korrigiert werden? Was sind die Lösungsansätze?

Die Initianten sind zurückhaltend in der Interpretation der Ergebnisse. Ob die heutige Verteilung der Fördergelder den kulturpolitischen Zielen von Bund und Kantonen noch entspricht, wird nun zur politischen Frage. Die Untersuchung liefert dafür erstmals eine schweizweite Datengrundlage. «Wir wollen keine Rezepte liefern», sagt Fabian Gisler von der Musikvielfalt-Initiative, «aber wir wollen eine Debatte zur öffentlichen Musikförderung anstossen. Uns interessiert insbesondere die Frage: Wie muss Kulturförderung sein, die möglichst alle Bevölkerungsschichten anspricht».

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