
Die Queen of Country war nur eine ihrer vielen Rollen. Dolly Parton war Songwriterin und Sängerin, Entertainerin und Unternehmerin – und eine der grossen Figuren der amerikanischen Populärkultur. Eine Ikone, die ihre Herkunft nie verleugnete.
Am 19. Januar 1946 geboren, wuchs Dolly Rebecca Parton in einer bitterarmen Familie mit elf Geschwistern in den Smokey Mountains von Tennessee auf. Schon als Kind begann sie Lieder zu schreiben und gab mit 13 ihr Debüt in der berühmten Radioshow Grand Ole Opry von Nashville und arbeitete zunächst als Songschreiberin.
Ihr Äusseres mag ihr Markenzeichen gewesen sein, aber das Songwriting war eigentlich ihre grösste Stärke. Songs wie «Jolene», «Coat of Many Colors», «9 to 5» und «I Will Always Love You», interpretiert von Whitney Houston, wurden weit über die Countryszene zu Meilensteinen der Popkultur. Sie schrieb kleine amerikanische Dramen über Liebe, Armut, Arbeit, Aufstieg und Selbstbehauptung – mit einer Einfachheit, die nie simpel war.
Ikone weiblicher Selbstbestimmung,
Sowieso: In dieser Beziehung wurde sie unterschätzt. Dabei gelang ihr 1980 mit dem Song «9 to 5» Historisches. Der Song war zugleich Country, Pop, Arbeitslied und Gesellschaftskommentar. Ohne moralischen Zeigefinger sang sie über die Frustration arbeitender Frauen und machte sie aus einem feministischen Thema einen Welthit. Überhaupt war das eines ihrer grössten Fähigkeiten. Sie konnte gesellschaftlich relevant sein, ohne belehrend zu wirken.
Partons Bedeutung lag auch darin, wie sie sich in der männerdominierten Country-Industrie ihre Unabhängigkeit erkämpfte. Im Nashville der 1960er- und 70er-Jahre bestimmten Männer, wer gehört wurde und wer das Geschäft machte. Parton begann als Songwriterin, deren Lieder auch andere sangen. Dann wurde sie selbst zum Star – und sorgte dafür, dass sie über diesen Star zunehmend selbst bestimmte.
Denn Dolly Parton machte nicht nur Karriere, sie machte aus ihrer Karriere ein Unternehmen. Musik, Film, Fernsehen, Bücher, Freizeitparks, Hotels, Merchandising: Sie baute ein Imperium auf und blieb dabei unverkennbar sie selbst. Die Marke Dolly Parton wurde riesig, ohne je wie eine Erfindung des Marketings zu wirken.
Sie machte ihre eigene Künstlichkeit zu Kunst
Dolly Parton wurde absurd reich und weltberühmt – und blieb trotzdem öffentlich die Frau aus Tennessee, die über ihre eigene Künstlichkeit lachen konnte. Dolly Parton stand dazu, dass sie ab ihrem 22. Leben Schönheitsoperationen vornehmen liess und ging damit selbstironisch um. «Es kostet ein Vermögen, so billig auszusehen», sagte sie dazu.
Ihre blonde Perücke, ihre übertriebene Figur, ihre riesigen Brüste, ihre Fingernägel: Sie machte daraus eine selbstbestimmte Kunstfigur. Und gerade darin steckt eine ziemlich radikale Form von Selbstermächtigung. Sie wusste genau, dass die Leute über sie lachten. Also lachte sie zuerst über sich selbst. Der berühmte Dolly-Parton-Humor war deshalb nie nur Unterhaltung. Er war eine Waffe gegen Herablassung.
Das Erstaunliche an ihrer Karriere ist nicht allein ihr Erfolg. Es ist, wie sie sich selbst erfunden hat, ohne ihre Herkunft abzulegen. Vor diesem Hintergrund ist auch philantropische Seite zu interpretieren. Mit ihrer Dollywood Foundation gründete sie die Imagination Library, die Kindern kostenlose Bücher zur Verfügung stellt. Parton setzte dabei ihre eigene Geschichte, das Aufwachsen in Armut und mit wenig Zugang zu Bildung, in eine konkrete gesellschaftliche Idee um. «Ich habe es geschafft, also kann es jeder schaffen», sagte sie dazu. Deshalb ist ihr Tod mehr als der Tod eines Musikstars. Man konnte Country mögen oder nicht. Aber irgendwann wurde Dolly Parton grösser als ihr Genre.
Sie wurde menschlicher, je berühmter sie wurde
Sie gewann 11 Grammys, wurde in die Country Music Hall of Fame und in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. 2025 erhielt sie den Ehren-Oscar für humanitäre Verdienste. Aber diese Aufzählung wird ihrer Bedeutung fast nicht gerecht. Dolly Parton hat etwas geschafft, was nur ganz wenigen Künstlern gelingt: Sie wurde grösser und menschlicher, je berühmter sie wurde.
Die Popkultur verliert eine Ikone, die den amerikanischen Traum nicht einfach verkörperte. Sie hat ihn umgeschrieben. Sie hat bewiesen, dass Erfolg und Güte sich nicht ausschliessen müssen.
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