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«Ich fühlte mich wie eine Sklavin»: Schwere Vorwürfe gegen Julio Iglesias

Die spanische Justiz ermittelt gegen den Schlagerstar wegen sexueller Gewalt.
Da konnte er noch lachen, jetzt steht Julio Iglesias am Pranger der Justiz.
Bild: Serge Benhamou/Getty

Die spanische Justiz hat Ermittlungen gegen den weltberühmten Sänger Julio Iglesias eingeleitet. Zwei frühere Hausangestellte werfen dem 82-jährigen Künstler schwere Straftaten vor – darunter sexuelle Übergriffe, Menschenhandel mit dem Ziel der Zwangsarbeit sowie körperliche Misshandlung.

Die Staatsanwaltschaft hat am Nationalen Gerichtshof in Madrid Ermittlungen aufgenommen. Im Zentrum stehen mutmassliche Taten aus dem Jahr 2021, die sich laut Anzeige in den Residenzen des Sängers in der Dominikanischen Republik und auf den Bahamas ereignet haben sollen. Trotz des Auslandsbezugs ist die spanische Justiz zuständig, da Iglesias die spanische Staatsangehörigkeit besitzt.

Die beiden jungen lateinamerikanischen Frauen Rebeca und Laura schildern laut eldiario.es ein Arbeitsumfeld permanenter Einschüchterung und Kontrolle. Sie berichten von unerwünschten sexuellen Handlungen bis hin zu Penetrationen, von Schlägen, Demütigungen und verbalen Beleidigungen. «Er benutzte mich fast jede Nacht», berichtet Rebeca. «Ich fühlte mich wie ein Objekt, wie eine Sklavin.» Diese sexuellen Begegnungen fanden fast immer unter der Anwesenheit und mit der Beteiligung einer weiteren Angestellten statt, die diesen Frauen hierarchisch übergeordnet war. Rebeca bezeichnet Iglesias Wohnresidenz als «Haus des Terrors».

«Menschenhandel mit dem Ziel der Zwangsarbeit»?

Die Anzeige spricht von «Menschenhandel mit dem Ziel der Zwangsarbeit» und von sexueller Aggression, sexueller Belästigung, Körperverletzung sowie von Verstössen gegen Arbeits- und Sozialrechte, darunter fehlende Verträge, überlange Arbeitszeiten und das Fehlen von Ruhezeiten. Der Missbrauch soll laut Anzeige von Iglesias’ Hausverwalterinnen, die für das Personal zuständig waren, gedeckt worden sein.

Schwer wiegt auch nach Einschätzung der Anwältinnen der beiden Frauen der Vorwurf der Einschüchterung – einer Atmosphäre der Angst, die Widerstand faktisch unmöglich gemacht habe. Der Sänger soll laut Anzeige die sexuellen Übergriffe «unter Ausnutzung seiner hierarchischen Überlegenheit» begangen haben. Dies könnte strafrechtlich als besonders schwerwiegend gewertet werden. Eine der Frauen berichtet zudem von Verletzungen wie Blutergüsse und Bissspuren. Laut Anzeige habe Iglesias sie an den Haaren gepackt und geschüttelt.

Unterstützt wird die Anzeige von den beiden Menschenrechtsorganisationen Women’s Link Worldwide und Amnesty International. Die Anwältinnen beantragten dringende Schutzmasssnahmen für die beiden Frauen, darunter den Schutz der Identität und Massnahmen gegen mögliche Einschüchterungsversuche. Die Frauen erklärten gegenüber eldiario.es, Ziel der Anzeige sei es, «dass all das, was er getan hat, nicht straffrei bleibt». Ihre Anzeige solle anderen weiblichen Angestellten Iglesias’ Mut machen, «zu sprechen und an die Justiz zu glauben».

Die Anwältinnen schliessen nicht aus, dass andere Frauen, die für Iglesias gearbeitet haben, ähnliche Erfahrungen gemacht haben. «Die von Rebeca und Laura geschilderten Ereignisse müssen im Rahmen systemischer Strukturen von Unterdrückung und Missbrauch analysiert werden», sagte eine Sprecherin von Women’s Link.

Julio Iglesias schweigt zu den Vorwürfen

Julio Iglesias selbst sowie sein Umfeld äusserten sich bislang nicht. Laut eldiario.es blieben sämtliche Kontaktversuche unbeantwortet. Die spanische Mitte-links-Regierung unter dem sozialdemokratischen Premier Pedro Sánchez stellte sich demonstrativ hinter die Ermittlungen. Regierungssprecherin Elma Saiz lobte die journalistische Aufarbeitung und betonte den «entschlossenen Einsatz gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen». Gleichstellungsministerin Ana Redondo erinnerte daran, dass in Spanien der Grundsatz gelte: Wenn kein Einverständnis der Frauen vorliege, werde jede sexuelle Handlung strafrechtlich als sexuelle Aggression gewertet.

Ob dem Sänger staatliche Auszeichnungen aberkannt werden – darunter die Goldmedaille für Verdienste um die Schönen Künste, die er 2010 erhielt – ist bislang offen. In der Regionalpolitik Madrids sorgt der Fall bereits für heftige Kontroversen. Die linke Oppositionspartei Más Madrid fordert die Aberkennung der Ehrenmedaille der Region. Madrids konservative Ministerpräsidentin Isabel Díaz Ayuso verteidigte Iglesias hingegen öffentlich und sprach von einer Kampagne.

Auch in der Kulturszene hat der Fall schon Folgen: Der Verlag Libros del Asteroide kündigte an, eine Iglesias-Biografie inhaltlich zu überarbeiten, um die nun bekannt gewordenen Vorwürfe und die laufenden Ermittlungen einzuordnen.

Julio Iglesias gilt als einer der erfolgreichsten Musiker der Geschichte. Der 1943 in Madrid geborene Sänger verkaufte nach Branchenangaben über 300 Millionen Tonträger weltweit. Er nahm Lieder in mehr als einem Dutzend Sprachen auf und prägte Generationen mit Songs wie «Hey», «La vida sigue igual», «To All the Girls I’ve Loved Before» oder «Begin the Beguine».

Seit Jahrzehnten lebt Iglesias überwiegend in den USA, zuletzt vor allem in Florida und der Karibik. Seine Karriere machte ihn zum international wohl bekanntesten spanischen Musikstar – ein Image, das durch die aktuellen Vorwürfe nun massiv erschüttert wird.

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