Wie kommt die Liebe in Ihre Kunst?
Brigitte Haas: Vor allem im Austausch. Hansjörg zeigt mir seine Texte schon in der Rohfassung und möchte wissen, was ich dazu sage. Wir reden sehr viel über seine Arbeit. Und genau so oft über meine. Wir interessieren uns also sehr für das, was der andere macht.
Herr Schertenleib, in Ihrem neuen Roman «Für die Katz» wird eine Frauenfigur beschrieben, sie sei klüger und gebildeter, auf gelassene Art mitteilsam, mit einer schwebenden Eleganz. Das ist doch Brigitte Haas?
Hansjörg Schertenleib: Schön, dass Sie das sehen. Ja, das ist sie. Aber natürlich ist das Buch trotzdem Fiktion. Es ist immer eine Mischung.
Welche Rolle spielt Humor in Ihrer Künstler-Beziehung?
Schertenleib: Eine grosse. Ich habe mir mit den Jahren ein ironischeres Verhältnis zu vielem angeeignet. Früher hat es mich zum Beispiel verletzt, wenn ich auf irgendeiner Liste nicht vorkam. Heute kann ich darüber lachen.
Haas: Ironie ist auch eine Art, etwas zu brechen. Und das funktioniert bei uns auch, wenn wir über unsere Arbeiten sprechen.
Sie dürfen die Arbeit des anderen kritisieren?
Haas: Unbedingt. Wenn ich male und merke: Da stimmt etwas noch nicht, bin ich froh um eine Rückmeldung. Hansjörg hat einmal bei einer Figur gefragt: «Hat der einen Klumpfuss?» Der Schuh war tatsächlich nicht gut. So etwas darf er sagen. Ich fordere seine Meinung ja ein.
Schertenleib: Brigitte ist meine Erstleserin und als Literaturwissenschaftlerin ja auch Expertin. Über Farbauftrag kann ich ihr nichts sagen, davon verstehe ich zu wenig. Aber Perspektivfehler sehe ich erstaunlicherweise sofort. Oder wir reden über Inhalte. Brigitte hat eine Serie mit Menschen und Tierköpfen gezeichnet. Da diskutieren wir eine halbe Stunde darüber, welches Tier zu einer Figur passen könnte. Umgekehrt gebe ich ihr meine Texte zuerst oder lese sie ihr vor – besonders dann, wenn ich unsicher bin. Denn manchmal gibt es Böcke in einer ersten Fassung.
Was ist Ihr grösstes Problem beim Schreiben?
Schertenleib: Die Genauigkeit der Sprache. Ich überarbeite jeden Abschnitt bestimmt dreissigmal. Und dann lese ich ihn Brigitte vor. Mich können inzwischen kleinste Ungenauigkeiten wahnsinnig machen. Man startet zum Beispiel nicht ein Auto, sondern den Motor.
Und Ihre Frau sieht solche Dinge?
Schertenleib: Allerdings. Sie sieht sie.
Der neue Roman
In Hansjörg Schertenleibs Roman «Für die Katz» wird das Schweizer Auswandererpaar Regula und Herbert Reuss im Burgund von einem Nachbarn terrorisiert. Wann platzt dem phlegmatischen Herbert der Kragen? Über 200 Seiten baut sich eine psychologische Spannung auf, die Schertenleib durch liebevolle, präzise Einzelporträts der Dorfgemeinschaft kontrastiert. Der Roman wird so zum Seelen- und Gesellschaftdrama. Die dem Paar immer wieder zugelaufenen Katzen spiegeln zudem den Kern einer fürsorglichen Begegnung. Der motivisch dichte, dramaturgisch geschickte und emotional vielschichtige Roman liest sich so vergnüglich wie durch die Gewaltfrage eindringlich. (hak)
Frau Haas, was schätzen Sie am Schreiben Ihres Mannes?
