In Long Branch, New Jersey, ein Steinwurf von der Geburts- und frühen Wirkungsstätte von Bruce Springsteen entfernt, wurde am 13. Juni das Bruce Springsteen Center for American Music eröffnet. Privat und durch Stiftungs-Spenden finanziert, beherbergt es Springsteen- und E Street Band-Memorabilia aus sechs Dekaden, wie den handschriftlichen Text zu «Born to Run».
Hinzu kommen über 47’000 Hinterlassenschaften wie Instrumente von Louis Armstrong und John Coltrane oder Bühnenkostüme von Aretha Franklin und Frank Sinatra. Ein 240-Sitze-Konzertsaal, ein Probestudio, sowie ein Recherche-Archiv komplettieren den mächtigen Bau auf dem Monmouth University Campus. Die erklärte Mission: ein Selbstporträt der Nation. Eine Reflexion über amerikanische Identität, Geschichte und Aspiration anhand amerikanischer Musik.
Der Tessiner Fan hat Springsteen 110 Mal erlebt
Der Tessiner Alberto Engeli bekommt Gänsehaut, wenn er über das Center spricht. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen, aber er schätzt, dass er Bruce Springsteen über 110 Mal live auf der Bühne gesehen hat. Zum ersten Mal am 21. Juni 1985 im San-Siro-Stadion in Mailand. «Ein Arbeitskollege wollte hin und ich dachte, dass es in der Pressesektion notfalls eine Bar habe, wenn ich mich langweilen sollte», erinnert sich der TV-Kameramann schmunzelnd. Doch es folgte ein magischer, schwer in Worte zu fassender Moment: «Als er ‹Born in the USA› anstimmte, traf es mich wie ein Blitz. So etwas hatte ich vorher und nachher nie mehr erlebt.»
In den Neunzigerjahren wanderte der aus Bellinzona stammende Engeli nach Los Angeles aus, wo er für europäische TV-Anstalten hinter der Kamera stand. Als RAI nur noch ein Büro an der Ostküste unterhielt, zog er nicht nur wegen des « Springsteen Vibe » nach Asbury Park, die Beach-Community, die Springsteen mit seinem Debüt-Album « Greetings from Asbury Park, N.J. » 1973 berühmt gemacht hatte. « Asbury Park ist für Rock’n’Roll wie Memphis für den Blues, Nashville für Country Music und New Orleans für den Jazz », erklärt Engeli. « Hier gibts viele Clubs, im Sommer täglich tolle Konzerte. »
Als freiwilliger Helfer bei solchen Konzerten lernte er Springsteen-Insider kennen wie Eileen Chapman, eine Musik-Festivalgründerin, ehemalige Managerin des legendären Stone Pony Clubs und heutige Direktorin des Bruce Springsteen Centers for American Music. Engeli arbeitet nun Teilzeit im Shop des 2750 Quadratmeter grossen Neubaus und hilft aus, wo Not am Mann ist: «Die Leute haben mich hier quasi adoptiert, und ich liebe den Austausch mit den Fans. Wir sind alle Blutsbrüder.»
Vom Bibliothekskasten zum 50-Millionen-Neubau
Vor 25 Jahren taten sich ein paar Fans zusammen und trugen alles Mögliche über die Rock-Ikone Bruce Springsteen zusammen. Auch Alberto Engelis Material wurde bei einer Ausstellung schon verwendet. Das in der Bibliothek von Asbury Park untergebrachte Archiv platzte schliesslich aus den Nähten.
Springsteens Image als Mann des Volkes treu bleibend, sollte der neue 50-Millionen-Dollar-Bau nicht nur sein Archiv, sondern einen breiteren musikalischen Footprint aufweisen: « Ich sehe mich als kleines Glied in einer grossen Kette. Ich trug die Flagge eine Weile und gab sie weiter», erklärt der 76-jährige Rocker im TV-Interview mit dem Landessender PBS anlässlich der Eröffnung, bei der auch Jersey-Kumpel Jon Bon Jovi und Jackson Brown auftraten.
«Ich wollte ein Künstler sein, der über seine Zeit und seine Familie schrieb und zeigen, wie das Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sie prägte.» Ein lautstarker Kritiker der Trump-Administration, veröffentlichte Springsteen im Januar nach den ICE-Razzien in Minneapolis den Protest-Song «Streets of Minneapolis». Passend ist deshalb die erste temporäre Ausstellung unter dem Titel «Chimes of Freedom: Protest, Patriotismus and the Power of Song» der Rolle der Musik beim politischen und sozialen Umbruch gewidmet.
« The Boss » sei eben ein cooler Typ, so Alberto Engeli. Er hat sein Idol schon mehrmals getroffen. Letztes Jahr tauchte Springsteen unangemeldet im Pop-Up-Store auf, den der Schweizer betreute: «Er weiss wer ich bin, aber wir haben noch nie zusammen ein Bier getrunken.» Dieser Moment wird noch kommen. Davon ist Engeli überzeugt.






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