Literatur

In Dominic Oppligers neuem Roman wachsen der Geliebten plötzlich Kiemen

Im charmanten Mundartroman «Gschtüel» des Aargauer Schriftstellers arbeitet sich sein Held am Aargau-Komplex ab - und an Prof. Pilzbarths Verwandlungstheorie. Heute um 19.30 Uhr Buchpremiere im Royal Baden.

«Sunntigobig in Bade...» - wer in den Nullerjahren diesen Halbsatz als Witz erkannt hat, muss in der Aargauer Kleinstadt gelebt haben. So erzählt es zumindest Dominic Oppliger in seinem neuen Mundartroman. Natürlich traf das auf so ziemlich alle Schweizer Kleinstädte zu: Am Sonntag Abend werden die Durstigen heimatlos, weil alle Beizen geschlossen sind.

Heimatlos fühlt sich auch der junge, ambitionslose, kontakt- und konfliktscheue Mann, den Oppliger als Hauptfigur gewählt hat. Nur kurz ist dieser ganz aufgehoben: in den paar Monaten des alternativen Badener Gstühl-Provisoriums und während 36 Liebestagen mit der mysteriösen Julia.

Coming-of-age und ein esoterischer Menschenverwandler

Eine simple Coming-of-Age-Geschichte mit einem Schweizer Durchschnitts-Fasterwachsenen, einem Aargauer mit Minderwertigkeitskomplex? Ein paar Seiten lang könnte man das tatsächlich denken. Denn in der angenehm mühelos zu lesenden Aargauer Mundart wird uns vom Leben des jungen Studienabbrechers zwischen gruftigem WG-Zimmer und zögerlichen Kontaktversuchen erzählt. Da ist mit Ausnahme einiger origineller Szenefiguren, einer feministischen Sprayer-Gruppe und einem schwulen Jugendfreund, wenig bis nichts los.

Aber Oppliger hat mehr vor. «Gschtüel» ist ein skurriler, aber charmanter Wasserroman mit Liebe, Schuld und Unheimlichem: In der Limmat verliebt sich unser Held und erschauert, als er später im nächtlichen Thermalbad am Hals der Geliebten Kiemen erspürt. Er flüchtet. Ein Fantasyroman? «Gschtüel» verwebt die Coming-of-age-Geschichte jedenfalls mit den esoterischen Theorien des fiktiven Professors Jakob Pilzbarth, den man in Baden seit Jürg Willis und Margaretha Dubachs Ausstellungen gut kennt. Pilzbarths Buch «Die Überwindung des Menschseins durch Anthropolyse» ist Julias Lieblingslektüre. Zivilisation sei eine Fessel, die man überwinden müsse, predigt sie. Jeder Jugendliche, jeder Aussenseiter versteht ihren Wunsch.

Der Grottenolm als Symbol für Schweizer Männlichkeit

Man erfährt dies alles in einer langen Rückblende, einem Monolog, der in eine Rahmenhandlung eingebettet ist. Zu Beginn und am Schluss des Romans sitzt der jetzt etwa 40-jährige Ich-Erzähler, der nach Jahren wieder in die Heimatstadt zurückgekehrt ist, im warmen Badener Thermalwasser. Und er erinnert sich an seine Zeit im Gstühl-Areal, an Julia, und wie er vor zwanzig Jahren einen verletzten Freund an einem Strand in Thailand im Stich gelassen hatte. Unterlassene Hilfeleistung? Genauso wie damals, als er im Thermalwasser vor Julia geflüchtet ist?

«Gschtüel» spielt geschickt mit vielen symbolischen Anspielungen und lässt eine kleinstädtische Alternativszene aufleben. Vielleicht am originellsten ist das Symbol für die Schweizer Männlichkeit: Der Grottenolm, ein Tier, das zurückgezogen und kontaktscheu in seiner Höhle lebt und gemütlich warten kann, was so passiert. Ein privilegiertes, mutloses Leben also. Dazu passt das dem Roman vorangestellte Zitat: «Eine vollständige Metamorphose würde ihm ... vermutlich keinen evolutionären Vorteil bringen.» Zumindest trifft dies die Existenz der Hauptfigur in «Gschtüel» ziemlich gut - und man nimmt diese kleine Schweizer Mentalitätskritik gerne mit aus diesem schmalen Roman.

Dominic Oppliger: Gschtüel. Roman. Aris Verlag, 108 S.

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