
Tatsächlich: Da spaziert einer mit kurzer Hose durchs Festspielhaus-Foyer. Männer ohne Sakko stehen dort ohnehin herum und trinken den Festspielwein. Und das an einem Ort, an dem man noch vor 20 Jahren in einem dunkelblauen Anzug auffiel, da alles Smoking trug.
Jetzt ist die Oper sogar in Salzburg demokratisiert – trotz 495 Euro für einen Parkettplatz. Und die Hitze gibt dem seidenen Glanz den Rest. Ohne CO₂-Bilanz-Frevel ist ein Opernabend kaum zu meistern. Bei 36 Grad durch den Mirabellgarten und die Altstadtgassen zum Festspielhaus flanieren? Damit bereits Kopf und Kragen, sprich Hemd und Fassung riskieren? Neue Zeiten, neue Sitten.
Das klimatisierte Uber-Taxi ist rasch bestellt, zwei deutsche Festspielgäste, die in der Hotellobby noch mit Manschettenknopf-Problemen kämpfen, erjammern sich die Mitnahme. Und im Nu stehen alle vier frisch duftend in der Hofstallgasse, dem schönsten Freilicht-Pausenfoyer der Welt. Es ist ein Staunen und Präsentieren. Ist das nicht Wolfgang Porsche da im Smoking? An seiner Seite die berühmte, ihn um einen Kopf überragende Prinzessin in langer grüner Robe? Höchste Zeit jedenfalls, das Jackett richtig anzuziehen: Hinein ins gekühlte Festspielhaus – Vorhang auf.

Moment! Ganz kurz muss die Vorgeschichte des Salzburger Festspielsommers erklärt werden, die ist nämlich brisant. Im Frühling wurde Intendant Markus Hinterhäuser aus seinem Amt bugsiert. Er verstand sich nicht mehr mit dem Aufsichtsgremium, dem Kuratorium, soll sich zudem ungebührlich verhalten haben. Interim leitet Karin Bergmann die Festspiele – komödien- oder tragödientauglich jene Frau, die Hinterhäuser eigenmächtig als Schauspielchefin anstellen wollte. Auch deswegen kam er zu Fall. Auf Bergmann lastet eine grosse Verantwortung in kulturpolitisch schwierigen Zeiten. In knapp 40 Tagen bietet Salzburg 208 Aufführungen an 19 Spielstätten. Fast 260 000 Besucher und Besucherinnen kommen, die Auslastung beträgt unglaubliche 99 Prozent. «Carmen» war siebenfach überbucht, 140’000 Menschen wollten Bizets Meisterwerk sehen.
Jubel für den entlassenen Intendanten
Mit dem schlauen Mix aus Populärem und Anspruchsvollem hat Ex-Intendant Markus Hinterhäuser durchaus dazu beigetragen, dass man erhaben aus der Coronakrise herauskam. Und so wundert es nicht, dass mit seinem Abgang sogleich die Verklärung seiner Amtszeit begann. Um aus dem ganzen Theater richtig österreichisch ein Theaterspektakel zu machen, trat Hinterhäuser Ende Juli auch noch bei den Festspielen als Klavierbegleiter in einem Liederabend auf. Der Begrüssungsjubel war so gross wie oft nicht der Schlussapplaus, die Sopranistin Asmik Grigorian und der Dirigent Teodor Currentzis wurden mitten unter den lautesten Jublern gesehen. Darf man sie Claqueure nennen?

Zurück ins Festspielhaus! Auf diese zwei Künstler sind am ersten Abend unseres Festspielmarathons – drei Opern und zwei Theater in vier Tagen - die Ohren und Augen gerichtet. Der Dirigent und ein Grossteil seines Orchesters leben in Petersburg von Putins Geld. Hinterhäuser war das egal. Und auch dem Publikum, bejubelte es doch den zum Russen gewordenen Griechen am Ende frenetisch.
Zugegeben, sein Utopia-Orchester ist glänzend besetzt, aber Currentzis gefällt sich in derart vielen Extravaganzen, dass er auf die Nerven geht. Er meint mit epischen Tempodehnungen Stimmung zu erzeugen, merkt nicht, dass es Langeweile wird. Er spitzt zu, wo bloss Idylle ist.
Auch das Rollendebüt von Asmik Grigorian ist kaum weltbühnentauglich – was erlebte man da doch gerade in Salzburg für grosse Carmen-Darstellerinnen! Die Grigorian ist die «Netrebko» des geschassten Intendanten, wurde in den letzten Jahren der Sopran-Star der Festspiele – alljährlich darf sie eine neue Grenzpartie singen. Sie macht das jeweils mit herausragender spielerischer Lust und beachtlicher sängerischer Leistung. Der helle Sopran lässt nun aber viele Carmen-Töne vermissen. Und viel zu spielen gab es nicht, da Gabriela Carrizo von der weltberühmten belgischen Tanzkompanie Peeping Tom Regie führte.
Eine «Carmen» ohne Folklore – na und?
Da ist naturgemäss viel Bewegung dank ihrer athletischen Tänzer im Spiel, auch viel Dunkel und nicht ein Zentimeter Rüschen-Folklore – ausser wenn der Torero, eine Figur aus einer Zauberwelt, auftaucht. Damals in Zürich bei Peter Mussbachs ungeliebter Inszenierung wars genauso. Das war vor 24 Jahren. Gut, wächst da Jonathan Tetelman als Don José über sich hinaus.
Am Ende ist Carmen schwer verletzt, aber aufrecht, während José tot zusammenbricht. Carmen, die Siegerin?

