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Sprachliche Moden und Marotten

«Die wouke nume di ganzi Zit»: Ein Adjektiv aus dem amerikanischen Kulturkampf erreicht die Schweizer Mundart

Unser Kolumnist hörte auf der Strasse ein Gespräch mit und landete bei rätselhaften Mundart-Neuschöpfungen aus dem Englischen. Die Episode zeigt, wie schnell sich lokale Sprache neu erfindet.
Wer woke ist, regt sich gelegentlich über weisse Menschen in Indianerverkleidungen auf - was wiederum die Gegner von Wokeismus aufregt.
Bild: Romano Cuonz / Obwaldner Zeitung

«I go nid gärn dörthäre», hörte ich einen Mann auf der Strasse sagen, «die wouke nume di ganzi Zit.» Leider habe ich nicht mitbekommen, wo der Mann nicht gerne hingeht. Immerhin konnte ich mich wenig später darüber schlau machen, was das Verb «wouke» bedeutet. Es komme von der englischsprachigen Aufforderung «stay woke», was ungefähr soviel heisst wie «sei wachsam». Danach wurde es zunächst bloss als Adjektiv verwendet. Wer «woke» war, galt als aufmerksam oder sensibel in Bezug auf jede Art von gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten.

Aber neue Begriffe greifen rasch um sich und entwickeln sich weiter, sodass aus dem englischen Adjektiv «woke» offenbar bald ein Schweizer Mundartverb geworden ist. Und wenn jemand auf Mundart behauptet, jemand anderes würde «wouke», dann ist damit wohl gemeint, dass die Person, die woukt, in ihrer Sprechweise speziell aufmerksam ist. Warum das für das Gegenüber ein Problem sein soll, ist mir schleierhaft. Den Mann, den ich beim Vorbeigehen sagen hörte, er gehe an einen gewissen Ort nicht gerne hin, weil die Leute dort ständig woukten, kann ich leider nicht mehr fragen. Bis ich das alles gelernt hatte, war er natürlich längst über alle Berge. Dafür mir blieb das neue Verb im Ohr und in mir begann es unkontrolliert zu dichten: «Di einte tüe rouke, angeri tüe wouke.» – «I bi vom Vouk, drum blib i wouk.»

Kaum hatte ich das Verb «wouke» auf diese Weise verinnerlicht, begegnete mir schon wieder ein Verb, das ich mir erst erklären lassen musste. Eine Arbeitskollegin von ihr, sagte mir eine Bekannte, sei von ihrem Typen gegoustet worden. «Was isch gouste?», wollte ich gleich wissen. «Was? Du weisch nid was gousten isch?», fragte die Bekannte schon beinahe vorwurfsvoll, als verstünde ich kein Schweizerdeutsch.

Inzwischen konnte ich auch diese Wissenslücke schliessen. Deswegen weiss ich nun, dass das Verb vom Englischen «ghosting» kommt, einem Wort, das selbst in England erst vor etwa zehn Jahren ins Wörterbuch aufgenommen wurde. «Ghosting» betreibt, wer mit einer Person plötzlich und ohne jede Vorankündigung den Kontakt abbricht. Das sei ein Verhalten, das erst durch die sozialen Medien so richtig verbreitet geworden ist. Offenbar ist es leichter, Onlinebekanntschaften zu gousten, als langjährige Freunde aus dem richtigen Leben.

Dass der Begriff im Schweizerdeutschen innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem durchkonjugierbaren Verb geworden ist («I gouste, du goustisch, är goustet, mir gouste, dir goustet, si gouste») zeugt einmal mehr von der Lebendigkeit und Anpassungsfähigkeit der gesprochenen Sprache. Klanglich erinnert «gousten» an das bereits gut integrierte Verb «pouste» (nicht zu verwechseln mit «poschte»). Wer poustet, verbreitet Inhalte auf Socia-Media-Plattformen. Und die Lebensweisheit, die mir dazu einfallen will, lautet: «Wär vüu tuet pouste, cha gwüss ou gouste.»

Aber ganz gleich, wie oft wir pousten, wouken oder gousten, wichtig ist vor allem die schöne Erkenntnis, dass die Sprache ein nie endendes Lernfeld ist.

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