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«ChatGPT ist doof!» – Wie meine Vierjährige in einen Streit mit der künstlichen Intelligenz geriet

Weil der Bildgenerator DALL-E2 ihre Fantasie beleidigte, griff meine Tochter zum Buntstift. Warum künstliche Intelligenz auch für Kinder ein wichtiger Impulsgeber sein kann, der sie weiter bringt.
Der Geisterfreund, wie ihn sich das Programm Dalle-E 2 vorstellt (l.) und wie meine Tochter ihn sieht (r.).
Bild: Bild: Dalle-E 2/Julia Stephan

Meine Tochter hat einen Geisterfreund. Wie der genau aussieht, wusste ich bis vor kurzem nicht. Ich wusste nur: Er tut Dinge, die sie auf keinen Fall tun darf. Die Kiste mit Süssigkeiten plündern, zum Beispiel. Oder ihre Jacke in eine Zimmerecke werfen. Der Geisterfreund erledigt auch alle lästigen Pflichten, auf die meine Tochter keine Lust hat: Er räumt ihr Zimmer auf oder isst ihr Mittagessen, wenn sie wieder mal keinen Bissen runterkriegt.

Dieses gestaltlose Wesen kann sie sogar dazu überreden, dass sie bei ihren nächtlichen Ausflügen durch den Stadtpark exakt die rote Hose trägt, die ich ihr morgens vergeblich aufzunötigen versuche. Mit so einem triumphalen Lächeln erklärt sie mir dann beim Aufstehen: «Mama, ich hatte die Hose schon in der Nacht an.» Kurz: Der Geisterfreund ist das outgesourcte schlechte Gewissen, eine perfide Überwälzungsstrategie auf ein Fantasiewesen. Und dieses Fantasiewesen wird von meiner Tochter bei Lebensfragen genauso häufig konsultiert wie ich Google, ChatGPT und Konsorten dazu nutze, mein defizitäres Wissen zu ergänzen.

Als ich sie kürzlich um Erlaubnis bat, diesen Geisterfreund doch bitte einmal von einer künstlichen Intelligenz (KI) zeichnen zu lassen, damit ich endlich wisse, mit wem ich es zu tun habe, war sie voller Enthusiasmus. Der Versuch, mit dem Bildgenerator DALL-E2 ein gemeinsames Selfie der Disney-Eisprinzessin Elsa mit dem berühmtesten Schwein der Spielzeugindustrie, Peppa Wutz, zu generieren, war aus urheberrechtlichen Gründen gerade gescheitert. Da forderte meine Tochter die KI auf, mir ihren Geisterfreund vorzustellen. Die KI, die gut darin ist, jede Vorstellung von Welt hinter einen kitschigen Disney-Filter zu legen, präsentierte uns «Seraphin», einen weissen Geist mit Smiley. Meine Tochter war entsetzt.

Wichtiger Impulsgeber für Kreativität

«So sieht der doch nicht aus!», rief sie laut. «ChatGPT ist doof!» Als die KI eine neue Version in Flaschengrün ausspuckte, hatte sie bereits Wuttränen in den Augen, fuchtelte wild durch die Luft und rang um Worte. Noch bevor ich den Prompt für die KI noch einmal präzisieren konnte, kam sie mit Buntstiften und Papier ins Zimmer gestürmt und fing ihren Geisterfreund in einem nie da gewesenen Furor zu zeichnen an. Jetzt weiss ich, dass der Kerl schiefe Augen und grüne und blaue Haare hat. Und dass der Kabarettist Christoph Simon Recht hatte, wenn er sagte: «Die Welt braucht mehr künstlerische Intelligenz!»

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