Analyse

Céline Amaudruz und das 5-jährige Karttalent: Wie viel Ehrgeiz verträgt eine Familie?

Céline Amaudruz will trotz kleiner Kinder Bundesrätin werden, ein Vater macht seine fünfjährige Tochter zum Karttalent. Zwei Extreme, die überraschend viel miteinander zu tun haben.

Céline Amaudruz will Bundesrätin werden. Doch kann sie das? Darüber wird diskutiert, seit ihr Name im Spiel ist. Nur geht es dabei kaum um ihren politischen Fähigkeitsausweis, sondern um ihre Rolle als Mutter. Amaudruz hat mit ihrem Mann eine drei- und eine einjährige Tochter. Lässt sich das Amt einer Bundesrätin mit kleinen Kindern vereinbaren? Auf diese Frage reagiert die Genfer SVP-Nationalrätin empört. Bei einem Mann würde man sie nicht stellen.

Für Aufregung sorgte diese Woche auch der Vater einer kleinen Tochter. Markus Brun hat das Rennfahrtalent seiner fünfjährigen Emily früh entdeckt und radikal gefördert. Seit über einem Jahr arbeitet er nur noch für seine Tochter und nimmt «finanzielle Durststrecken» in Kauf. Auf der Kartbahn hängt Emily ältere Kinder locker ab – und in den sozialen Medien folgen ihr Hunderttausende. Doch nun hat der Schweizer Motorsportverband das Mädchen gesperrt. Der Vater hält die Sanktion für ungerechtfertigt und kämpft dagegen.

Die Klischees sind schnell zur Hand: Rabenmutter und Tigervater. Hier die egoistische Mutter, die trotz kleiner Kinder nach dem höchsten politischen Amt strebt. Dort der überambitionierte Vater, der sein eigenes Berufsleben zurückstellt, um die Karriere seiner fünfjährigen Tochter voranzutreiben. Die eine tut vermeintlich zu wenig für ihre Kinder, der andere zu viel.

Schon die Tierbilder führen in die Irre. Raben sind keineswegs schlechte Eltern. Und Tigerväter? Die ziehen sich nach der Paarung zurück und überlassen die Aufzucht der Mutter.

Doch auch sonst ist es verfehlt, eine Politikerin dafür zu tadeln, dass sie trotz kleiner Kinder Bundesrätin werden will. Die Kinder haben auch einen Vater, der mehr Erziehungsarbeit übernehmen kann. Und mit einem Bundesratsgehalt ist eine Nanny leichter finanzierbar als für viele Familien ein Kita-Tag. Ohnehin gibt es auch Frauen in der Privatwirtschaft, die ähnlich viel arbeiten, ohne dass die Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob sich das mit Kindern vereinbaren lässt. Und manche Eltern haben gar keine Wahl: Sie müssen viel arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Dennoch wäre es lebensfremd, so zu tun, als spiele all das keine Rolle. Das Leben als Bundesrätin ist ein anderes. Die Zeit für die Kinder wird knapper, der Familienalltag ein anderer. Eine solche Karriere ist auch mit Verzicht verbunden.

Während Amaudruz familiäre Abstriche für ihre eigene politische Karriere in Kauf nimmt, richtet Kart-Papa Brun sein Leben ganz auf die Karriere seiner Tochter aus. Man will gar nicht in Abrede stellen, dass die Kleine Freude am Kartfahren hat, ehrgeizig ist und offenbar ein aussergewöhnliches Talent besitzt. Und dennoch entsteht hier eine heikle Abhängigkeit.

Ein fünfjähriges Kind sollte die Freiheit haben, morgen etwas ganz anderes zu wollen. Was, wenn Emily plötzlich ihre Liebe zum Tanzen oder Reiten entdeckt? Das Leben der Familie ist ganz auf das Kartfahren ausgerichtet – auch finanziell. Doch eine Leidenschaft ist in diesem Alter noch kein Lebensentwurf. Problematisch wird es, wenn die Erwachsenen einen daraus machen.

Kinder sollen immer ihre eigenen Träume haben dürfen – und Eltern, die sie darin unterstützen. Wenn sich diese Träume ändern, müssen Eltern das aushalten. Auch wenn sie viel Zeit, Geld und Herzblut investiert haben. Aber auch Eltern sollten trotz Kindern ihre eigenen Träume verfolgen. Auch damit können sie gute Vorbilder sein: Sie leben vor, dass es sich lohnt, für etwas zu brennen. Sich für andere vollständig aufzugeben, kann kein Ideal sein.

Zur Freiheit, eigene Träume zu verfolgen, gehört auch die Freiheit, die Prioritäten wieder zu ändern. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern bekam während ihrer Amtszeit eine Tochter. Als sie  fünf Jahre später zurücktrat, sagte sie ihrer  Tochter, wie sehr sie sich darauf freue, dabei zu sein, wenn diese nun eingeschult werde.

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