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Literatur im Fernsehen

Die Schweizer Literatur steht medial im Schatten und sogar Franz Hohler kritisiert das SRF 

Werden im SRF-«Literaturclub» zu wenige Schweizer Bücher besprochen? Die Branche fühlt sich jedenfalls an den Rand gedrängt. 

Wer den SRF-«Literaturclub» regelmässig schaut, fragte sich in den vergangenen Monaten, ob die Kritikerrunde Schweizer Literatur langweilig oder irrelevant findet. Von 24 besprochenen Büchern seit Jahresbeginn waren lediglich zwei von Schweizer Literaturschaffenden. Auch grosse Namen wie Alex Capus und Sybille Berg, die es mit ihren Romanen auf die Bestsellerlisten und in die deutschen Feuilletons schafften, fanden keinen Platz. Die in unserer Zeitung formulierte Kritik daran stösst in der Literaturszene auf breite Zustimmung. Martin R.Dean etwa hält die Buchauswahl im «Literaturclub», den er deshalb seit längerem gar nicht mehr schaue, für problematisch: «Natürlich darf ein Literaturclub in seiner Auswahl frei sein. Aber wo Freiheit in Beliebigkeit überzugehen droht, vergibt man sich die Chance, über die literarischen Früchte, die unser Land ernten kann, nachhaltig nachzudenken.»

Franz Hohler doppelt nach: «Aus dem Schattendasein, das die Schweiz im ‹Literaturclub› führt, spricht die Furcht, als provinziell zu gelten. Doch damit macht man sich selbst zur Provinz.» Ähnlich sieht es Pedro Lenz: «Ich plädiere für mehr sprachliches und literarisches Selbstbewusstsein, globales Denken und lokales Handeln», sagt der Autor, der vorwiegend in der Mundart schreibt. Die meisten seiner Bücher seien für den «Literaturclub» a priori kein Thema, solange in der Runde jeweils mindestens die Hälfte der Debattierenden die Umgangssprache der Schweiz, die Sprache der Strasse, weder sprechen noch lesen oder verstehen könne.

Buchmarkt und Fernsehen sind sich einig: Bücher müssen Nerv der Zeit treffen

Dass die Schweizer Verlage nicht glücklich sind über die Auswahl des «Literaturclubs», verwundert nicht. Daniela Koch vom Atlantis Verlag, der sich gerade als Heimat für spannende hiesige Autorinnen wie Leta Semadeni, Rebecca Gisler oder Ursula Fricker etabliert, vermisst die fehlende Neugier auf neue Talente: «Der Schweizer Sport oder das Schwingfest wird von SRF mit Liveübertragungen gefeiert – der Literatur hingegen scheint man weniger zuzutrauen. Da gibt es viele Alibiübungen, da wird höchstens auf grosse Namen gesetzt.» Tanja Messerli, die Geschäftsführerin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands, weist auf die besondere Situation des Kleinstaates hin: «Die Aufmerksamkeit der öffentlich-rechtlichen Medien für Bücher aus der Schweiz ist absolut unabdingbar, unser Verlagsschaffen ist zentral für Neuentdeckungen!»

Der Ärger der Verlage und der Autoren ist nachvollziehbar. Denn wer am Abend im SRF besprochen wird, dessen Verkaufszahlen schnellen in den nächsten Tagen in die Höhe. «Nach dem SRF-‹Literaturclub› zieht die Nachfrage nach den besprochenen Büchern in unseren Filialen spürbar an», sagt Orell Füssli auf Anfrage. Die Buchhandlungen würden sich jeweils auf die Sendungen vorbereiten, damit die Verfügbarkeit gewährleistet ist. Es spiele jedoch keine Rolle, wer Autorin oder Autor des Buches sei. Die Besprechung müsse nur den Nerv der Zeit treffen.

Die Schweiz ist offenbar kein Streitthema mehr

Was halten die Literaturwissenschafter von der Qualität des «Literaturclubs»? Offenbar nicht viel. Altmeister Peter von Matt richtet aus, dass er den «Literaturclub» seit langem nicht mehr geschaut habe und sich deshalb dazu nicht äussere. Die Nachfrage bei seinem jungen Kollegen Philipp Theisohn, der an der Uni Zürich ein Kompetenzzentrum zu Schweizer Gegenwartsliteratur aufbaut und mit Studierenden praktische Literaturkritik betreibt, stösst auf Kopfschütteln. Er schaue den «Literaturclub» nie und beklagt, dass überall Foren kritischer Auseinandersetzung wegbrechen und «Diskurse aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden, die unser Land bestimmen».

Würden Quoten helfen, um den Stellenwert der Schweizer Literatur zu steigern? Hansjörg Schertenleib hält davon nichts, sagt aber: «Anprangern muss ich den Umgang von SRF mit Literatur grundsätzlich. Was aus dem Format ‹52 beste Bücher› geworden ist, ein Plauderstündchen in Mundart, ist beschämend. Auch den Hang des ‹Literaturclubs›, Cervelatpromis als Gäste einzuladen, finde ich lächerlich, da diese in der Regel einzig den Inhalt der besprochenen Bücher herunterbeten.»

«Kein Schweizer Literaturnobelpreisträger in Sicht»

Ein konstruktiver Vorschlag kommt von Schriftsteller, Kabarettist und Radiokolumnist Ralf Schlatter: «Wie wäre es, wenn es primär um Schweizer Literatur gehen würde, mit einem internationalen Fenster? «SRF bi de Autor*inne!» Keine Angst, wir beissen nicht. Wir wollen nur spiegeln!»

Nicola Steiner, Moderatorin des ­«Literaturclubs», sagt auf die Kritik, Schweizer Literatur habe im «Literaturclub» einen festen Platz. In den letzten 33 Sendungen seit Anfang 2019 seien 32 Schweizer Bücher besprochen worden. Angesichts der Vielfalt an berücksichtigter Weltliteratur, Bestsellern, Nobelpreisträgern und Debüts sei das ein guter Wert. Das Konzept der Sendung sei überdies, dass die Kritikerinnen und Kritiker Bücher mitbringen, für die sie mit Herzblut werben. In den Publikumszuschriften sei die Zahl Schweizer Bücher zudem «so gut wie kein Thema». Übersetzt heisst das, es gibt für die Kritikerrunde zu wenige gute Schweizer Bücher, um in jeder Sendung, in der jeweils vier Titel vorgestellt werden, mehr als eines zu besprechen.

Dem würden wohl viele hiesige Schriftsteller widersprechen. Nicht aber Corinna T. Sievers, die seit zwanzig Jahren in der Schweiz lebt. Sie hat sechs radikale Romane veröffentlicht, die zwar in Printmedien besprochen wurden, aber im SRF-«Literaturclub» nie erwähnt worden sind. «Falls es im «Literaturclub» um Qualität geht, kann das tapfere Trüppchen Schweizer Schriftsteller, das müssen wir neidlos gestehen, nicht mithalten», sagt sie. Und fügt an: «Es ist kein Schweizer Literaturnobelpreisträger in Sicht.»

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