Vor 550 Jahren, am 22. Juni 1476, besiegten die Eidgenossen in der Schlacht bei Murten den burgundischen Herzog Karl den Kühnen. Bis zu 10'000 burgundische Kämpfer blieben tot auf dem Schlachtfeld liegen oder wurden auf der Flucht niedergemetzelt, während die Eidgenossen und ihre Verbündeten 300 bis 1000 Tote zu beklagen hatten. Die Burgunder liessen nach der Schlacht einen Grossteil ihres auf dem Feldzug mitgeführten Materials zurück, darunter zahlreiche Kunstschätze. Einer der wertvollsten, ein goldener Messkelch, befindet sich heute im Stiftsschatz der Hofkirche Luzern.
«Der Kelch ist ein Glanz-, aber auch ein Rätselstück. Kunst- und kulturgeschichtlich gibt es dazu Spannendes zu erzählen», sagt Urs-Beat Frei, der Kurator des Stiftsschatzes. Er möchte der Bevölkerung zum 550-Jahre-Jubiläum die Bedeutung des Kelches in Erinnerung rufen.
Ein Teil des Kelchs ist 800-jährig
Erstmals erwähnt ist der Kelch im ältesten erhaltenen Inventar des Stiftsschatzes von 1599, verfasst vom damaligen Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat. Gemäss Cysat schenkte ihn die Obrigkeit des Standes Luzern dem Stift St. Leodegar. Der Kelch, der am burgundischen Hof für liturgische Zwecke genutzt wurde und den Karl der Kühne wohl für seine Feldkapelle mitführte, ist 18,2 Zentimeter hoch. Gemäss dem Standardwerk «Burgunderbeute» des Schweizer Kunsthistorikers Florens Deuchler (Verlag Stämpfli & C., Bern 1963) ist der Kelch in seiner jetzigen Form aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Die Kuppa, das eigentliche Trinkgefäss, dürfte im frühen 13. Jahrhundert wohl in Süditalien entstanden sein. Der in Lilienblätter mündende Fuss sowie der in Form einer Weinranke gestaltete Schaft stammen aus dem 14. Jahrhundert. Der verzierte Knauf (Nodus) dürfte aus einem anderen Zusammenhang stammen, eventuell von einem Reliquienbehältnis. «Es sind längst noch nicht alle Fragen rund um den Kelch beantwortet», betont Urs-Beat Frei, «es gibt noch viel zu forschen.»
Rund um die Kuppa gibt es vier kreisrunde Medaillons, welche die Symbole der vier Evangelisten (Engel, Löwe, Stier, Adler) zeigen. Die Tiersymbole wurden mit aufgeschmolzenen Goldkörnchen in Granulationstechnik hergestellt. Gemäss Deuchler macht dies den Kelch zu einem «Unikum unter den mittelalterlichen Messkelchen». Die Granulation sei eine der ältesten und aufwendigsten Goldschmiedetechniken und wurde schon in der Antike angewandt, ergänzt Frei. Ein weiterer Messkelch aus der Burgunderbeute, allerdings anderer Machart, ist in der Pfarrei St. Verena in Risch erhalten.
Karl zog mit seinem riesigen Vermögen in die Schlacht
Auslöser der Burgunderkriege von 1474 bis 1477 war das aggressive Grossmachtstreben von Karl dem Kühnen. Er wollte sein Herzogtum zu einem eigenen Königreich zwischen Frankreich und Habsburg machen. Dabei kam ihm die Eidgenossenschaft in die Quere. Drei Schlachten fochten die Eidgenossen gegen die Burgunder und siegten stets. Die scheinbar übermächtige schwere Reiterei und gepanzerte Infanterie der Burgunder rieben sich an den mit Hellebarden bewehrten Eidgenossen auf. Karl der Kühne verlor «bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Blut», wie ein Chronist im 15. Jahrhundert spottete. Der Traum von der Grossmacht Burgund war ausgeträumt.
Karl der Kühne herrschte zuvor über eine der reichsten Regionen Europas. Sein Hof galt als Inbegriff spätmittelalterlicher Pracht und Kultur. Auf seinen Kriegszügen führte er neben riesigen Feldlagern mit Feldkarren und Tausenden von Pferden jeweils auch fast den gesamten Staatsschatz mit – nicht zuletzt zur Bezahlung seines teuren Heeres. Mit seinem Prunk und Hofstaat wollte er zudem Verhandlungspartner und Gegner gleichermassen beeindrucken.
Eine der grössten Kriegsbeuten der Geschichte
Nach der ersten Schlacht am 2. März 1476 bei Grandson liessen die Burgunder auf ihrer überstürzten Flucht praktisch ihr ganzes Heerlager zurück. Das bedeutete reiche Beute für die Eidgenossen und ihre Verbündeten. Gemäss zeitgenössischen Berichten transportierten sie rund 400 Wagenladungen voller Kostbarkeiten aus dem burgundischen Feldlager ab. Neben 419 Geschützen und rund 300 Tonnen Schiesspulver umfasste die Beute Hunderte von Pferden, wertvolle Silberarbeiten, Kunstgegenstände, kostbare Reliquien, prunkvolle Gewänder, Wandteppiche, Schmuck – und enorme Geldsummen.
Bis heute gilt die Burgunderbeute als eine der grössten Kriegsbeuten der Geschichte. Ein grosser Teil der Schätze wurde eingeschmolzen oder aufgeteilt; was erhalten blieb, ist heute über die ganze Schweiz verstreut. Artillerie, Fahnen und Waffen sowie einige Prunkstücke aus dem persönlichen Besitz des Herzogs wurden nach der Schlacht von Grandson nach Luzern überbracht und dort im Wasserturm vorübergehend aufbewahrt. Der vergoldete, mit kostbaren Stoffen ausgelegte Holzsessel, auf dem Karl der Kühne Recht zu sprechen pflegte, ist in der Diebold-Schilling-Chronik von 1513 prominent abgebildet. Der Sessel kam nach jahrelangen, auf den eidgenössischen Tagsatzungen geführten Verhandlungen im Sommer 1489 ins Kloster Einsiedeln. Er existiert heute nicht mehr, vermutlich fiel er dem Klosterbrand von 1577 zum Opfer. Die umfangreichste Sammlung von Beutestücken aus den Burgunderkriegen, darunter viele kunstvoll gearbeitete Tapisserien, ist heute im Historischen Museum Bern ausgestellt.
Spezialführungen zum Burgunder-Kelch im Kirchenschatz der Hofkirche: 27. Juni (10 Uhr), 30. Juni (19.15 Uhr). www.luzern-kirchenschatz.org. Historisches Museum Bern: «Murten, ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» (bis 2027).



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