Fussball

Warum jubeln wir über deutsche Schlappen?

Auch in der Nacht auf Dienstag waren in der Schweiz wieder Freudenschreie zu hören, nachdem Deutschland ausgeschieden war. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist unsere Beziehung zu den Deutschen seltsam schwierig.  Was steckt dahinter?
Durchwachsenes Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland.
Bild: Imago

Es waren Urschreie mitten in der Nacht und mitten im urbanen Zürich. Der Jubel weckte mich, da ich in diesen Hitzetagen nur bei offenem Fenster schlafen kann. Anfangs, noch im Halbschlaf, glaubte ich, das seien wohl die Deutschen, die über ihren Sieg jubeln.

Ich lebe in einem Quartier, in dem viele gut verdienende deutsche Expats leben. Aber wenn Deutsche mal einen Sieg zu bejubeln haben, tun sie es hierzulande immer nur dezent, fast verhalten, um nur ja nicht die Einheimischen zu vergraulen. Da dämmerte mir: Die Urschreier waren nicht die Deutschen, sondern die Schweizer, die sich über die Niederlage der Deutschen freuten.

Die Schadenfreude ist mir nicht ganz fremd

Das geschieht an jeder WM oder EM, wenn Deutschland scheitert, egal ob sie gut spielen und unglücklich verlieren oder ob sie, wie meistens in den letzten Turnieren, schwach spielen und verdient ausscheiden. Ich gebe zu, die Schadenfreude ist mir nicht fremd, obwohl ich deutsche Wurzeln habe und mein Nachname entsprechend klingt. Deutschen verdanke ich mindestens so viel wie Schweizern und liebe das Land. Doch beim Fussball hört die Liebe auf. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Deutschland tatsächlich gegen Paraguay ausgeschieden war, schlief ich selig wie schon lange nicht mehr.

Hässliche Deutsche: Sie zeigen 1941 vor dem Spiel gegen die Schweiz in Bern den Hitlergruss.
Bild: Photopress / Keystone

Da sind Ressentiments im Spiel – zugegeben. Muss man in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückgehen, um sie nachvollziehen zu können? Nachdem im Mai 1940 die Offensive der Wehrmacht gegen Frankreich begonnen hatte, waren selbst kritische Intellektuelle wie Max Frisch überzeugt, dass die Deutschen bald auch die Schweiz überfallen würden.

Dazu kam es nicht, aber seither hält sich das antideutsche Feindbild. Als die Schweiz ausgerechnet an Hitlers Geburtstag am 20. April 1941 ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland 2:1 in Bern gewann, feierte man das als Sieg gegen den Nazi-Staat. Der hässliche Deutsche ist seit jenen Kriegsjahren in den Schweizer Köpfen omnipräsent, sodass man lange vergass, dass es auch hässliche Schweizer gab, die eifrig Geschäfte mit den Nazis gemacht hatten.

Es ist wie in einer schwierigen Ehe

Oder ist alles viel simpler und auf nachbarschaftliche Reibereien zurückzuführen? Wenn aber Italien, Frankreich oder Österreich gewinnen, können wir uns herzhaft mitfreuen, nur bei den Deutschen ist es komplizierter. Mag man als kleiner Schweizer den grossen Deutschen einfach jede Niederlage gönnen?

Am Schluss verloren die Deutschen im Wankdorf - und das an Hitlers Geburtstag.
Bild: Photopress / Keystone

Friedrich Dürrenmatt spricht von einer schwierigen «Ehe» und manchmal giftigen «Bettgesprächen» zwischen Deutschland und der Schweiz. Ein treffendes Bild. Man steht schon aufgrund der Sprache in einem intimen Verhältnis, muss miteinander auskommen, obwohl man sich nicht immer viel zu sagen hat.

Die Deutschen sind manchmal besitzergreifend, wollten einmal zumindest auch die Schweiz beherrschen. An der Schweiz wiederum nervt ihr kolossaler Minderwertigkeitskomplex. Sie inszeniert sich im Umgang mit Deutschen zwar gern als demokratisches Vorbild und als ideale Gastgeberin. Und doch fühlen die Schweizer sich nie ganz ernst genommen, was an der Kleinheit des Landes, aber auch an der Sprache liegen mag. Unsere Muttersprache ist die Mundart, so Dürrenmatt, während das Hochdeutsche, die meist ungeliebte, strenge Vatersprache bleibt, die wir mit Staat, Gesetzen und Schule verbinden.

Freundlich, wie wir sind, passen wir uns meistens an, wenn wir mit Deutschen im Gespräch sind, und reden Hochdeutsch. Das heisst: Wir reden nicht Hochdeutsch, wir malträtieren es. Es ist eine Fremdsprache, und wir bereuen es fast jedes Mal, sie bemüht zu haben. Denn wir fühlen uns darin hoffnungslos unterlegen gegenüber dem deutschen Gegenüber, bei dem alles schnell und perfekt flutscht.

Dürrenmatt demonstrierte da ein anderes Selbstbewusstsein. Er verachtete alles, was nach Perfektion aussah. Wenn deutsche Kritiker ihm vorwarfen, er könne nicht einmal richtig Deutsch, empfand er das als Kompliment. Bewusst setzte er die Mundart in seinen Werken ein. Sie wurden trotzdem Weltliteratur.

In den Nullerjahren, als immer mehr Deutsche teils aus Job-, teils aus Steuergründen in die Schweiz zogen, entstanden verschiedene Ratgeber, die in grossen deutschen Verlagen erschienen, meist geschrieben von Schweizern. Sie gaben den zugewanderten Deutschen Tipps, wie sie lernen sollten, in der Schweiz sympathisch zu wirken. So sollten sie im Zug weniger laut telefonieren, nur ja nicht Mundart sprechen, es aber verstehen, aber auch nicht grinsen, wenn sie Dialekt hören.

Vielleicht ist es nun an der Zeit, dass auch wir schadenfreudigen Schweizer etwas lernen: Wir sollten wie Friedrich Dürrenmatt endlich unsere eigenen Minderwertigkeitskomplexe loswerden, um im Fussball mit mehr Gelassenheit und Fairness auf deutsche Schlappen zu reagieren.

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)