Da denkt man zu gerne ans Programmheft von «Lucio Silla», Mozarts prächtiger Jugendoper. Da nämlich erklärt Dirigent Adam Fischer, dass moderne Regisseure die Aufführungen gerne mal mit Aktion überfrachten würden. In der von ihm dirigierten halbszenischen Aufführung hingegen passiere das nicht, so, dass man durchaus mal die Augen schliessen solle. Interessant die Sänger: Nicht die Stars, alles international unbekannte Namen, aber alles hervorragende, moderne Stimmen mit dem Makel, dass sie sich sehr ähnlich sind. Gut, gabs da den Furor des Dirigenten und das famos aufspielende Mozarteum-Orchester.
In «Ariadne auf Naxos», Richard Strauss' Meisterwerk von 1916, geschah genau das, was Adam Fischer beklagt. Ersan Mondtag weiss bei seinem Festspieldebüt mit dem Werk wenig anzufangen – sprich: Er füllt es mit unnötiger Aktion. Bald weiss er sich nur noch mit Dummheiten zu helfen und lässt etwa drei Paare zu den Koloraturen kopulieren.

Der Beginn allerdings ist spektakulär. Da rast ein Raumschiff dem Weltall entgegen, landet auf dem Mars und schwups: Das Vorspiel beginnt. Eine Gauklertruppe und eine Operncompagnie sollen nicht wie einst für den reichsten Mann Wiens, sondern «der Welt» eine Abendunterhaltung bieten. Elon Musk lässt grüssen.
Die Wiener Philharmoniker spielen wundersam silberhell, nur leider kann Manfred Honeck – alter 1990er-Jahre-Bekannter aus dem Opernhaus Zürich – mit dieser Traumtruppe wenig anfangen: Da ist kein Witz, da ist kein Glanz.
Einen Witz, immerhin, hat die Regie noch. «Nimm mich mit auf dein Schiff», fleht Ariadne zum Schluss, und stolz zeigt Bacchus auf sein Raumschiff. Doch der Flug ins Glück endet tragisch, das Raumschiff explodiert. Der reichste Mann der Welt lacht – und vermutlich auch Regisseur Mondtag. Das Publikum hingegen beschenkt ihn mit einem Buhsturm.

Die geschlossenen Augen möchte man auch bei «Faust» anwenden, doch bei dieser Schauspiel-Inszenierung hört man nun mal keine Mozartklänge, sondern durchs Mikrofon gebrüllte Goethe-Verse und einen dauerbrummenden Bass. Wobei das mit dem Hören so eine Sache ist. Regisseur Ulrich Rasche scheint sich jeweils mehr darauf zu konzentrieren, wie schnell sich seine ewiggleichen Drehbühnen bewegen, als darauf, ob man die Schauspieler versteht. Und so gleitet der Blick von der schwarzen Bühne immer wieder hinauf zum Bildschirm, wo die englische Übersetzung des Textes zu lesen ist.
Peter Handke lächelt – zum Abschied?
Wir seufzen ein Alkmensches «Ach» und warten gebannt auf den nächsten Abend – erneut mit Schauspiel! Aber was für eines. Peter Handkes letztes Jahr veröffentlichtes Werk «Schnee von gestern, Schnee von morgen» hat Jossi Wieler meisterhaft zur Uraufführung gebracht. Handke jammert und jömmerlet, überfordert mit einem Schwall an Zitaten, Kalauern und Hanswurstiaden, verklärt seine Schuhspanner aus Zedernholz, ermahnt die Welt vor dem Untergang und zwinkert doch immer wieder liebevoll, ja zärtlich mit dem Auge. Marina Galic und Jens Harzer parlieren den Text zu Poesie, bis sie im Nichts und Nonsens enden und zurecht den Jubel des Publikums entgegennehmen.

Der Morgen danach ist kühl, das Kaffeehaus Bazar aber bald überfüllt und schwülwarm. Die zwei Dutzend Zeitungen, ob FAZ oder Boulevardblatt «Krone», werden wie einst verschlungen, die Festspielkritiken sind begehrtes Wissens- und Diskussionsgut für die Pause am Abend. Der Mann, dessen Bild am Freitag die Frontseite der Salzburger Nachrichten ziert, dessen Auftritt selbst in der FAZ besprochen wird, sitzt allerdings nicht mehr im «Bazar»: Der ehemalige Intendant Markus Hinterhäuser hat hier Hausverbot. Der Benimm hat sich hier geändert – wie der Dresscode im Festspielhaus.
Carmen: 8. August, ORF 2 (20.15 Uhr) oder Arte (21.45), Ariadne auf Naxos: 15. 8., 20.15, 3Sat


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