Hip-Hop

«Zwischen 20 und 30 gab es Zeiten, in denen ich nicht wusste, was ich essen sollte»

Der Zürcher Musiker Bligg wird 50 und will künftig kürzer treten. Zuerst aber feiert er sein 30. Bühnenjubiläum – und tritt zusammen mit Gölä auf.

Sie sind 50 geworden. Was macht die Fünf vor der Null mit Ihnen?

Bligg: Es ist komfortabel, weil ich schon einiges erreicht habe. Gewisse Dinge muss ich heute nicht mehr, aber ich kann, wenn ich will. Das ist ein schöner Luxus. Man hat auch gewisse Erfahrungswerte. Das macht das Leben einfacher. Die 50 hat also durchaus schöne Seiten.

Keine körperlichen Beschwerden?

Die Prostata hat sich noch nicht gemeldet (lacht). Heute war ich beim Hautarzt und habe alle Muttermale kontrollieren lassen. Alles gut. Ich kann sagen, dass ich ziemlich fit bin. Ich habe in den vergangenen 15 Jahren Sport gemacht und darauf geachtet, in Form zu bleiben. Der Lifestyle als Musiker, die Shows – das zehrt an den Kräften. Ohne eine gewisse Grundfitness wäre das schwieriger.

Sie leben also ziemlich gesund?

Gesundheit ist mir wichtig. Aber wir haben in jungen Jahren nichts ausgelassen. Und auch heute gibt es Momente, in denen ich das Leben geniesse. Ich mag einen Rotwein zum richtigen Zeitpunkt, rauche auch mal gern eine Zigarre. Aber im Alltag halte ich es anders.

Wenn Sie dem 20-jährigen Bligg heute begegnen würden: Worüber würden Sie den Kopf schütteln?

Wahrscheinlich über alles, was der Dummkopf damals gemacht hat. (lacht) Rückblickend ist man immer schlauer. Es brauchte viele Leute, die mich auf gewisse Dinge hingewiesen haben. Sie glauben mir vielleicht nicht, aber ich war als junger Mann sehr unsicher.

Würden Sie Ihrem jüngeren Ich auch finanziell Ratschläge erteilen?

Definitiv. Da musste ich viel Lehrgeld bezahlen. Zwischen 20 und 30 gab es Zeiten, in denen ich nicht wusste, was ich essen sollte. Mir wurde der Strom abgestellt, und ich sass zu Hause bei Kerzenlicht. Das war heftig. Meine Leidenschaft für die Musik war so gross, dass ich den Briefkasten nie öffnete.

Im neuen Song «Hallo Neuland» singen Sie von Aufbruch und davon, sich auf Neues einzulassen. Wollen Sie sich mit 50 noch einmal neu erfinden?

Nein, auf keinen Fall. Aber das Wort Rente gibt es für mich nicht. Höchstens Unruhestand. Ich bin ein umtriebiger, schöpferischer Typ. Aber nach 50 möchte ich mir den Luxus gönnen, auch mal keinen Plan zu haben. Das gab es in meinem Leben bisher selten.

Wollen Sie einen Gang runterschalten?

Ja. Irgendwann muss man seinen Katalog auch verwalten. Man macht sich Gedanken über die Kinder und die Frau. Was passiert, wenn ich einmal nicht mehr da bin? Solche Fragen tauchen auf.

Einen Gang zurückschalten kann man nur, wenn man es sich leisten kann.

Es hängt davon ab, welchen Lifestyle man pflegt. Ich habe über die Jahre sehr sparsam gelebt und gleichzeitig viel Geld in meine Kunst, meine Shows und mein eigenes Publishing investiert. Daneben war ich aber auch geschäftlich tätig.

Wo denn?

Ich habe Firmenanteile und Immobilien erworben. Es sind unterschiedliche Unternehmen, darunter KI-gestützte Firmen und generell Unternehmen aus dem technologischen Bereich.

Welche Rolle spielt Ihre Frau Fabienne in Ihrer Planung?

Eine sehr grosse. Wir kennen uns seit bald 30 Jahren. Irgendwann kam der Punkt, an dem wir Nägel mit Köpfen gemacht haben. Wir sind als Familie auch ein Unternehmen. Wir haben uns letzten Dezember ein Haus aus den 1970er-Jahren gekauft und es eigenhändig saniert. Da kam mir auch meine frühere Erfahrung vom Bau zugute. Das Haus ist ein Teil unserer Assets – und es gibt weitere.

Arbeitet Fabienne auch konkret in Ihrer Karriere mit?

Sie kümmert sich aktuell um die Gästeliste für das Jubiläums-Konzert im Dezember und bringt sich im Marketing ein. Sie kommt selbst aus diesem Bereich und hat lange bei einer Grossbank in einer guten Position gearbeitet. Diese Erfahrung nützt uns.

Sie galten als Heiratsmuffel, haben letztes Jahr aber geheiratet. Wieso?

Heiratsmuffel ist etwas hochgegriffen. Da muss ich widersprechen (lacht). Ich bin ein Scheidungskind und habe deshalb die Ehe nie gesucht. Aber genauso ahnungslos, wie ich früher bei finanziellen Fragen war, war ich auch bei diesem Thema. Das Bürokratische rund um eine Ehe hat nicht nur schlechte Seiten. Es geht auch um Absicherung.

