Die Spannung hält an, seit dem 2. April 1805, als Hans Christian Andersen in Dänemark geboren wird. In seinen 70 Lebensjahren schreibt der weltberühmte Dichter 160 Kunstmärchen. Darin wird das Gute selten gebührend belohnt. Unerfülltes und Ungerechtes lassen die Geschichten lebendig bleiben.
Viel Autobiografisches steckt darin: Hans Christian Andersen, in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, bringt es zu Lebzeiten zu Ruhm und Ehre. Er verkehrt in edlen Gesellschaften, fühlt sich dennoch als Aussenseiter, auch seines dürren, langgezogenen Äusseren wegen. Komponistin Clara Schumann beschreibt ihn 1842 als «hässlichsten Mann, den es nur geben kann», zugleich als «geistvolle Erscheinung». Im Folgejahr veröffentlicht er sein «hässliches Entlein». Die zeitlose Geschichte eines missverstandenen Wesens auf dem Weg zur Entfaltung habe inzwischen Modellcharakter in der Entwicklungspsychologie, sagt Michael Küster, Dramaturg des Balletts Zürich, bei der Einführung. «Entdecke den Schwan in dir!»
Die Meerjungfrau rettet den Prinzen
Für seine Uraufführung verwebt der dänische Choreograf und Regisseur, Kim Brandstrup, «Die Schneekönigin», «Die kleine Meerjungfrau» und «Der Schatten» zu «Of Light, Wind and Waters». Zu Beginn zieht gleissendes Licht in den Bann. Mittendrin der junge Andersen, der verspottet wird. Er nimmt ein Bett als Bühne, versucht sich als Tänzer und Schauspieler, während ihn Leute runterkippen. Doch er findet das Gleichgewicht schnell wieder; seine Mutter unterstützt ihn.
Schwarz-weisse Wellen werden an die Wände projiziert (Bühne und Kostüme Richard Hudson). Wo ist oben, wo unten? Die kleine Meerjungfrau, jüngste und schönste Tochter des Meereskönigs, taucht über dem Meeresspiegel auf. Ihre türkisfarbene Fischhaut ist Issey-Miyake-artig plissiert statt schuppig. Mit der Meerjungfrau (Max Richter) wundert man sich, was sich gerade ereignet: Ein edel gekleidetes Menschenwesen gerät auf einem Schiff in Seenot. Die Meerjungfrau rettet den Prinzen mit ihrem starken, wendigen Fischschwanz. Sie verliebt sich in ihn, will Menschenfrau werden – selbst wenn sie dafür Zunge und Stimme opfern muss.
Klirrend kalt tönt’s in die grau-schwarze Szenerie hinein (Sounddesign Ian Dearden). Die Schneekönigin herrscht in einem transparenten Geschmeide, das im Licht schimmert. In ihrem Schlepptau: Kay, der beim Spielen mit Gerda vom Splitter eines Troll-Spiegels getroffen worden ist. Dieser verwandelt das Gute und Schöne ins Gegenteil.
Schatten ist ein Highlight
Auf der Bühne drehen sich zwei Kammern in- und nebeneinander, was neue Perspektiven eröffnet. Über allem bewegen sich grosse Schatten. Wer sie woher wirft? Bei einer Südeuropareise kommt Hans Christian Andersen auf die fantastische Idee, (s)einen langen Schatten selbstständig zu machen, der auf der Wohnung gegenüber erscheint. So kann dieser die Bewohnerin besuchen, sie berühren. «Der Schatten» ist auf der Opernhausbühne ein Highlight: Die schemenhafte Gestalt (Karen Azatyan) wird von Szene zu Szene sich selbst bewusster, physischer. Dergestalt begegnet sie dem früheren Herrn (Esteban Berlanga). Die zwei beobachten jede Regung voneinander, spiegeln ihre Bewegungen synchron, duellieren sich.
Märchenrealitäten verschwimmen ineinander. Auf dem Meeresspiegel respektive Bühnenboden gleissen Glasscherben, daneben wird ein harmonisches Duett getanzt, während neue Schatten vorbeiziehen. Gibt es ein Happy End? Zum Schluss hebt Hans Christian Andersen jedenfalls alleine ab – schwerelos von der Bühne ins stille All, wo Sternenstaub funkelt. Bei aller cineastischen Spannung während 90 Minuten: Gerne hätte man das dynamische Ensemble noch öfter ins Geschehen gezaubert. Andererseits war es magisch, wenn es sich, Ton in Ton mit der Bühnenatmosphäre, plötzlich auflöste.

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