Lucerne Festival

Kaum die Hände gehoben: Warum den Dirigenten Daniel Barenboim trotzdem alle bejubeln

Musikalisch gerät sein Konzert mit dem West-Eastern Divan Orchestra zum Stillstand. Doch es gab dennoch ein Wunder zu erleben.

2023 fragte ich an dieser Stelle: «Wer sagt Daniel Barenboim: Lass gut sein?» Ich schrieb das, weil mir seine Interpretation der 2. Sinfonie von Johannes Brahms missfallen hatte. Von einer Nichtinterpretation redete ich und stellte die Frage: «War eine Sinfonie am Lucerne Festival jemals so schlecht gespielt worden?»

Nach dem Konzert am Montagabend frage ich nichts mehr. Warum auch? Die Sinfonie endete irgendwann und die Leute jubelten, standen im Saal und das Orchester stampfte im Rhythmus. Barenboim tat, was er tun musste: Der Dirigent, der an Parkinson erkrankt ist, schleppte sich rein und raus, obwohl man zu Beginn kaum geglaubt hatte, dass er den Schritt hinauf aufs Dirigentenpult schaffen würde. Dort angekommen, hievte er sich auf einen Hochstuhl, wo er mehr oder weniger regungslos das Ende der beiden Werke erwartete.

Beim Cellokonzert von Antonín Dvořák stand dann auch nicht er, sondern der bald 71-jährige Cellogrossmeister Yo-Yo Ma im Mittelpunkt. Er zeigte, wie gelassen, wie ruhig, wie samtschön ein Mensch Cello spielen kann. Und wie man jede einzelne Note liebevoll auskosten und geniessen kann. Diese Kunst war besonders gefragt, denn Barenboim hatte ein Tempo angeschlagen, das bei diesem Werk niemand vor ihm im KKL, vielleicht gar weltweit, gewagt hatte. Der hymnische Stillstand, die Apotheose, schien kurz vor dem Ende des 3. Satzes nah. Schlimm? Detail. Schade nur, wurde Yo-Yo Mas Spiel bisweilen selbst von den plaudernden Holzbläsern übertönt.

Die israelischen und arabischen Musikerinnen und Musiker des West-Eastern Divan Orchestra spielten für Barenboim, als wären sie alle seine Kinder. Eines davon, sein Sohn Michael, sitzt tatsächlich am ersten Pult und ist Konzertmeister der Formation. Und auch dem 41-Jährigen ist zu danken, dass hier einiges seinen rechten Weg fand.

Doch obwohl Michael Barenboims Kunst dazu reichte, das Orchester zusammenzuhalten, nützte es für eine Interpretation von Robert Schumanns 3. Sinfonie, der «Rheinischen», nicht mehr. Diesem Rhein fehlte nicht das Wasser, nein, er war geradezu riesig: ein lauwarmer Strom, der langsam durch seinen Kanal floss. Ohne Strudel, ohne Stromschnellen, ohne Gefahr. Ein Rhein zum Füssebaden.

Schlimm? Nein, nein. Nächstes Jahr, wenn Gott will, werden alle diese 1800 Besucher wieder im KKL sitzen und Barenboim zujubeln, wenn er aufs Podium steigt. Zu wünschen ist es uns allen. Hoffen wir also, dass dieser Tausendsassa noch jahrelang am Montag nach der Lucerne-Festival-Eröffnung sein Konzert mit dem West-Eastern Divan im KKL geben wird. Welche Jungstars da auch auftauchen werden: Barenboims Konzert wird als Erstes ausverkauft sein. Und die Leute werden wieder dasitzen, gerührt sein wie Kinder, die zum ersten Mal den Weihnachtsbaum sehen. Was will ein Festival mehr?

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