Ihr Privatleben haben Sie über all die Jahre stark geschützt. Wie halten Sie es heute mit Fabienne und Ihren Kindern?

Der Weg in die Öffentlichkeit ist mein Weg. Gerade meine Kinder haben sich dieses Leben nicht ausgesucht. Bei mir soll es um meine Musik gehen. Alles andere gehört nicht in die Öffentlichkeit. Ich möchte meine Familie vor der Öffentlichkeit schützen. Wo Licht ist, gibt es auch Schatten – und ich will sie nicht diesem Schatten aussetzen.

Wären Sie manchmal froh, nicht erkannt zu werden?

Oh ja. Wenn es nicht die Musik und diese Leidenschaft gäbe, und Musik nun einmal ein Publikum voraussetzt, hätte ich niemals einen Beruf gesucht, in dem ich öffentlich bin. «Never, ever, ever.» Privat bin ich eher introvertiert. Natürlich bringt die Bekanntheit auch schöne Dinge mit sich. Aber es gab Zeiten, da konnte ich an einer Tankstelle anhalten und plötzlich rannten ganze Schwärme hinterher. Zeitweise wagte ich mich kaum noch raus.

Und heute?

Heute ist das anders. Ich kann mit meinen Kindern ins Schwimmbad gehen. Natürlich schauen ein paar Leute oder fragen nach einem Foto. Das nehme ich in Kauf, weil ich meinen Kindern ein möglichst normales Leben ermöglichen möchte.

Könnten Sie sich vorstellen, künftig stärker im Hintergrund zu arbeiten?

Absolut. Ich glaube nicht, dass ich künftig weniger Ideen haben werde. Aber ich möchte nur nicht mehr überall der Hauptdarsteller sein. Ich geniesse es inzwischen, im Hintergrund zu arbeiten. Ich möchte künftig nicht jedes Wochenende irgendwo auf einer Bühne stehen. Stattdessen möchte ich mehr Zeit mit der Familie verbringen.

Wo arbeiten Sie im Hintergrund?

Ich schreibe Texte für andere Künstler, Ghostwriting. Das hänge ich aber nicht an die grosse Glocke, auch aus Respekt gegenüber diesen Künstlern. Ich könnte mir auch vorstellen, ein Musical auf die Beine zu stellen. An Ideen, Netzwerk und Erfahrung mangelt es nicht. Und ich habe inzwischen auch die finanziellen Möglichkeiten, Dinge aufzubauen, bei denen ich nicht selbst der Hauptdarsteller sein muss.

Wird es ein weiteres Bligg-Album geben?

Das weiss ich tatsächlich nicht. Wenn ich jetzt schon ein 19. Album planen würde, wäre ich sofort wieder im Hamsterrad. Diesen Rhythmus möchte ich durchbrechen. Ich sage aber nicht, dass ich nie mehr Musik machen werde. Vielleicht packt es mich in zwei Jahren und ich habe Lust auf einen Song. Vielleicht mache ich ein kleines Blues-Projekt und gründe eine Band, ohne damit auf die grossen Bühnen zu wollen. Den Luxus, das heute nicht planen zu müssen, gönne ich mir mit 50.

Im neuen Song «Helvetia» gehen Sie mit der politischen Schweiz hart ins Gericht. Drückt der Song eine generelle politische Unzufriedenheit aus?

Nicht so pauschal. Wir machen vieles richtig in diesem Land. Aber wir machen manche Dinge auch unnötig kompliziert. Wir haben einen sehr bürokratischen, teilweise trägen Apparat. Das wollte ich in diesem Song zum Ausdruck bringen.

Ist Politik für Sie eine Option?

Nein, niemals! Aber: «Never say never. »(lacht) Ich sagte auch einmal, dass ich mit 45 nicht mehr auf der Bühne stehen werde. Natürlich interessiert mich Politik. Als Künstler sehe ich mich aber woanders. Mit Musik möchte ich die Menschen zusammenbringen und ihnen etwas mitgeben. In der Politik muss man sich für eine Partei oder Gruppierung entscheiden. Man muss Farbe bekennen, während das Leben voller Graustufen ist. Für diese Graustufen gibt es in der Musik mehr Platz. Deshalb gehe ich lieber den musikalischen als den politischen Weg.

Auf dem Album gibt es einen Song mit Gölä. Was verbindet Sie beide?

Wir sind beide Mundartkünstler, die in diesem Land etwas hinterlassen haben. Wir heissen beide Marco und waren beide einmal Bauarbeiter (lacht). Auch musikalisch gibt es Schnittmengen: Country, Blues-Rock – irgendwo darin haben wir eine ähnliche DNA.

Am 5. Dezember feiern Sie im Hallenstadion Ihre 30-jährige Karriere mit einer grossen Jubiläumsshow. Welche Gäste werden dabei sein?

Wenn ich alle verrate, sind es keine Überraschungsgäste mehr (lacht). Aber Gölä ist natürlich ebenso dabei wie Marc Sway. Aber es hat noch weitere Gäste, die Teil meines musikalischen Katalogs waren.

30 Jahre Bligg - Jubiläumsshow - mit Special Guests. Samstag, 5.12.2026, 20 Uhr, Hallenstadion Zürich.

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