Haas: Dass er die Sprache ernst nimmt. Bei vielen Büchern von anderen Autorinnen und Autoren, die wir anfangen und irgendwann weglegen, gibt es schiefe Bilder oder Formulierungen oder die Perspektive nicht stimmt. Auch unsere Bibliotheken haben wir ja vermählt und wir lesen oft dieselben Bücher gleichzeitig. Seine Figuren haben all diese Grautöne: Eine Person kann einen nerven, und gleichzeitig mag man sie. Dieses Ambivalente gefällt mir sehr.
Und was stört Sie?
Haas: Das ist schwieriger. Ich liebe seine Bücher, aber ich glaube trotzdem, dass ich genug Distanz habe, um einen Text kritisch anzuschauen. Bei «Jawaka» war ich schockiert, weil er den Erzähler sterben lässt.
Herr Schertenleib, was gefällt Ihnen an den Bildern Ihrer Frau?
Schertenleib: Sie kann zeichnen. Das klingt heute vielleicht eigenartig, aber mir ist das wichtig. Sie beherrscht Perspektive, und ihre Kompositionen sind meiner Meinung nach hervorragend. Und mir gefällt der Inhalt, besonders der Humor in ihren Figuren.
Haas: Ich habe alte Menschen gezeichnet und gemerkt: Ich will mit ihnen etwas Schräges machen, etwas fast Kindisches. Eine Figur hat eine Banane, eine andere einen Sack über dem Kopf. Mich interessiert dieses Brechen. Auch bei Porträts will ich nicht einfach ein schönes Gesicht malen. Die Schönheit braucht eine Störung, etwas Merkwürdiges oder auch etwas Gewaltvolles.
Schertenleib: Gerade bei solchen Entscheidungen reden wir viel miteinander. Bei einem Bild haben wir lange über einen Gegenstand diskutiert, den die Figur halten sollte. Eine Sichel war viel zu eindeutig als Todessymbol. Also wurde weitergesucht. Ich glaube, das beschreibt unseren Austausch gut: Wir helfen uns, wenn wir ein Problem haben. Und wir sind beide uneitel genug, das Problem vor dem anderen zuzugeben.
Bis zum 26. September sind in der Aarauer Galerie 6 aktuelle Werke von Brigitte Haas zu sehen. Es sind vor allem ausdrucksstarke Porträts und Landschaften.
Gibt es zwischen Ihnen keine Konkurrenz?
Haas: Nein. Hansjörg ist seit Jahrzehnten als Schriftsteller erfolgreich. Bei mir ist die Geschichte mit den Ausstellungen viel kürzer. Ich habe immer gemalt und gezeichnet. Lange hatte ich Hemmungen, überhaupt auszustellen. Man könnte denken: Jetzt kommt die, die im Kunsthaus Führungen macht, und will auch noch malen. Dann habe ich in Amerika, Irland und Frankreich ausgestellt und irgendwann gemerkt: Es funktioniert. Ich darf das.
Schertenleib: Dass wir in verschiedenen Disziplinen arbeiten, hilft sicher. Ich war einmal mit einer Frau verheiratet, die ebenfalls Bücher schrieb. Das war schwierig. Nicht weil ich besser war, sondern weil ich älter war und schon viel mehr publiziert hatte. Bei Brigitte und mir ist das anders.
Trotzdem greifen Sie in die Arbeit des anderen ein.
Schertenleib: Ja, aber handwerklich. Wir sind wie zwei Köche, die gemeinsam eine Sauce probieren und sagen: Mit diesem Kräutchen wäre sie noch besser. Brigitte sagt mir manchmal bei einem Text: Dieses Adjektiv ist falsch, probier ein anderes – oder streich es ganz.
Muss man das Werk des Partners aus ganzem Herzen schätzen, damit eine Künstlerbeziehung funktioniert?
Haas: Für mich schon. Wenn ich mit einem Autor verheiratet wäre, dessen Schreiben ich nicht gut fände, hätte ich Mühe. Meine Liebe für Hansjörgs Werk ist ein Teil unserer Beziehung.
Es geht also auch um Achtung?
Haas: Liebe und Achtung gehören in einer Beziehung zusammen. Wenn man die Achtung verliert, wird es schwierig.
Könnten Sie aufhören, Kunst zu machen und trotzdem zusammenbleiben?
Haas: Ja.
Schertenleib: Das wird aber nicht passieren. Ich habe so viele Ideen und will gar nicht aufhören. Ich fange doch jetzt nicht an, Golf zu spielen.
Wie diszipliniert arbeiten Sie?
Schertenleib: Überhaupt nicht im klassischen Sinn. Mein Laptop läuft den ganzen Tag. Ich schreibe zehn Minuten, gehe weg, spiele Gitarre, lese, komme zurück und schreibe wieder. Von aussen sieht das wahrscheinlich wahnsinnig faul aus. Aber innerlich läuft die Arbeit dauernd weiter. Wenn mir nachts ein Satz einfällt, muss ich inzwischen aufstehen und ihn notieren. Sonst ist er am Morgen weg.
Haas: Bei mir ist es anders, wir leben ja teils in der Schweiz, teils in Frankreich. Hier im Aargau habe ich die Schule, Führungen und mein normales Arbeitsleben. In Frankreich kann ich viel öfter ins Atelier gehen. Dann arbeiten wir beide in unseren Räumen und irgendwann sagt einer: «Kaffee!» Wir treffen uns, trinken zusammen einen Kaffee und gehen wieder an die Arbeit.
Gibt es ein Leben ohne Kunst?
Haas: Natürlich. Familie, Freunde, Freundinnen. Ich gehe auch wahnsinnig gerne schwimmen. Wenn Hansjörg schreibt, sage ich manchmal: Jetzt gehe ich an den See. Aber Kunst ist schon sehr wichtig.
Schertenleib: Bei mir gibt es viel weniger Leben neben dem Schreiben. Neunzig Prozent meines Lebens sind Schreiben und Lesen.
Streiten Sie nie über Kunst?
Haas: Doch. Bei Literatur liegen wir oft sehr nahe beieinander. Wir lesen oft gleichzeitig dieselben Bücher und unsere Bibliotheken haben wir auch vermählt. Bei bildender Kunst ist das anders.
Schertenleib: Ich finde einiges, was Brigitte grossartig findet, zum Davonlaufen. Mit Picasso kann ich nichts anfangen. Und die Impressionisten finde ich langweilig.
Haas: Da schaue ich als Kunsthistorikerin natürlich anders hin. Ich kann ein Werk historisch interessant finden und erklären, was daran zu seiner Zeit neu war, auch wenn Hansjörg sagt: Das will ich nicht anschauen.
Wie lösen Sie das?
Schertenleib: Ganz einfach. Ich würde nie mit ihr in eine Impressionisten-Ausstellung gehen.
Haas: Dann gehe ich mit einer Freundin oder einer unserer Töchter. Wir wissen ja voneinander, was uns gefällt.
Aber gestritten wird schon?
Haas: Sehr heftig manchmal. Ich fände es merkwürdig, wenn ein Paar nie streiten würde.
Was stört Sie an Ihrem Mann?
Haas: Dass er sich manchmal in Rage redet. Dann sage ich: Jetzt hör doch auf.
Schertenleib: Das stört mich an mir selbst auch. Ich bin impulsiv, und manchmal rede ich ziemlich grässlich. Umgekehrt rege ich mich auf, wenn sie ihre Töchter, die ich über alles liebe, zu sehr in Schutz nimmt. Darüber können wir uns richtig streiten.
Und danach?
Haas: Wir finden eigentlich schnell wieder zusammen.
Schertenleib: Das ist entscheidend. Man kann heftig streiten, aber man muss sich wieder versöhnen.




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